Mittelalterliche Musik ist die europäische Musik von etwa dem 6. bis zum 15. Jahrhundert. Ihr wichtigster Vorgang ist der Weg von der Einstimmigkeit zur Mehrstimmigkeit: Am Anfang steht eine einzige Melodie, am Ende ein Satz aus mehreren selbständigen Stimmen. Zugleich wächst die Notenschrift von Zeichen, die nur die Richtung der Melodie andeuten, zu einem System, das Tonhöhe und Tondauer festlegt. Das Tonsystem kennt acht Kirchentonarten statt Dur und Moll, und neben der lateinischen Kirchenmusik steht weltliche Musik in der Landessprache.
Was ist mittelalterliche Musik?
Mittelalterliche Musik ist die Musik Europas zwischen der Spätantike und der Renaissance. Als Zeitraum gilt etwa das 6. bis 15. Jahrhundert. Diese Grenzen sind unscharf und fallen je nach Zählung anders aus: Manche Darstellungen beginnen bei der Ordnung des liturgischen Gesangs im 6. und 7. Jahrhundert, andere erst bei den ältesten erhaltenen Musikhandschriften des 9. Am hinteren Ende überschneidet sich die Epoche mit der Renaissance-Musik, die man ab etwa 1430 rechnet.
| Merkmal | Mittelalterliche Musik |
|---|---|
| Zeitraum | etwa 6. bis 15. Jahrhundert, Grenzen je nach Zählung verschieden |
| Raum | Europa, getragen von Kirche und Höfen |
| Satzweise | zuerst einstimmig, seit dem 9. Jahrhundert auch mehrstimmig |
| Tonsystem | acht Kirchentonarten, kein Dur und Moll |
| Notation | Neumen, ab dem 11. Jahrhundert Linien, im 13. Jahrhundert Tondauern |
| Geistliche Musik | einstimmiger Choral auf Latein, später Organum und Motette |
| Weltliche Musik | einstimmige Lieder in der Landessprache |
| Instrumente | Fidel, Drehleier, Schalmei, Portativ, Laute, Trommeln |
| Nachbarepoche | danach Renaissance ab etwa 1430 |
Wie entstand die Mehrstimmigkeit der mittelalterlichen Musik?
Die Mehrstimmigkeit entstand in vier Schritten, die sich über rund fünfhundert Jahre verteilen.
- Einstimmigkeit: Alle Sänger singen dieselbe Melodie. Der gregorianische Choral hat keine zweite Stimme und keine Begleitung.
- Parallelorganum: Eine zweite Stimme tritt hinzu und läuft im festen Abstand einer Quinte oder Quarte Ton für Ton mit, mit derselben Rhythmik und derselben Kontur. Diese Satzart heißt Organum, und Traktate des 9. Jahrhunderts beschreiben sie.
- freies Organum: Die zweite Stimme löst sich vom festen Abstand. Sie steigt, wo die erste fällt, und sie singt mehrere Töne, während die erste einen einzigen aushält.
- mehrere selbständige Stimmen: Drei oder vier Stimmen führen eigene Linien mit eigenem Rhythmus, in der Motette teils sogar mit eigenem Text. Keine Stimme begleitet mehr, jede trägt.
Die Kathedrale Notre-Dame in Paris ist im 12. und 13. Jahrhundert der Ort, an dem Komponisten diese Satzweise am weitesten treiben.
Wie notierte man mittelalterliche Musik?
Die ältesten erhaltenen Notenzeichen heißen Neumen. Sie stehen über den Wörtern des Textes und zeigen nur, ob die Melodie steigt, fällt oder gleich bleibt. Um welchen Abstand es dabei geht, sagen sie nicht. Wer aus solchen Neumen sang, musste die Melodie bereits kennen: Die Schrift stützte das Gedächtnis, sie ersetzte es nicht.
Die Linie ändert das: Legt man eine Linie durch die Zeile auf einen bestimmten Ton fest, dann liegt jedes Zeichen darüber, darauf oder darunter, und der Abstand wird ablesbar. Guido von Arezzo beschrieb im 11. Jahrhundert ein System mehrerer Linien mit einem Buchstaben am Zeilenanfang, der die Tonhöhe einer Linie benennt. Choralbücher nutzen bis heute vier Linien.
Die Tondauer kommt zuletzt. Im 13. Jahrhundert bekommen die Notenzeichen unterschiedliche Formen, und jede Form steht für einen festen Wert. Erst damit lässt sich ein Satz aufschreiben, in dem mehrere Stimmen verschiedene Rhythmen haben.
Neumen zeigen die Richtung der Melodie, nicht die Tonhöhe. Die frühe Notenschrift hält fest, ob eine Melodie steigt oder fällt, aber nicht um wie viel. Erst die Linien machen die Tonhöhe eindeutig, erst die Notenformen des 13. Jahrhunderts die Dauer. Deshalb lässt sich eine Melodie aus der Zeit vor den Linien nur dann sicher lesen, wenn dieselbe Melodie später noch einmal auf Linien aufgeschrieben wurde.
