Die Drehleier, auch Radleier oder in der französischen Tradition Vielle à roue genannt, ist ein mechanisch gestrichenes Saiteninstrument (Chordophon) aus dem mittelalterlichen Europa. Ihre Wurzeln reichen bis ins 11. und 12. Jahrhundert zurück, als sie in Form der großen, von zwei Personen bedienten Organistrum in Frankreich auftauchte; ab dem Spätmittelalter entwickelte sie sich zum handlichen Soloinstrument, wie es heute vor allem aus Frankreich und dem deutschsprachigen Raum bekannt ist. Anders als bei einer Geige werden die Saiten der Drehleier nicht direkt mit einem Bogen von Hand gestrichen: Eine Handkurbel an der Schmalseite des meist gitarren- oder lautenförmigen Holzkastens dreht im Inneren ein mit Kolophonium eingeriebenes Holzrad, das wie ein endloser, rotierender Bogen kontinuierlich über die Saiten streicht. Die Melodie entsteht über eine Tastatur aus hölzernen Tangenten auf dem Hals, mit der die linke Hand die schwingende Länge der Melodiesaite verkürzt, während mehrere Bordunsaiten gleichbleibend mittönen.
Woher kommt die Drehleier?
Die Drehleier geht auf das Organistrum zurück, ein Vorläuferinstrument, das laut Wikipedia in Texten bereits ab dem 10. Jahrhundert belegt ist; die frühesten bekannten Abbildungen stammen aus dem 12. Jahrhundert. Beim Organistrum bedienten zwei Personen gemeinsam ein Instrument: Eine Person drehte die Kurbel, die andere verkürzte die Saiten über eine Tastatur. Ihre größte Blüte erlebte die Drehleier im 18. Jahrhundert an den französischen Höfen, wo Komponisten eigene Kammermusikwerke für das Instrument schrieben und Bauformen mit lautenähnlichem Korpus sowie Orgelregistern entstanden. Bis heute ist die Drehleier vor allem in Zentralfrankreich, Nordwestspanien und Ungarn als traditionelles Instrument lebendig.
Wie klingt die Drehleier?
Der Klang der Drehleier ist geprägt vom gleichmäßigen Schnarren des drehenden Rades und dem dichten Zusammenspiel von Melodie- und Bordunsaiten: Über einem gleichbleibend brummenden Grundton liegt eine näselnd-warme, leicht raue Melodiestimme, die dem Klangbild von Dudelsack und Drehorgel verwandt ist. Ein zusätzlicher, locker gelagerter Steg, der sogenannte Hundesteg, kann bei schnellerer Kurbelbewegung zum Schnarren gebracht werden und verleiht rhythmischen Passagen eine perkussive Note. Insgesamt wirkt der Klang tragend, archaisch und ist charakteristisch für mittelalterlich inspirierte Musik.
Woraus besteht die Drehleier?
Der Korpus der Drehleier ist meist gitarren- oder lautenförmig aus Holz gefertigt. An einer Schmalseite befindet sich eine Handkurbel, die über eine Achse ein im Inneren liegendes Holzrad antreibt. Dieses Rad, dessen Kante mit Kolophonium eingerieben ist, ragt leicht durch den Resonanzboden nach oben und übernimmt die Funktion eines kontinuierlich streichenden Bogens für sämtliche Saiten. Eine Drehleier besitzt in der Regel eine oder zwei Melodiesaiten sowie mehrere Bordunsaiten, häufig vier bis sechs, die alle vom selben Rad zum Klingen gebracht werden.
Das entscheidende Bauelement ist die Tastatur auf dem Hals: In einem sogenannten Tangentenkasten sind zahlreiche schmale Schiebestäbchen, die Tangenten, gelagert, die außen mit einer Taste versehen sind. Wird eine Taste gedrückt, schiebt sich die Tangente seitlich gegen die Melodiesaite und verkürzt deren schwingende Länge, vergleichbar mit den Bünden einer Gitarre. Ältere Instrumente verwenden hölzerne Fähnchen an den Tangenten, moderne Drehleiern oft Metall oder Kunststoff. Die Bordunsaiten laufen beidseits am Tangentenkasten vorbei und werden meist in Quinten oder Oktaven zum Grundton gestimmt. Das Rad selbst dient allein der Tonerzeugung, es spannt oder lockert keine Saiten.
Wie spielt man die Drehleier?
Die Drehleier wird meist sitzend gespielt, auf dem Schoß liegend oder über einen Gurt um den Körper gehängt. Die rechte Hand dreht die Kurbel in einer gleichmäßigen Kreisbewegung und erzeugt damit den fortlaufenden Streichton, ähnlich einem nie endenden Bogenstrich. Die Gleichmäßigkeit dieser Kurbelbewegung entscheidet maßgeblich über Klangqualität und Lautstärke.
Die linke Hand liegt auf der Tastatur am Hals und drückt die Tasten des Tangentenkastens, um die Melodie auf der bzw. den Melodiesaiten zu greifen; die Finger zupfen dabei nichts, sondern verkürzen lediglich die Saitenlänge, während das Rad ununterbrochen weiterstreicht. Durch gezielte, ruckartige Kurbelbewegungen kann der Hundesteg zum Schnarren gebracht werden, was rhythmische Betonungen etwa im Tanzspiel ermöglicht. Damit vereint die Spieltechnik der Drehleier Elemente von Streich- und Tasteninstrument in einem einzigen Bewegungsablauf.
