Die Dulzaina ist ein spanisches Holzblasinstrument mit Doppelrohrblatt aus der Schalmei-Familie, das vor allem in Kastilien und León bis heute Prozessionen und Dorffeste musikalisch trägt. Ein Doppelrohrblatt aus Schilfrohr sitzt auf einem kleinen Metallröhrchen, dem Tudel, und regt die Luftsäule im konisch gebohrten Holzkorpus an. Sieben Grifflöcher und bei der modernen kastilischen Bauform zusätzlich bis zu neun Klappen legen die Tonhöhe fest. Der Ton trägt laut und durchdringend über weite Strecken im Freien, deshalb begleitet die Dulzaina traditionell Umzüge und Prozessionen zusammen mit der Trommel Tamboril. Der verwandte Begriff Chirimía bezeichnete historisch die größere, am Hof gespielte Bauform desselben Instrumententyps.
Wie ist die Dulzaina aufgebaut?
Die Dulzaina besteht aus einem konisch gebohrten Holzkorpus, der sich nach unten zur sogenannten Campana weitet, einer trichterförmigen Schallöffnung. Instrumentenbauer verwenden hartes, dichtes Holz wie Buchsbaum, Granadill oder Palisander, weil es dem hohen Blasdruck standhält. Am oberen Ende sitzt das Cubilete, eine Fassung, in die der Tudel gesteckt wird, ein kleines konisches Metallröhrchen. Auf den Tudel setzt der Spieler das eigentliche Rohrblatt, zwei gegeneinander gebundene Schilfrohrblättchen, die beim Anblasen gegeneinander schwingen und den Ton erzeugen.
Sechs Grifflöcher liegen auf der Vorderseite des Rohrs, ein siebtes auf der Rückseite für den Daumen der linken Hand; damit deckt die Dulzaina die diatonische Tonleiter ab. Seit dem frühen 20. Jahrhundert ergänzt die kastilische Bauform bis zu neun Metallklappen, die zusätzliche Halbtöne öffnen und eine chromatische Tonleiter ermöglichen. Ältere, klappenlose Ausführungen hießen in Teilen Kastiliens auch Gaita, ein Name, der mit dem galicischen Dudelsack nichts zu tun hat.
| Merkmal | Dulzaina |
|---|---|
| Familie | Holzblasinstrument, Doppelrohrblatt, Schalmei-Typ |
| Bohrung | Konisch, aus Hartholz (Buchsbaum, Palisander, Granadill) |
| Rohrblatt | Doppelrohrblatt aus Schilfrohr auf einem Metalltudel |
| Grifflöcher | 7 (6 vorne, 1 Daumenloch hinten) |
| Klappen | Bis zu 9 bei der modernen kastilischen Bauform |
| Verbreitungszentrum | Kastilien-León (u. a. Valladolid, Segovia, Burgos, Ávila) |
| Begleitinstrument | Tamboril (Trommel), meist ein zweiter Musiker |
Warum klingt die Dulzaina so laut und durchdringend?
Ein Doppelrohrblatt setzt dem Luftstrom hohen Widerstand entgegen, deshalb muss der Spieler kräftig hineinblasen, und genau dieser Druck erzeugt den lauten, obertonreichen Ton. Die konische Bohrung verstärkt diesen Effekt gegenüber einem zylindrischen Rohr zusätzlich, weil sie die Obertöne der Luftsäule dichter staffelt und den Klang heller und schärfer macht als etwa bei der Klarinette mit ihrem einfachen Rohrblatt.
Historisch war diese Lautstärke kein Nebeneffekt, sondern der Zweck: Dulzaineros spielten im Freien, bei Prozessionen und Umzügen durch enge Gassen, wo ihr Instrument gegen Menschenmengen und Kirchenglocken ankommen musste. Ein leiseres Holzblasinstrument ohne Rohrblatt wäre für diesen Einsatz ungeeignet gewesen.
Wie spielt man die Dulzaina?
Der Spieler nimmt das Doppelrohrblatt fast vollständig zwischen die Lippen und hält einen festen, gleichmäßigen Anblasdruck, damit die beiden Rohrblätter gegeneinander schwingen. Beide Hände liegen am Korpus: Die linke Hand deckt die oberen Grifflöcher und Klappen ab, die rechte die unteren, ähnlich der Fingerordnung von Oboe und Schalmei. Öffnet der Spieler ein Loch, verkürzt sich die schwingende Luftsäule, und der Ton steigt.
Weil der hohe Blasdruck die Lippen schnell ermüdet, spielen erfahrene Dulzaineros mit kontrollierter Atemtechnik und kurzen Erholungspausen zwischen den Phrasen. Manche beherrschen die zirkuläre Atmung, bei der die Backen den Luftstrom aufrechterhalten, während die Nase gleichzeitig einatmet, sodass eine Melodie nicht für den Atemholen unterbrochen werden muss.
Spielt ein Musiker Dulzaina und Tamboril gleichzeitig?
Nein, in aller Regel nicht: Weil beide Hände die Grifflöcher und Klappen der Dulzaina bedienen, bleibt keine Hand für die Trommel frei. Dulzainero und Tamborilero treten deshalb meist als eingespieltes Duo aus zwei getrennten Musikern auf, nicht als eine Person mit zwei Instrumenten.
