Neue Musik

7 Min. Lesezeit
Redaktion
Die Saitenenden eines Flügels an den Anhangstiften der goldenen Gussplatte, dazwischen ein roter Filzstreifen. Foto: Leo_65 / Pixabay.
Die Saitenenden eines Flügels an den Anhangstiften der goldenen Gussplatte, dazwischen ein roter Filzstreifen. Foto: Leo_65 / Pixabay.

Zusammenfassung

Neue Musik bezeichnet die komponierte Kunstmusik des 20. und 21. Jahrhunderts, die sich von der Dur-Moll-Tonalität löst. Der Begriff ist eine Epochenbezeichnung und meint nicht neu erschienene Musik. Weil kein Grundton mehr ordnet, bringt jede Richtung ihre eigene Ordnung mit: die Zwölftontechnik eine Reihe aus allen zwölf Tönen, die serielle Musik zusätzliche Reihen für Dauer, Lautstärke und Klangfarbe, die Aleatorik den Zufall, die Klangflächenkomposition den dichten Klang und die Minimal Music das wiederholte Muster. Wo die Notenschrift nicht ausreicht, entstehen grafische Partituren mit werkeigenen Zeichen.

Neue Musik bezeichnet die komponierte Kunstmusik des 20. und 21. Jahrhunderts, die sich von der Dur-Moll-Tonalität löst. Der Begriff benennt eine Epoche, kein Erscheinungsdatum: Ein Album von letzter Woche ist neue Musik im Wortsinn, aber keine Neue Musik. Keine Tonart legt mehr fest, welcher Ton der wichtigste ist, und an ihre Stelle treten Ordnungen, die der Komponist für sein Werk selbst bestimmt.

ab 1900Zeitraum
12Töne je Reihe
4Formen der Reihe
1920erZwölftontechnik

Was ist Neue Musik?

Neue Musik ist die Sammelbezeichnung für die komponierte Kunstmusik seit etwa 1900, die den Dur-Moll-Zusammenhang aufgibt. Die Musikwissenschaft führt sie als Abschnitt der Moderne, der Epoche nach der Romantik.

Einen einheitlichen Stil deckt der Begriff nicht ab. Zwölftonmusik, Aleatorik und Minimal Music klingen völlig verschieden und teilen nur die Ausgangslage: Keine von ihnen stützt sich auf eine Tonart, die der Hörer schon kennt, und jede bringt ihre Ordnung deshalb selbst mit.

MerkmalNeue Musik
Zeitraumkomponierte Kunstmusik des 20. und 21. Jahrhunderts, Kernzeit ab etwa 1910
Art des BegriffsEpochenbezeichnung, nicht neu erschienene Musik
VorgängerepocheRomantik, die die Dur-Moll-Tonalität bis an ihre Grenze dehnte
Verhältnis zur Tonalitätkein Grundton als Ziel, alle zwölf Töne gleichrangig
Wichtige RichtungenZwölftonmusik, serielle Musik, Aleatorik, Klangflächenkomposition, Minimal Music
OrdnungsmittelTonreihe, zusätzliche Reihen für Dauer und Lautstärke, Zufallsverfahren, Klangdichte, Wiederholungsmuster
Notationherkömmliche Notenschrift, dazu grafische Partituren mit werkeigenen Zeichen
AufführungsorteFestspiele für zeitgenössische Musik, Reihen spezialisierter Ensembles, Rundfunk
Verwandte BegriffeModerne als Epochenname, zeitgenössische Musik für das jeweils aktuelle Schaffen

Neue Musik ist eine Epochenbezeichnung, keine Angabe zum Erscheinungsjahr. Ein Streichquartett von 1925 zählt dazu, eine Single von gestern nicht. Gemeint ist die komponierte Kunstmusik seit etwa 1900, die auf einen Grundton als Ziel verzichtet. Die Großschreibung des Adjektivs markiert genau diesen Unterschied.

Warum löste sich die Neue Musik von der Tonalität?

Die Neue Musik löste sich von der Tonalität, weil die Romantik sie zuvor so weit gedehnt hatte, dass ein Grundton nicht mehr eindeutig zu hören war. Drei Entwicklungen führten dorthin. Die Chromatik nahm zu, also die Zahl der Töne außerhalb der geltenden Tonleiter. Akkorde kamen hinzu, die zu mehreren Tonarten passen und deshalb zu keiner eindeutig gehören. Und der erwartete Schlussklang blieb immer öfter aus.

Am Ende war der Grundton zwar noch als Ziel gemeint, aber über lange Strecken nicht mehr hörbar. Wer diesen Rest strich, änderte wenig: Die Musik hörte auf, auf einen Zielklang zuzulaufen. Diesen Zustand nennt die Musikwissenschaft Atonalität. Er setzt fort, was die Romantik begonnen hatte.

Damit entstand ein Problem. Eine Tonart bestimmt, welche Töne zusammengehören, welcher der wichtigste ist und wann ein Abschnitt schließt. Fällt sie weg, fehlt diese Ordnung ersatzlos, und die ersten atonalen Stücke blieben deshalb kurz.