Was kostet eine Drehleier?
Neue Drehleiern baut heute nur eine kleine Zahl spezialisierter Werkstätten in Einzelanfertigung, etwa Denis Siorat, Robert Mandel und Philippe Mousnier in Frankreich oder Wolfgang Weichselbaumer in Wien; die Preise nennen diese Baumeister meist erst auf Anfrage. Auf dem Gebrauchtmarkt sind die Preise dagegen einsehbar: Auf kleinanzeigen.de kosten spielbare Drehleiern aktuell zwischen 250 Euro für einfache, gotisch inspirierte Modelle und bis zu 6.000 Euro für aufwendig gebaute Alt-Drehleiern mit vollem Tonumfang, Stand September 2026.
Typische Musikstile mit der Drehleier
Historisch war die Drehleier vor allem als Bordun- und Begleitinstrument von Bänkelsängern, Bettelmusikern und Tanzkapellen verbreitet, bevor sie ab dem 18. Jahrhundert auch in der französischen Hofmusik populär wurde. Bis heute ist sie fester Bestandteil der französischen Folklore, etwa in der Vielle-à-roue-Tradition der Auvergne und des Berry, sowie osteuropäischer Volksmusik.
Im deutschsprachigen Raum erlebte die Drehleier seit den 1990er-Jahren durch die Mittelalter- und Folk-Rock-Szene eine breite Wiederbelebung: Bands wie Corvus Corax, Faun, In Extremo, Saltatio Mortis und Schandmaul setzen sie regelmäßig neben Dudelsack und Trommeln ein und prägen damit das heutige Bild des Instruments in Deutschland.
Bekannte Lieder mit der Drehleier
Da die Drehleier historisch vor allem als Bordun- und Begleitinstrument diente, lässt sie sich seltener einzelnen Hits als vielmehr bestimmten Interpreten und Ensembles zuordnen, die ihren Klang geprägt haben:
- Valentin Clastrier, einer der international bekanntesten französischen Vielle-à-roue-Virtuosen, der das Instrument in zeitgenössische und improvisierte Musik weiterentwickelt hat.
- Gilles Chabenat, renommierter zeitgenössischer französischer Drehleierspieler, der das Instrument in Folk-, Welt- und Kammermusikprojekten einsetzt und international konzertiert.
- Corvus Corax, deutsche Mittelalterrock-Band, die eine der größten je gebauten Drehleiern, die Organistrum, in ihrem umfangreichen Instrumentarium einsetzt.
- Faun, deutsche Pagan-Folk-Band, bei der die Drehleier neben Nyckelharpa und keltischer Harfe zum festen Klangbild gehört.
- In Extremo und Saltatio Mortis, weitere prägende Formationen der deutschen Mittelalter-Folk-Szene, die die Drehleier live und auf Studioalben regelmäßig einsetzen.
Häufige Fragen zur Drehleier
Was ist eine Drehleier?
Eine Drehleier ist ein mechanisch gestrichenes Saiteninstrument aus dem mittelalterlichen Europa, bei dem eine Handkurbel ein mit Kolophonium eingeriebenes Holzrad dreht, das kontinuierlich über die Saiten streicht. Die Melodie entsteht über eine Tastatur aus Tangenten, während mehrere Bordunsaiten gleichbleibend mittönen.
Wie viele Saiten hat eine Drehleier?
Eine einfache Drehleier besitzt meist eine oder zwei Melodiesaiten und vier bis sechs Bordunsaiten. Aufwendig gebaute Alt-Drehleiern bauen laut Wikipedia bis zu 27 Saiten ein, darunter zusätzliche Resonanzsaiten für einen volleren Klang.
Was kostet eine gebrauchte Drehleier?
Eine gebrauchte, spielbare Drehleier kostet auf kleinanzeigen.de aktuell zwischen 250 Euro für einfache Modelle und bis zu 6.000 Euro für aufwendig gebaute Alt-Drehleiern, Stand September 2026. Neue Instrumente bauen nur wenige spezialisierte Werkstätten in Einzelanfertigung, mit Preisen meist erst auf Anfrage.
Wo wird die Drehleier heute noch gespielt?
Die Drehleier ist laut Wikipedia bis heute vor allem in Zentralfrankreich, Nordwestspanien und Ungarn als traditionelles Volksmusikinstrument verbreitet. Im deutschsprachigen Raum lebt sie seit den 1990er-Jahren zusätzlich in der Mittelalter- und Folk-Rock-Szene, etwa bei Corvus Corax und Faun.
Was bewirkt der Hundesteg an einer Drehleier?
Der Hundesteg ist ein locker gelagerter Zusatzsteg, der bei schnellerer Kurbelbewegung zu schnarren beginnt und rhythmischen Passagen eine perkussive Note verleiht. Historisch nutzten Spieler dieses Schnarren gezielt, um Tanzmusik zu betonen.
Quellen
- Drehleier, Wikipedia, abgerufen am 27. September 2026
- Drehleier, Musikinstrumente und Zubehör, kleinanzeigen.de, abgerufen am 27. September 2026
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