Welches Tonsystem nutzt die mittelalterliche Musik?
Die mittelalterliche Musik nutzt acht Kirchentonarten und kein Dur und Moll. Jede dieser Tonarten hat einen eigenen Schlusston und einen eigenen Rezitationston, und die Halbtonschritte liegen je nach Tonart an anderer Stelle der Leiter. Wie die einzelnen Kirchentonarten gebaut sind, steht im eigenen Artikel dazu. Das Paar Dur und Moll setzt sich erst nach dem Mittelalter durch.
Welche weltliche Musik kennt das Mittelalter?
Die weltliche Musik des Mittelalters ist einstimmig und in der Landessprache gedichtet, nicht auf Latein. Damit erreicht sie ein Publikum ohne Lateinkenntnisse.
- Troubadours: Dichtersänger im Süden des heutigen Frankreich, die okzitanisch dichteten; ihre Blütezeit liegt im 12. und 13. Jahrhundert.
- Trouvères: die entsprechenden Dichtersänger im Norden Frankreichs, die altfranzösisch dichteten.
- Minnesang: die verwandte Kunst im deutschsprachigen Raum, zu deren bekanntesten Vertretern Walther von der Vogelweide zählt. Von den Texten der Minnesänger ist deutlich mehr überliefert als von ihren Melodien.
- Spielleute: Berufsmusiker ohne festen Dienstherrn, die auf Märkten, bei Festen und an wechselnden Höfen spielten und die Instrumente ins Spiel brachten.
Welche Instrumente spielt man in der mittelalterlichen Musik?
Die Instrumente des Mittelalters kennen wir aus Bildern, Beschreibungen und wenigen Funden, nicht aus Noten: Welches Instrument welche Stimme übernahm, halten die Handschriften nicht fest.
- Fidel: ein gestrichenes Saiteninstrument mit flachem Korpus, eine Vorform der späteren Streichinstrumente.
- Drehleier: Bei der Drehleier streicht ein Rad die Saiten, Tasten verkürzen die Melodiesaite, und mitlaufende Bordunsaiten klingen auf fester Tonhöhe weiter.
- Schalmei: ein Holzblasinstrument mit Doppelrohrblatt und lautem Ton, dadurch tauglich für das Spiel im Freien.
- Portativ: eine kleine tragbare Orgel. Der Spieler bedient die Tasten mit der rechten Hand und den Blasebalg mit der linken.
- Laute: ein Zupfinstrument mit gewölbtem Korpus, das über Spanien aus dem arabischen Raum nach Europa kam.
- Trommeln: Rahmentrommeln und kleine zweifellige Trommeln geben den Takt für den Tanz.
Was ist von der mittelalterlichen Musik überliefert?
Überliefert sind vor allem Melodien, nicht Aufführungen. Von der weltlichen Musik stehen in den Handschriften meist nur die Gesangslinien: kein Instrument, keine Begleitstimme, keine Besetzungsangabe.
Damit bleibt die Aufführungspraxis in weiten Teilen unsicher. Ob ein Lied begleitet wurde und womit, ist unbekannt, und bei Melodien aus der Zeit vor den Notenformen für die Tondauer liegt auch der Rhythmus nicht fest. Wer heute mittelalterliche Musik hört, hört deshalb eine Rekonstruktion: Das Ensemble entscheidet über Besetzung, Tempo und Begleitung, die die Quellen nicht vorgeben.
Häufige Fragen zur mittelalterlichen Musik
Was ist mittelalterliche Musik?
Mittelalterliche Musik ist die europäische Musik von etwa dem 6. bis zum 15. Jahrhundert. Sie beginnt einstimmig mit dem lateinischen Choral und entwickelt bis zum 14. Jahrhundert einen Satz aus mehreren selbständigen Stimmen. Ihr Tonsystem besteht aus acht Kirchentonarten, nicht aus Dur und Moll.
Wann war die Epoche der mittelalterlichen Musik?
Die Epoche der mittelalterlichen Musik dauerte etwa vom 6. bis zum 15. Jahrhundert. Beide Grenzen sind unscharf und fallen je nach Zählung anders aus. Nach hinten überschneidet sich die Epoche mit der Renaissance, deren Beginn man bei etwa 1430 ansetzt.
Was bedeutet Organum in der mittelalterlichen Musik?
Organum bezeichnet die früheste mehrstimmige Satzart der mittelalterlichen Musik. In ihrer einfachsten Form begleitet eine zweite Stimme die Melodie im festen Abstand einer Quinte oder Quarte und folgt ihr Ton für Ton. Später löst sich diese Stimme vom festen Abstand und bewegt sich eigenständig gegen die Melodie.
Wie wurde mittelalterliche Musik aufgeschrieben?
Mittelalterliche Musik wurde zuerst mit Neumen aufgeschrieben, die nur die Richtung der Melodie anzeigen. Ab dem 11. Jahrhundert legen Linien die Tonhöhe eindeutig fest. Im 13. Jahrhundert kommen Notenformen hinzu, die auch die Tondauer angeben.