Wie funktioniert die Zwölftontechnik in der Neuen Musik?

Die Zwölftontechnik ordnet alle zwölf Töne der chromatischen Tonleiter in eine festgelegte Reihe. Jeder Ton kommt genau einmal vor, und keiner kehrt wieder, bevor die übrigen elf erklungen sind. Damit kann kein Ton Übergewicht bekommen, denn ein Grundton entsteht gerade dadurch, dass ein Ton häufiger und an betonter Stelle auftritt. Arnold Schönberg entwickelte das Verfahren in den 1920er Jahren.

Die Reihe ist kein Thema. Sie legt die Folge der Tonhöhen fest, nicht deren Oktavlage, Dauer oder Lautstärke. Ein Komponist verteilt dieselbe Reihe auf mehrere Stimmen, lässt zwei Formen gleichzeitig laufen oder stellt drei aufeinanderfolgende Töne als Akkord übereinander. Vier Formen stehen zur Verfügung, und jede lässt sich auf jeden der zwölf Töne versetzen.

  • Grundgestalt: die Reihe in der festgelegten Folge.
  • Umkehrung: dieselben Sprünge, jeder in die Gegenrichtung. Wo die Grundgestalt um zwei Halbtöne steigt, fällt die Umkehrung um zwei.
  • Krebs: dieselbe Reihe von hinten gelesen, vom letzten Ton zum ersten.
  • Krebsumkehrung: die Umkehrung von hinten gelesen.
Stelle 1 2 3 4 5 6 7 8 9 10 11 12 Grundgestalt C Cis E Dis F D Gis G H Fis A B Folge wie gesetzt Umkehrung C H Gis A G B E F Cis Fis Dis D Sprünge gespiegelt Krebs B A Fis H G Gis D F Dis E Cis C Folge von hinten Krebsumkehrung D Dis Fis Cis F E B G A Gis H C beides zugleich
Blau hinterlegt stehen die ersten drei Töne der Grundgestalt, dunkelgrau die ersten drei der Umkehrung. Im Krebs und in der Krebsumkehrung stehen dieselben drei Töne am Schluss und in umgekehrter Folge. B meint hier das um einen Halbton gesenkte H.

Welche Richtungen gehören zur Neuen Musik?

Aus der Zwölftontechnik und neben ihr entstanden mehrere Richtungen, die einander nicht ablösen, sondern nebeneinander stehen.

  • Serielle Musik: Die Reihenordnung erfasst neben der Tonhöhe auch Dauer, Lautstärke und Klangfarbe. Jede dieser Größen bekommt eine eigene Reihe, und der Ablauf steht damit vor dem ersten Takt fest.
  • Aleatorik: Der Komponist gibt Entscheidungen ab, an den Zufall oder an die Ausführenden. Eine Partitur nennt dann etwa mehrere Abschnitte ohne feste Reihenfolge, und zwei Aufführungen klingen hörbar verschieden. John Cage arbeitete mit Zufallsverfahren.
  • Klangflächenkomposition: Das Material ist nicht der einzelne Ton, sondern ein dichter Klang aus vielen gleichzeitigen Stimmen. Wer zuhört, verfolgt keine Melodie, sondern die Veränderung von Dichte, Umfang und Klangfarbe.
  • Minimal Music: Kurze Muster wiederholen sich vielfach und verschieben sich dabei in kleinen Schritten gegeneinander. Von einem Durchgang zum nächsten fällt die Änderung kaum auf, über mehrere Minuten dagegen deutlich. Steve Reich gehört zu den Begründern.

Ein eigener Strang lief parallel im Studio, wo Komponisten Klänge erzeugten, die kein Instrument hergibt. Diesen Weg beschreibt der Artikel zur elektronischen Musik.

Wie notiert die Neue Musik ihre Werke?

Die Neue Musik notiert herkömmlich, wo Tonhöhe und Dauer festliegen, und erfindet eigene Zeichen, wo das nicht der Fall ist. Die überlieferte Notenschrift gibt zwei Dinge genau an: welcher Ton und wie lange. Für einen Klang ohne feste Tonhöhe, für einen stufenlosen Tonhöhenverlauf oder für eine Dauer, die der Spieler selbst bemisst, hat sie kein Zeichen.

Daraus entstanden grafische Partituren: Flächen, Linien und Felder statt Notenköpfe, dazu eine Legende, die für dieses eine Werk erklärt, was welches Zeichen bedeutet. Wer eine solche Partitur einstudiert, lernt deshalb zuerst ihre Zeichen.

Warum hat die Neue Musik ein kleines Publikum?

Die Neue Musik erreicht aus drei Gründen ein kleineres Publikum als die älteren Epochen. Erstens fehlt die Erwartbarkeit: Wer eine Tonart hört, weiß nach wenigen Takten ungefähr, wohin ein Abschnitt läuft. Zweitens führen viele Werke kein wiedererkennbares Thema, das beim zweiten Auftreten als Rückkehr hörbar wird.

