Die Bandura ist ein ukrainisches Zupfinstrument, das die Bauprinzipien von Laute und Zither in einem Korpus vereint. Ein kleinerer Teil der Saiten, die Basssaiten, läuft über einen schmalen Halsansatz zu eigenen Wirbeln und klingt dort offen, ohne Bünde. Der weitaus größere Teil, die Prystrunky, liegt frei über der flachen Decke des Resonanzkörpers und wird beim Spiel nicht verkürzt. Je nach Bauform trägt eine Bandura zwischen 12 und weit über 60 Saiten. In der Ukraine gilt sie als Nationalinstrument, gespielt von Banduristen, die traditionell zur eigenen Gesangsbegleitung auftreten.
Wie ist eine Bandura aufgebaut?
Die Bandura verbindet zwei unterschiedliche Saitenanlagen in einem Instrument. Die Basssaiten laufen über einen schmalen Halsansatz zu Wirbeln am oberen Ende, tragen aber kein Griffbrett zum Verkürzen: Jede Saite klingt in einer festen Stimmung, wie eine offene Saite an einer bundlosen Laute. Die Prystrunky, die deutlich zahlreichere zweite Saitengruppe, sind an eigenen Wirbeln am Rand des Resonanzkörpers befestigt und laufen frei über dessen Decke zu einem niedrigen Steg, ohne den Hals zu berühren. Diese Bauweise entspricht dem Prinzip der Zither, bei der jede Saite auf genau einen Ton gestimmt ist und in voller Länge schwingt. Der Resonanzkörper besteht meist aus Weide, Pappel, Kirsche oder Ahorn, die Decke aus Fichte; seit den 1960er-Jahren bauen manche Werkstätten den Rücken auch aus Glasfaser.
| Merkmal | Bandura |
|---|---|
| Familie | Zupfinstrument, Kombination aus Lauten- und Zitherprinzip |
| Herkunft | Ukraine |
| Saitenzahl | 12 bis 68, je nach Bauform |
| Saitengruppen | Basssaiten am Hals, unbundiert; Prystrunky frei über der Decke |
| Stimmung | diatonisch (historische Bauform) oder chromatisch (moderne Konzertbauform) |
| Bekannte Bauformen | Kiewer Bandura, Charkiwer Bandura |
| Spieler | Banduristen, auch Kobsari genannt |
Wie viele Saiten hat eine Bandura?
Die Saitenzahl unterscheidet sich stark zwischen den Bauformen. Die historische Volksbandura, auch Starosvitska genannt, trägt zwischen 12 und 23 Saiten, davon 4 bis 6 Basssaiten und 16 bis 18 Prystrunky, überwiegend diatonisch gestimmt. Die Kiewer Konzertbandura kommt auf 55 bis 65 Metallsaiten, davon 12 bis 17 Basssaiten und bis zu 50 Prystrunky, chromatisch gestimmt über rund fünf Oktaven. Die Charkiwer Bandura wird entweder diatonisch mit 34 bis 36 Saiten gebaut oder chromatisch mit 61 bis 68 Saiten. Von diesen drei Bauformen ist die Kiewer Bandura heute die gebräuchlichste; die Charkiwer Bandura wird in der Ukraine kaum noch gebaut und findet sich vor allem bei Werkstätten außerhalb des Landes.
Wie spielt man eine Bandura?
In der gebräuchlichsten, der Kiewer Spielweise, hält der Spieler die Bandura zwischen den Knien, den Korpus quer vor dem Oberkörper. Die linke Hand spielt die Basssaiten am Hals, die rechte Hand zupft die Prystrunky über der Decke; die Haltung lässt der linken Hand meist nur die mittleren drei Finger und dem kleinen Finger der rechten Hand wenig Bewegungsspielraum. In der Charkiwer Spielweise dagegen erreichen beide Hände alle Saiten gleichermaßen, und auch der kleine Finger der rechten Hand kommt zum Einsatz. Historisch bespannte man die Bandura mit Darmsaiten; nach der Einführung industriell gefertigter Geigensaiten im Jahr 1891 setzten sich zunehmend Stahlsaiten durch, moderne Instrumente tragen zusätzlich Nylon- oder Kunststoffsaiten.
Woher stammt die Bandura?
