Weltmusik ist keine Musikrichtung, sondern eine Kategorie des Musikhandels. Sie entstand 1987 in London, als Vertreter kleiner Plattenfirmen einen gemeinsamen Namen suchten, unter dem die Läden Aufnahmen aus Afrika, Asien und Lateinamerika einsortieren konnten. Musikalisch verbindet diese Aufnahmen nichts: Ein Qawwali aus Pakistan, ein Fado aus Portugal und ein Afrobeat-Stück aus Nigeria teilen weder Besetzung noch Tonsystem noch Form. Der Begriff sagt deshalb mehr über die Sicht des Marktes aus als über die Musik.
Was ist Weltmusik?
Weltmusik ist eine Ordnungskategorie und kein Genre. Ein Genre beschreibt musikalische Merkmale: Tonmaterial, Rhythmus, Besetzung, Form. Weltmusik beschreibt keines davon, sondern eine Herkunft, und selbst diese nur negativ. In der Kategorie steht, was nicht in die Regale für Pop, Rock, Jazz und Klassik passt. Dass darunter auch europäische Musik fällt, etwa der portugiesische Fado oder der spanische Flamenco, zeigt, wie die Grenze verläuft: nicht zwischen Europa und dem Rest, sondern zwischen dem angloamerikanischen Repertoire und allem anderen.
| Merkmal | Weltmusik |
|---|---|
| Entstehungszeit und -ort | 1987 in London als Vermarktungskategorie; in der Musikethnologie schon seit den 1960er Jahren als Sammelname im Gebrauch |
| Typische Besetzung | keine gemeinsame; die Kategorie fasst Musik ohne verbindende Instrumentierung zusammen |
| Prägende Merkmale | Einteilung nach Herkunft statt nach Musik, Restkategorie für alles außerhalb des angloamerikanischen Repertoires |
| Wichtige Spielarten | keine im musikalischen Sinn; einsortiert werden unter anderem Qawwali, Fado, Rai, Afrobeat, Morna, Son, Flamenco und Gamelan |
| Gemeinsamer Nenner | der Standort des Marktes, in dem die Aufnahme verkauft wird |
| Kritik | die Kategorie sagt, was die Musik nicht ist, und nicht, was sie ist |
Wie ist der Begriff Weltmusik entstanden?
1987 trafen sich in London Vertreter kleiner Labels, Vertriebe und Konzertveranstalter, um ein Problem des Handels zu lösen. Aufnahmen aus Afrika, Asien und Lateinamerika verkauften sich schlecht, weil die Plattenläden nicht wussten, in welches Regal sie gehörten, und sie deshalb gar nicht erst führten. Die Runde einigte sich auf den englischen Ausdruck world music, ließ Regaltrenner drucken und brachte Sampler heraus, die das neue Fach bewarben.
Der Begriff sollte den Verkauf erleichtern und keine Musik beschreiben. Genau das ist er geblieben. In der amerikanischen Musikethnologie kursierte der Ausdruck bereits seit den 1960er Jahren als Name für Lehrangebote zu nichtwestlicher Musik. Der Plattenladen übernahm das Wort, nicht dessen fachlichen Inhalt.
Weltmusik ist eine Restkategorie. Sie ist über eine Abwesenheit bestimmt: Weltmusik ist alles, was nicht in die vorhandenen Fächer passt. Deshalb hängt die Zuordnung vom Standort ab. Dieselbe Aufnahme steht in einem Laden unter Weltmusik und in einem anderen unter dem heimischen Repertoire, ohne dass sich an der Musik etwas geändert hätte.
Warum ist Weltmusik kein Genre?
Weltmusik ist kein Genre, weil die Zuordnung nicht an der Musik hängt, sondern am Betrachter. Ein Rockalbum aus England steht in München unter Rock, in einem Laden in Bamako dagegen unter Weltmusik. Ein Kora-Album aus Mali steht in München unter Weltmusik, in Bamako gehört es zum heimischen Repertoire. Der Begriff wandert also mit dem Standort, während ein Genre wie Salsa oder Bebop überall dasselbe meint.
Welche Musik steht unter Weltmusik?
Unter der Kategorie stehen Formen, die miteinander nichts zu tun haben. Diese Aufzählung zeigt die Spannweite, sie ist keine Systematik.
- Qawwali aus Pakistan und Nordindien ist Sufi-Gesang mit Harmonium, Tabla, Chor und Händeklatschen. Nusrat Fateh Ali Khan machte ihn außerhalb Südasiens bekannt.