Drittens liegt der Ort der Aufführung anderswo. Neue Musik läuft vor allem bei Festspielen für zeitgenössische Musik, in Reihen spezialisierter Ensembles und im Rundfunk, der einen erheblichen Teil der Aufträge vergibt. Im Abonnementkonzert steht sie meist als einzelnes Stück zwischen Werken der Klassik und der Romantik.

Häufige Fragen zur Neuen Musik

Was ist Neue Musik?

Neue Musik ist die komponierte Kunstmusik des 20. und 21. Jahrhunderts, die sich von der Dur-Moll-Tonalität löst. Der Begriff bezeichnet einen Abschnitt der Moderne, der Epoche nach der Romantik, und deckt sehr verschiedene Richtungen ab: Zwölftonmusik, serielle Musik, Aleatorik, Klangflächenkomposition und Minimal Music.

Ist Neue Musik dasselbe wie neu erschienene Musik?

Nein. Neue Musik ist eine Epochenbezeichnung und sagt nichts über das Erscheinungsdatum. Ein Werk von 1925 gehört dazu, ein Pop-Album von letzter Woche nicht. Gemeint ist die komponierte Kunstmusik seit etwa 1900, die auf einen Grundton als Ziel verzichtet. Die Großschreibung des Adjektivs markiert diesen Unterschied.

Was ist die Zwölftontechnik in der Neuen Musik?

Die Zwölftontechnik bringt alle zwölf Töne der chromatischen Tonleiter in eine festgelegte Reihe, in der jeder Ton genau einmal vorkommt, bevor einer wiederkehrt. Damit tritt kein Ton als Grundton hervor. Die Reihe erscheint in vier Formen: Grundgestalt, Umkehrung, Krebs und Krebsumkehrung. Arnold Schönberg entwickelte das Verfahren in den 1920er Jahren.

Warum klingt Neue Musik ungewohnt?

Neue Musik klingt ungewohnt, weil die Tonart fehlt, an der sich das Gehör sonst ausrichtet. Eine Tonart macht vorhersehbar, welche Töne folgen und wo ein Abschnitt endet; ohne sie trifft diese Erwartung nicht ein. Dazu kommt, dass viele Werke kein wiedererkennbares Thema führen.

Weitere Artikel in Genres

Nu Metal

Nu Metal

Nu Metal ist eine Spielart des Metal mit tief gestimmten, oft siebensaitigen Gitarren, Riffs aus wenigen Tönen mit hohem Rhythmusanteil und einem Gesang, der zwischen Sprechgesang, Singen und Schreien wechselt. Rhythmus und Produktion übernehmen Anleihen beim Hip-Hop, viele Bands führen einen DJ oder einen Sampler-Spieler als festes Mitglied. Gitarrensoli, schnelle Doublebass und die Harmonik des älteren Metal fehlen weitgehend, das Gewicht liegt auf Groove und Klangfarbe. Der Stil entstand Mitte bis Ende der 1990er Jahre in den USA aus Alternative Metal, Funk Metal und Hip-Hop.

Old School Hip-Hop

Old School Hip-Hop

Old School Hip-Hop bezeichnet die frühe Phase des Hip-Hop, etwa von Ende der 1970er bis Mitte der 1980er Jahre. Der DJ spielte dieselbe Platte auf zwei Plattenspielern und verlängerte durch den Wechsel zwischen beiden den Schlagzeugteil, den Break. Der MC trug darüber kurze Zeilen mit Paarreimen vor und sprach das Publikum direkt an. Die Musik entstand in New York auf Stadtteilfesten und in Gemeinschaftsräumen, bevor sich Spielarten wie Gangsta Rap oder Trap voneinander trennten.

Pop

Pop

Pop ist ein Funktionsbegriff und kein Klangbegriff: Der Name kürzt popular music ab und bezeichnet Musik, die auf ein großes Publikum zielt, nicht eine feste Besetzung. Popstücke setzen auf Eingängigkeit und Wiedererkennbarkeit, gliedern sich in Strophe, Refrain und Bridge und dauern meist um drei Minuten. Die Produktion ist dabei ein eigenständiges Gestaltungsmittel, denn im Pop entsteht das Werk erst im Studio.

Power Metal

Power Metal

Power Metal ist eine Spielart des Metal mit einer hohen, klar gesungenen Stimme statt Growls oder Screams, einer schnellen Doublebass in gleichmäßigem Lauf, einer Dur-lastigen Harmonik mit hymnischen Refrains und Melodien, die zwei Gitarren häufig zweistimmig in Terzen oder Sexten führen. Der Stil entstand Mitte der 1980er Jahre aus dem Heavy Metal, in einer europäischen und einer amerikanischen Linie, die sich bis heute unterscheiden. Deutschland trug die europäische Linie maßgeblich mit. Viele Bands ergänzen die Besetzung um ein Keyboard, in der symphonischen Spielart um ein ganzes Orchesterarrangement.