Synthpop ist Popmusik mit klarer Songform, deren Klangfarben fast vollständig aus Synthesizern und Drumcomputern stammen statt aus Gitarre, Bass und Schlagzeug. Der Gesang bleibt dabei die tragende Stimme und steht vorn im Klangbild. Synthpop entstand Ende der 1970er Jahre in Großbritannien und Deutschland, als polyphone Synthesizer und Sequencer erstmals bezahlbar wurden. Er prägte die 1980er Jahre und wirkt bis in heutige Popproduktionen nach.
Was macht Synthpop aus?
Synthpop tauscht das Instrumentarium des Pop aus und lässt die Form unangetastet. Melodie, Begleitung, Bass und Schlagzeug kommen aus Synthesizern und Drumcomputern, während Strophe, Refrain und Spieldauer die des Pop bleiben. Der Gesang wird nicht ersetzt: Er führt die Melodie und ist in vielen Stücken der einzige Klang, den kein Gerät erzeugt.
| Merkmal | Synthpop |
|---|---|
| Entstehungszeit | Ende der 1970er Jahre |
| Entstehungsort | Großbritannien und Deutschland |
| Klangquelle | Synthesizer und Drumcomputer, dazu der Gesang als einzige nicht elektronisch erzeugte Stimme |
| Typische Besetzung | Gesang, ein bis zwei Synthesizer, Drumcomputer und Sequencer, gespielt von zwei oder drei Personen |
| Form | Strophe, Refrain, häufig eine Bridge, also die Gliederung des Pop |
| Spieldauer | meist drei bis vier Minuten, auf Radiolänge gebaut |
| Taktart | überwiegend 4/4 |
| Technische Voraussetzung | bezahlbare polyphone Synthesizer und Sequencer ab Ende der 1970er Jahre |
| Blütezeit | 1980er Jahre |
| Abgrenzung | behält Songform und Gesangsmelodie, anders als die spätere elektronische Tanzmusik |
Welche Technik machte Synthpop möglich?
Synthpop wurde möglich, als polyphone Synthesizer bezahlbar wurden. Vorher spielte ein Synthesizer nur einen Ton auf einmal. Damit lässt sich ein Bass oder eine einstimmige Melodie bestreiten, aber keine Begleitung.
Der Unterschied steckt im Aufbau. Ein monophones Gerät enthält einen einzigen Signalweg aus Oszillator, Filter und Hüllkurve. Drückt der Spieler zwei Tasten, entscheidet eine Schaltung, welcher Ton gilt, und der andere fällt weg. Ein polyphones Gerät enthält diesen Signalweg mehrfach, einmal je gleichzeitig klingender Stimme: Fünf Stimmen bedeuten fünf Oszillatorzüge, fünf Filter und fünf Hüllkurven im selben Gehäuse.
Polyphonie war deshalb zuerst eine Preisfrage. Erst als Serienfertigung und Steuerung durch einen Mikroprozessor die Kosten senkten, kamen Geräte in Reichweite, die ein Duo bezahlen konnte. Der Prophet-5 der Firma Sequential Circuits erschien 1978, spielte fünf Töne gleichzeitig und speicherte seine Einstellungen, sodass ein gefundener Klang auf Knopfdruck zurückkehrte.
Damit verschob sich, wie viele Leute ein volles Arrangement brauchten. Zwei oder drei Personen erzeugten den Klang einer ganzen Band: Akkordfläche aus dem polyphonen Gerät, Basslinie aus einem zweiten Synthesizer, Schlagmuster aus dem Drumcomputer und darüber die Stimme.
Was macht der Sequencer im Synthpop?
Der Sequencer speichert eine Tonfolge und spielt sie exakt gleichmäßig ab. Er erzeugt selbst keinen Klang, sondern gibt an den Synthesizer weiter, welcher Ton wann einsetzt und wie lange er stehen bleibt.
Daraus folgt der Puls, an dem sich Synthpop erkennen lässt. Ein Bassist verschiebt jeden Anschlag um Bruchteile, mal vor den Schlag, mal dahinter, und diese Abweichungen machen das Spiel einer Band lebendig. Der Sequencer hat sie nicht: Jede Note sitzt auf dem Raster, in jedem Takt an derselben Stelle. Der Puls steht unverrückbar, und die Gruppen der späten 1970er Jahre nahmen ihn als Merkmal des Stils.
Zweitens macht der Sequencer Hände frei. Läuft die Basslinie von selbst weiter, greift derselbe Musiker Akkorde oder bewegt ein Filter.
Wie unterscheidet sich Synthpop von elektronischer Tanzmusik?
Synthpop und die später entstandene elektronische Tanzmusik teilen die Geräte und trennen sich in der Form. Drei Unterschiede sind unmittelbar hörbar.
- Songform bleibt im Synthpop erhalten. Strophe und Refrain wechseln sich ab, der Refrain kehrt mehrfach wieder. Tanzmusik baut stattdessen aus Schleifen, die sich übereinanderschichten und wieder ausdünnen.