Die Dulzaina braucht beide Hände, deshalb spielt fast immer ein zweiter Musiker die Trommel. Ein Dulzainero kennt die Tamboril-Rhythmen oft selbst genau, doch die Zwei-Hand-Grifftechnik der Dulzaina lässt keine Hand für den Schlägel übrig.
Diese Arbeitsteilung unterscheidet die Dulzaina von einhändig spielbaren Pfeifen wie der baskischen Txistu, die mit nur drei Grifflöchern auskommt und deshalb tatsächlich von einer einzigen Person zusammen mit einer am Arm befestigten Trommel gespielt werden kann. Die verbreitete Vorstellung, ein Dulzainero bediene ebenso im Alleingang beide Instrumente, überträgt diese Eigenheit fälschlich auf ein Instrument, das dafür zu viele Grifflöcher besitzt.
Was unterscheidet Dulzaina und Chirimía?
Chirimía und Dulzaina bezeichneten ursprünglich zwei Größen desselben Doppelrohrblattinstruments: Die Chirimía war die längere, am Hof und in Kirchenkapellen gespielte Bauform mit etwa 50 bis 60 Zentimetern Länge, die Dulzaina die kürzere Volksmusikvariante von rund 30 bis 40 Zentimetern. Schon im frühen 17. Jahrhundert unterschied Miguel de Cervantes im zweiten Teil seines Don Quijote zwischen beiden Begriffen.
Im heutigen Sprachgebrauch verschwimmt diese Trennung. Spanische Missionare brachten die Chirimía im 16. und 17. Jahrhundert nach Mittelamerika, wo der Name bis heute für Doppelrohrblattinstrumente der Schalmei-Familie steht, etwa in Guatemala und Mexiko. In Spanien selbst bleibt Dulzaina der gebräuchliche Name für die kastilische Bauform. Wer beide Wörter in einem spanischen Text liest, meint damit meist verwandte, aber nicht zwingend identische Instrumente derselben Familie.
Wo wird die Dulzaina gespielt?
Kastilien-León bildet das Zentrum der Dulzaina-Tradition, mit besonders lebendiger Praxis in den Provinzen Valladolid, Segovia, Burgos und Ávila. Dort führt die Dulzaina zusammen mit dem Tamboril Prozessionen, Patronatsfeste und Hochzeiten an und begleitet die Umzüge der Gigantes y Cabezudos, überlebensgroße Festfiguren, die zu Dulzaina-Klängen durch die Straßen ziehen.
Verwandte Bauformen tragen unter anderen Namen fort: Dolçaina in Valencia, Gralla in Katalonien und Pita in Murcia und Teilen La Manchas. Jede Region pflegt eigene Stücke und eigene Ensembles, doch die gemeinsame Bauweise mit konischem Rohr und Doppelrohrblatt verbindet sie alle. Als spanisches Gegenstück zur bretonischen Bombarde, die ebenfalls Prozessionen und Feste anführt, gilt die Dulzaina in der Instrumentenkunde häufig.
Häufige Fragen zur Dulzaina
Ist die Dulzaina dasselbe Instrument wie die Chirimía?
Die Dulzaina und die Chirimía sind eng verwandt, aber historisch nicht identisch. Die Chirimía war ursprünglich die größere, am Hof gespielte Bauform eines Doppelrohrblattinstruments mit rund 50 bis 60 Zentimetern Länge, die Dulzaina die kürzere Volksmusikvariante von etwa 30 bis 40 Zentimetern. Im heutigen Sprachgebrauch, besonders in Mittelamerika, steht Chirimía oft als Oberbegriff für Instrumente dieser Schalmei-Familie, während Dulzaina in Spanien die gebräuchliche Bezeichnung für die kastilische Bauform bleibt.
Braucht die Dulzaina ein Rohrblatt wie die Oboe?
Ja, die Dulzaina erzeugt ihren Ton wie die Oboe über ein Doppelrohrblatt: zwei gegeneinander gebundene Schilfrohrblättchen, die beim Anblasen gegeneinander schwingen. Bei der Dulzaina sitzt das Rohrblatt auf einem kleinen Metallröhrchen, dem Tudel, der es mit dem konisch gebohrten Holzkorpus verbindet. Der Spieler nimmt das Rohrblatt weiter in den Mund als ein Oboist und bläst mit deutlich höherem Druck.
Spielt ein Musiker Dulzaina und Tamboril gleichzeitig?
Nein, in aller Regel treten Dulzainero und Tamborilero als zwei getrennte Musiker auf. Die Dulzaina verlangt beide Hände für ihre sieben Grifflöcher und die zusätzlichen Klappen, sodass keine Hand für den Trommelschlägel frei bleibt. Anders als bei einhändig spielbaren Pfeifen mit nur drei Grifflöchern lässt sich die Dulzaina deshalb nicht nebenbei von derselben Person schlagen.
Woher stammt die Dulzaina und wie verbreitet ist sie heute?
Die Dulzaina gehört zur weit verzweigten Familie der Schalmeien, deren Doppelrohrblattbauweise über den Mittelmeerraum nach Europa gelangte; ein genaues Entstehungsjahr oder ein Erfinder lässt sich der Dulzaina nicht zuordnen. Fest steht ihre bis heute lebendige Verbreitung in Kastilien-León sowie in regionalen Verwandten wie der valencianischen Dolçaina, der katalanischen Gralla und der murcianischen Pita.