- Afrobeat aus Nigeria verbindet Highlife mit Jazz und Funk. Fela Kuti prägte die Form mit langen Stücken, festem Bläsersatz und politischen Texten.
- Morna von den Kapverden ist ein langsamer Gesang mit Gitarrenbegleitung, den Cesária Évora international durchsetzte.
- Son cubano gehört eigentlich zur lateinamerikanischen Musik und stand nach dem Erfolg des Buena Vista Social Club 1997 trotzdem in den Weltmusik-Regalen.
- Mbalax aus dem Senegal setzt Sabar-Trommeln gegen Gitarren und Bläser, bekannt geworden durch Youssou N'Dour.
- Gamelan aus Indonesien ist ein Orchester aus gestimmten Metallplatten und Gongs, das eigene Tonsysteme nutzt und sich deshalb auf keiner europäischen Klaviatur abbilden lässt.
Welche Instrumente stehen hinter dem Begriff Weltmusik?
Die Kategorie fasst Instrumente zusammen, die mit sehr verschiedenen Verfahren Töne erzeugen. Diese Seite beschreibt mehrere hundert davon einzeln, statt sie in einem Sammelfach abzulegen.
- Kora aus Westafrika trägt 21 Saiten, die in zwei Reihen über einen senkrecht stehenden Steg laufen. Die Kora hat als Korpus eine halbierte Kalebasse mit Fell.
- Djembe aus Westafrika ist eine Bechertrommel, die mit bloßen Händen gespielt wird. Bass, offener Ton und Slap ergeben auf der Djembe drei deutlich unterschiedene Klänge.
- Alphorn aus dem Alpenraum ist ein bis zu mehreren Metern langes Naturtoninstrument ohne Ventile. Für einen Plattenladen in Tokio wäre das Alphorn Weltmusik, für einen in Bern nicht.
Wie hat sich der Umgang mit dem Begriff Weltmusik geändert?
Der Begriff verliert an Rückhalt. Die Recording Academy benannte 2020 ihre Kategorie Best World Music Album in Best Global Music Album um und begründete den Schritt mit den kolonialen Beiklängen des alten Namens. Festivals, Labels und Redaktionen nennen zunehmend die Herkunft oder die Form selbst, also Fado, Mbalax oder Cumbia, statt die Sammelbezeichnung zu setzen.
Der praktische Nutzen bleibt trotzdem bestehen. Das Festival WOMAD, das seit 1982 stattfindet, und das Label Real World Records, beide von Peter Gabriel angestoßen, verschafften Musikern außerhalb des angloamerikanischen Marktes Bühnen und Vertriebswege. Wer über das Regal Weltmusik eine Aufnahme aus Mali findet, hat etwas gewonnen. Für die Beschreibung dieser Aufnahme taugt das Wort dennoch nicht.
Häufige Fragen zur Weltmusik
Was ist Weltmusik genau?
Weltmusik ist eine Kategorie des Musikhandels und keine Musikrichtung. Sie fasst Aufnahmen zusammen, die außerhalb des angloamerikanischen Pop-Repertoires entstanden sind, unabhängig davon, wie sie klingen. Ein gemeinsames Tonsystem, eine gemeinsame Besetzung oder eine gemeinsame Form gibt es innerhalb der Kategorie nicht.
Wann ist der Begriff Weltmusik entstanden?
Der Begriff Weltmusik als Kategorie des Handels entstand 1987 in London. Vertreter kleiner Labels und Vertriebe verständigten sich dort auf den Ausdruck world music, um Plattenläden ein Fach für Musik anzubieten, die sie bisher nicht einordnen konnten. In der Musikethnologie war das Wort schon seit den 1960er Jahren als Sammelname in Gebrauch.
Warum gilt der Begriff Weltmusik als problematisch?
Weltmusik ist als Restkategorie angelegt und bestimmt Musik über das, was sie nicht ist. Damit setzt der Begriff das angloamerikanische Repertoire als Maßstab und alles andere als Abweichung. Die Recording Academy zog daraus 2020 die Konsequenz und benannte ihre Kategorie in Best Global Music Album um.
Welche Instrumente gehören zur Weltmusik?
Zur Weltmusik gehört keine feste Instrumentengruppe, weil die Kategorie nicht musikalisch definiert ist. In den Regalen stehen Aufnahmen mit Kora, Djembe, Sitar, Gamelan-Instrumenten, Bandoneon oder Didgeridoo nebeneinander. Diese Instrumente unterscheiden sich in Bauart, Tonerzeugung und Tonsystem grundlegend voneinander.




