Neue Musik bezeichnet die komponierte Kunstmusik des 20. und 21. Jahrhunderts, die sich von der Dur-Moll-Tonalität löst. Der Begriff benennt eine Epoche, kein Erscheinungsdatum: Ein Album von letzter Woche ist neue Musik im Wortsinn, aber keine Neue Musik. Keine Tonart legt mehr fest, welcher Ton der wichtigste ist, und an ihre Stelle treten Ordnungen, die der Komponist für sein Werk selbst bestimmt.
Was ist Neue Musik?
Neue Musik ist die Sammelbezeichnung für die komponierte Kunstmusik seit etwa 1900, die den Dur-Moll-Zusammenhang aufgibt. Die Musikwissenschaft führt sie als Abschnitt der Moderne, der Epoche nach der Romantik.
Einen einheitlichen Stil deckt der Begriff nicht ab. Zwölftonmusik, Aleatorik und Minimal Music klingen völlig verschieden und teilen nur die Ausgangslage: Keine von ihnen stützt sich auf eine Tonart, die der Hörer schon kennt, und jede bringt ihre Ordnung deshalb selbst mit.
| Merkmal | Neue Musik |
|---|---|
| Zeitraum | komponierte Kunstmusik des 20. und 21. Jahrhunderts, Kernzeit ab etwa 1910 |
| Art des Begriffs | Epochenbezeichnung, nicht neu erschienene Musik |
| Vorgängerepoche | Romantik, die die Dur-Moll-Tonalität bis an ihre Grenze dehnte |
| Verhältnis zur Tonalität | kein Grundton als Ziel, alle zwölf Töne gleichrangig |
| Wichtige Richtungen | Zwölftonmusik, serielle Musik, Aleatorik, Klangflächenkomposition, Minimal Music |
| Ordnungsmittel | Tonreihe, zusätzliche Reihen für Dauer und Lautstärke, Zufallsverfahren, Klangdichte, Wiederholungsmuster |
| Notation | herkömmliche Notenschrift, dazu grafische Partituren mit werkeigenen Zeichen |
| Aufführungsorte | Festspiele für zeitgenössische Musik, Reihen spezialisierter Ensembles, Rundfunk |
| Verwandte Begriffe | Moderne als Epochenname, zeitgenössische Musik für das jeweils aktuelle Schaffen |
Neue Musik ist eine Epochenbezeichnung, keine Angabe zum Erscheinungsjahr. Ein Streichquartett von 1925 zählt dazu, eine Single von gestern nicht. Gemeint ist die komponierte Kunstmusik seit etwa 1900, die auf einen Grundton als Ziel verzichtet. Die Großschreibung des Adjektivs markiert genau diesen Unterschied.
Warum löste sich die Neue Musik von der Tonalität?
Die Neue Musik löste sich von der Tonalität, weil die Romantik sie zuvor so weit gedehnt hatte, dass ein Grundton nicht mehr eindeutig zu hören war. Drei Entwicklungen führten dorthin. Die Chromatik nahm zu, also die Zahl der Töne außerhalb der geltenden Tonleiter. Akkorde kamen hinzu, die zu mehreren Tonarten passen und deshalb zu keiner eindeutig gehören. Und der erwartete Schlussklang blieb immer öfter aus.
Am Ende war der Grundton zwar noch als Ziel gemeint, aber über lange Strecken nicht mehr hörbar. Wer diesen Rest strich, änderte wenig: Die Musik hörte auf, auf einen Zielklang zuzulaufen. Diesen Zustand nennt die Musikwissenschaft Atonalität. Er setzt fort, was die Romantik begonnen hatte.
Damit entstand ein Problem. Eine Tonart bestimmt, welche Töne zusammengehören, welcher der wichtigste ist und wann ein Abschnitt schließt. Fällt sie weg, fehlt diese Ordnung ersatzlos, und die ersten atonalen Stücke blieben deshalb kurz.
Wie funktioniert die Zwölftontechnik in der Neuen Musik?
Die Zwölftontechnik ordnet alle zwölf Töne der chromatischen Tonleiter in eine festgelegte Reihe. Jeder Ton kommt genau einmal vor, und keiner kehrt wieder, bevor die übrigen elf erklungen sind. Damit kann kein Ton Übergewicht bekommen, denn ein Grundton entsteht gerade dadurch, dass ein Ton häufiger und an betonter Stelle auftritt. Arnold Schönberg entwickelte das Verfahren in den 1920er Jahren.
Die Reihe ist kein Thema. Sie legt die Folge der Tonhöhen fest, nicht deren Oktavlage, Dauer oder Lautstärke. Ein Komponist verteilt dieselbe Reihe auf mehrere Stimmen, lässt zwei Formen gleichzeitig laufen oder stellt drei aufeinanderfolgende Töne als Akkord übereinander. Vier Formen stehen zur Verfügung, und jede lässt sich auf jeden der zwölf Töne versetzen.
- Grundgestalt: die Reihe in der festgelegten Folge.
- Umkehrung: dieselben Sprünge, jeder in die Gegenrichtung. Wo die Grundgestalt um zwei Halbtöne steigt, fällt die Umkehrung um zwei.