Die Bandura geht auf die Kobza zurück, eine bundierte Kurzhalslaute. Die erste schriftliche Erwähnung des Namens Bandura findet sich in einer polnischen Chronik aus dem Jahr 1441. Vom 15. bis ins 17. Jahrhundert gaben Instrumentenbauer die Bünde am Hals nach und nach auf und vermehrten die freien Prystrunky an der Seite des Halses; aus dieser schrittweisen Umbauweise entstand die klassische Bandura. Zur Zeit der Kosaken im 16. und 17. Jahrhundert begleitete das Instrument vor allem Dumy, erzählende Lieder mit heroischem Inhalt, sowie historische Lieder über die Gefangenschaft ukrainischer Kosaken bei den Osmanen. Gespielt wurde die Bandura überwiegend von wandernden Sängern, den Kobsari beziehungsweise Banduristen, unter denen viele blind waren. Ab 1738 unterrichtete eine Musikakademie im damaligen Hlukhiv das Bandura-Spiel systematisch, eine der frühesten belegten Ausbildungsstätten für das Instrument. Auch die russische Gusli und die Domra zählen zu den osteuropäischen Verwandten, unterscheiden sich aber im Aufbau: Bei der Gusli laufen alle Saiten frei über die Decke, ohne einen Hals mit Basssaiten wie bei der Bandura.
Was geschah mit den Banduristen in der Sowjetunion?
Die sowjetische Kulturpolitik der 1930er-Jahre traf die Banduristen hart. Im Zuge der stalinistischen Unterdrückung ukrainischer Kultur wurden zahlreiche Banduristen, Kobsari und Leiter von Bandura-Ensembles verhaftet, in Lager verschickt oder erschossen. Ein einzeln dokumentierter Fall ist Hnat Chotkewytsch, Begründer der Charkiwer Spielweise und Verfasser des ersten Lehrbuchs für Bandura: Die sowjetische Geheimpolizei verhaftete ihn am 21. Februar 1938 wegen angeblicher Mitgliedschaft in einer nationalistischen Untergrundorganisation, am 8. Oktober 1938 wurde er erschossen. 1956 rehabilitierte man ihn posthum. Eine oft wiedergegebene Erzählung, wonach sowjetische Behörden Kobsari geschlossen zu einem Kongress nach Charkiw gelockt und dort in einer einzigen Aktion erschossen hätten, lässt sich anhand von Archivquellen nicht datieren oder verorten; sie fehlt deshalb hier als Einzelereignis, auch wenn die allgemeine Verfolgung von Banduristen in den 1930er-Jahren gut belegt ist.
Wie entstand die moderne Konzertbandura?
Die heutige Konzertbandura ist eine Entwicklung des 20. Jahrhunderts. Um 1911 waren bereits Instrumente mit 32 diatonisch gestimmten Saiten verbreitet. Mitte der 1920er-Jahre kamen zusätzliche chromatische Saiten hinzu, im selben Jahrzehnt entwickelten Hnat Chotkewytsch und Leonid Hajdamaka die Charkiwer Spielweise als eigenständige Bauform und Technik. 1931 führte man erstmals eine mechanische Hebelvorrichtung ein, mit der sich einzelne Saiten während des Spiels schnell umstimmen lassen. 1956 entwickelte Iwan Skljar die moderne Kiewer Konzertbandura mit ihren 55 bis 65 chromatisch gestimmten Metallsaiten; sie ist seither die in der Ukraine gebräuchlichste Bauform.
Häufige Fragen zu Bandura
Wie viele Saiten hat eine Bandura mindestens und maximal?
Eine Bandura trägt je nach Bauform zwischen 12 und 68 Saiten. Die historische Volksbandura kommt mit 12 bis 23 Saiten aus, die Kiewer Konzertbandura mit 55 bis 65 Saiten, und die chromatische Charkiwer Bandura reicht bis zu 68 Saiten. In jeder Bauform teilen sich die Saiten in wenige Basssaiten am Hals und deutlich mehr Prystrunky über der Decke.
Was unterscheidet die Bandura von der Kobza?
Die Bandura unterscheidet sich von der Kobza durch das fehlende Griffbrett und die vielen zusätzlichen Saiten. Die Kobza ist eine bundierte Kurzhalslaute mit wenigen Saiten, die der Spieler auf dem Griffbrett verkürzt. Zwischen dem 15. und 17. Jahrhundert gaben Instrumentenbauer diese Bünde auf und ergänzten die freien Prystrunky über der Decke; daraus entstand die Bandura als eigenständiges Instrument.
Ist die Bandura ein Zupfinstrument?
Ja, die Bandura ist ein Zupfinstrument. Beide Hände zupfen die Saiten, ohne Bogen oder Anschlagmechanik. Sie steht damit in der Nähe von Balalaika und Gusli, verbindet aber als einziges dieser Instrumente einen Hals mit Basssaiten und eine Decke mit vielen frei schwingenden Prystrunky in einem Korpus.
Wer spielt traditionell die Bandura?
Traditionell spielten Banduristen, auch Kobsari genannt, die Bandura zur eigenen Gesangsbegleitung. Viele von ihnen waren blind und zogen als Wandersänger von Ort zu Ort, wo sie Dumy und historische Lieder vortrugen. Ab 1738 bildete eine Musikakademie im damaligen Hlukhiv das Spiel auch systematisch aus.