- Rolle der Stimme trennt beide am deutlichsten. Im Synthpop steht der Gesang vorn und singt eine durchgehende Melodie mit Text. In der Tanzmusik erscheint die Stimme oft als kurzes Bruchstück oder fehlt ganz.
- Spieldauer ist im Synthpop auf Radiolänge ausgelegt, also drei bis vier Minuten. Clubfassungen laufen sechs Minuten und länger, weil ein DJ Anfang und Ende zum Übergehen braucht.
Das Instrumentarium taugt nicht zur Unterscheidung: Synthesizer, Drumcomputer und Sequencer stehen im Synthpop wie in der elektronischen Musik. Über die Zuordnung entscheidet die Form.
Woher stammt der Synthpop?
Synthpop entstand Ende der 1970er Jahre in Großbritannien und Deutschland. In Großbritannien kam er aus dem Umfeld von Punk und New Wave: Kleine Gruppen verstanden den Synthesizer nicht als Studiogerät für Fachleute, sondern als günstigen Weg, ohne Band nach einer zu klingen. The Human League aus Sheffield und Depeche Mode aus Basildon bauten ihre Stücke aus Synthesizern und programmiertem Schlagzeug.
In Deutschland lief die Entwicklung umgekehrt. Die elektronische Arbeitsweise war dort bereits vorhanden, und der Popsong kam hinzu.
Kraftwerk steht als Vorläufer davor, nicht mittendrin. Die Düsseldorfer Gruppe arbeitete seit den frühen 1970er Jahren elektronisch und lieferte die Klangwelt, aus der Synthpop schöpft. Zwei Dinge trennen sie trotzdem vom Stil: Kraftwerk baut aus langen, wiederholten Figuren und überschreitet die Länge eines Popstücks deutlich, und die Stimme ist dort ein Klang unter anderen, häufig elektronisch bearbeitet. Synthpop dreht beides um.
Synthpop ist kein Klangexperiment, sondern Pop mit anderen Instrumenten. Die Form blieb unverändert: Strophe, Refrain, drei bis vier Minuten, eine Melodie zum Mitsingen. Getauscht wurde allein, woher die Töne kommen. Genau deshalb lief Synthpop im Radio, während die elektronische Studiomusik derselben Jahre ein kleines Publikum behielt.
Wie wirkt Synthpop bis heute nach?
Synthpop prägte die 1980er Jahre und verschob dauerhaft, was im Pop als gewöhnlicher Klang gilt. Vorher war ein Synthesizer eine Farbe neben Gitarre und Schlagzeug, danach trug er ganze Stücke.
Heutige Produktionen setzen elektronische Klangfarben als Regel und nicht als Ausnahme ein. Bass, Schlagzeug und Flächen entstehen meist in Software, die Synthesizer nachbildet oder eigene Klänge erzeugt. Die Frage lautet nicht mehr, ob elektronische Klänge vorkommen, sondern welche.
Häufige Fragen zu Synthpop
Was ist Synthpop?
Synthpop ist Popmusik, deren Klangfarben fast vollständig aus Synthesizern und Drumcomputern stammen, während die Form die des Pop bleibt: Strophe, Refrain und drei bis vier Minuten Spieldauer. Der Gesang trägt das Stück und steht vorn im Klangbild. Der Stil entstand Ende der 1970er Jahre in Großbritannien und Deutschland und prägte die 1980er Jahre.
Was ist der Unterschied zwischen einem monophonen und einem polyphonen Synthesizer?
Ein monophoner Synthesizer spielt einen Ton auf einmal, ein polyphoner mehrere. Der Grund liegt im Aufbau: Das monophone Gerät enthält einen Signalweg aus Oszillator, Filter und Hüllkurve, das polyphone enthält ihn mehrfach, einmal je gleichzeitig klingender Stimme. Ein monophones Gerät liefert deshalb nur Bass oder einstimmige Melodie, ein polyphones auch Akkorde.
Was ist der Unterschied zwischen Synthpop und elektronischer Tanzmusik?
Synthpop und elektronische Tanzmusik nutzen dieselben Geräte, bauen ihre Stücke aber verschieden. Synthpop behält Strophe und Refrain, stellt eine gesungene Melodie in den Vordergrund und bleibt bei drei bis vier Minuten. Elektronische Tanzmusik arbeitet mit wiederholten Schleifen statt mit Refrain, nutzt die Stimme oft nur in Bruchstücken und legt Stücke länger an, damit ein DJ sie übergehen kann.
Gehört Kraftwerk zum Synthpop?
Kraftwerk gilt als Vorläufer des Synthpop, nicht als Teil davon. Die Gruppe arbeitete seit den frühen 1970er Jahren elektronisch, baute ihre Stücke aber aus langen, wiederholten Figuren und behandelte die Stimme als einen Klang neben anderen. Synthpop stellt dagegen die gesungene Melodie in den Mittelpunkt und hält sich an Länge und Gliederung eines Popstücks.