- Krebs: dieselbe Reihe von hinten gelesen, vom letzten Ton zum ersten.
- Krebsumkehrung: die Umkehrung von hinten gelesen.
Welche Richtungen gehören zur Neuen Musik?
Aus der Zwölftontechnik und neben ihr entstanden mehrere Richtungen, die einander nicht ablösen, sondern nebeneinander stehen.
- Serielle Musik: Die Reihenordnung erfasst neben der Tonhöhe auch Dauer, Lautstärke und Klangfarbe. Jede dieser Größen bekommt eine eigene Reihe, und der Ablauf steht damit vor dem ersten Takt fest.
- Aleatorik: Der Komponist gibt Entscheidungen ab, an den Zufall oder an die Ausführenden. Eine Partitur nennt dann etwa mehrere Abschnitte ohne feste Reihenfolge, und zwei Aufführungen klingen hörbar verschieden. John Cage arbeitete mit Zufallsverfahren.
- Klangflächenkomposition: Das Material ist nicht der einzelne Ton, sondern ein dichter Klang aus vielen gleichzeitigen Stimmen. Wer zuhört, verfolgt keine Melodie, sondern die Veränderung von Dichte, Umfang und Klangfarbe.
- Minimal Music: Kurze Muster wiederholen sich vielfach und verschieben sich dabei in kleinen Schritten gegeneinander. Von einem Durchgang zum nächsten fällt die Änderung kaum auf, über mehrere Minuten dagegen deutlich. Steve Reich gehört zu den Begründern.
Ein eigener Strang lief parallel im Studio, wo Komponisten Klänge erzeugten, die kein Instrument hergibt. Diesen Weg beschreibt der Artikel zur elektronischen Musik.
Wie notiert die Neue Musik ihre Werke?
Die Neue Musik notiert herkömmlich, wo Tonhöhe und Dauer festliegen, und erfindet eigene Zeichen, wo das nicht der Fall ist. Die überlieferte Notenschrift gibt zwei Dinge genau an: welcher Ton und wie lange. Für einen Klang ohne feste Tonhöhe, für einen stufenlosen Tonhöhenverlauf oder für eine Dauer, die der Spieler selbst bemisst, hat sie kein Zeichen.
Daraus entstanden grafische Partituren: Flächen, Linien und Felder statt Notenköpfe, dazu eine Legende, die für dieses eine Werk erklärt, was welches Zeichen bedeutet. Wer eine solche Partitur einstudiert, lernt deshalb zuerst ihre Zeichen.
Warum hat die Neue Musik ein kleines Publikum?
Die Neue Musik erreicht aus drei Gründen ein kleineres Publikum als die älteren Epochen. Erstens fehlt die Erwartbarkeit: Wer eine Tonart hört, weiß nach wenigen Takten ungefähr, wohin ein Abschnitt läuft. Zweitens führen viele Werke kein wiedererkennbares Thema, das beim zweiten Auftreten als Rückkehr hörbar wird.
Drittens liegt der Ort der Aufführung anderswo. Neue Musik läuft vor allem bei Festspielen für zeitgenössische Musik, in Reihen spezialisierter Ensembles und im Rundfunk, der einen erheblichen Teil der Aufträge vergibt. Im Abonnementkonzert steht sie meist als einzelnes Stück zwischen Werken der Klassik und der Romantik.
Häufige Fragen zur Neuen Musik
Was ist Neue Musik?
Neue Musik ist die komponierte Kunstmusik des 20. und 21. Jahrhunderts, die sich von der Dur-Moll-Tonalität löst. Der Begriff bezeichnet einen Abschnitt der Moderne, der Epoche nach der Romantik, und deckt sehr verschiedene Richtungen ab: Zwölftonmusik, serielle Musik, Aleatorik, Klangflächenkomposition und Minimal Music.
Ist Neue Musik dasselbe wie neu erschienene Musik?
Nein. Neue Musik ist eine Epochenbezeichnung und sagt nichts über das Erscheinungsdatum. Ein Werk von 1925 gehört dazu, ein Pop-Album von letzter Woche nicht. Gemeint ist die komponierte Kunstmusik seit etwa 1900, die auf einen Grundton als Ziel verzichtet. Die Großschreibung des Adjektivs markiert diesen Unterschied.
Was ist die Zwölftontechnik in der Neuen Musik?
Die Zwölftontechnik bringt alle zwölf Töne der chromatischen Tonleiter in eine festgelegte Reihe, in der jeder Ton genau einmal vorkommt, bevor einer wiederkehrt. Damit tritt kein Ton als Grundton hervor. Die Reihe erscheint in vier Formen: Grundgestalt, Umkehrung, Krebs und Krebsumkehrung. Arnold Schönberg entwickelte das Verfahren in den 1920er Jahren.
Warum klingt Neue Musik ungewohnt?
Neue Musik klingt ungewohnt, weil die Tonart fehlt, an der sich das Gehör sonst ausrichtet. Eine Tonart macht vorhersehbar, welche Töne folgen und wo ein Abschnitt endet; ohne sie trifft diese Erwartung nicht ein. Dazu kommt, dass viele Werke kein wiedererkennbares Thema führen.




