Free Jazz ist ein Jazzstil, der die Vorgaben aufgibt, an die sich der übrige Jazz hält. Es gibt keine festgelegte Akkordfolge, über die improvisiert wird, keinen durchlaufenden Grundpuls und häufig auch keine Tonart. Was bleibt, sind Klangfarbe, Dichte, Lautstärke und das Zusammenspiel selbst. Diese vier übernehmen die Arbeit, die sonst Harmonie und Form erledigen. Der Stil entstand Ende der 1950er Jahre in den USA.
Was macht Free Jazz aus?
Free Jazz macht die Improvisation zum ganzen Stück und nimmt ihr zugleich das Gerüst. Im übrigen Jazz gibt ein Thema Akkorde und Taktzahl vor, und jeder Solist spielt über diese Vorgabe. Im Free Jazz fällt sie weg: keine Folge, die sich wiederholt, keine Taktzahl, die einen Durchlauf begrenzt, oft kein Zentralton.
An ihre Stelle treten vier Größen. Die Klangfarbe wird zum Gestaltungsmittel: Ein rauer, gepresster oder mehrstimmiger Ton trägt so viel Information wie sonst ein Akkordwechsel. Die Dichte regelt, wie viele Ereignisse gleichzeitig laufen, die Lautstärke gliedert, wo sonst eine Kadenz gliedert. Und das Zusammenspiel wird selbst hörbar: Wer wem folgt, wer widerspricht und wer aussetzt, ergibt die Form.
| Merkmal | Free Jazz |
|---|---|
| Entstehungszeit | Ende der 1950er Jahre |
| Blütezeit | 1960er Jahre |
| Entstehungsraum | USA |
| Übliche Besetzung | Quartett als Regelfall, daneben Duos und größere Gruppen, oft ohne Klavier |
| Harmonik | keine vorgegebene Akkordfolge, häufig kein tonales Zentrum |
| Puls | kein durchgehender Grundschlag, Tempo verschiebt sich im Spiel |
| Form | entsteht im Spiel, keine feste Taktzahl |
| Gestaltungsmittel | Klangfarbe, Dichte, Lautstärke, Rollenwechsel |
| Zusammenhalt | verabredete Motive, Einsatzsignale, wechselnde Rollen |
| Zweck | Musik zum Zuhören |
Was hält ein Free-Jazz-Stück zusammen?
Ein Free-Jazz-Stück hält sich an Verabredungen, die nicht in der Harmonie liegen. Der Stil tauscht eine Vorgabe gegen eine andere, er streicht sie nicht ersatzlos. Vier Mittel treten an die Stelle der Akkordfolge.
- Motive ersetzen das Akkordraster durch die Melodie. Die Gruppe einigt sich auf kurze Tonfolgen oder auf ein Intervall. Ein Musiker greift die Figur eines anderen auf, kürzt sie, versetzt sie und gibt sie zurück.
- Rollenwechsel lösen die feste Aufgabenverteilung. Bass und Schlagzeug begleiten nicht durchgehend, der Bassist kann führen, während der Bläser in die Begleitung geht. Wer gerade führt, sagt niemand an, es zeigt sich im Spiel.
- Einsatzsignale markieren die Übergänge. Ein abgesprochener Ton, ein Sprung in der Lautstärke oder das wiederkehrende Thema zeigt an, dass ein Abschnitt endet. Viele Stücke beginnen und schließen mit einem ausgeschriebenen Thema und lassen nur das Dazwischen offen.
- Aufmerksamkeit ersetzt die Zählzeit als Treffpunkt. Es gibt keinen Takt, an dem sich alle automatisch wiederfinden, also muss jeder Einsatz gehört und beantwortet werden.
Daraus folgt der Punkt, den die verbreitete Vorstellung vom Free Jazz verfehlt: Die Musiker hören mehr aufeinander, nicht weniger. Über einer festen Akkordfolge kann ein Solist seine Linie durchziehen, ohne auf die Begleitung zu achten. Fehlt dieses Raster, hängt jeder nächste Ton davon ab, was die anderen gerade spielen.
Free Jazz verlangt mehr Zuhören als Jazz mit fester Form. Ohne Akkordfolge und ohne Grundpuls gibt es keine Stelle, an der sich eine Gruppe automatisch wiedertrifft. Jeder Wechsel muss gehört und beantwortet werden, sonst fällt das Stück auseinander.
Welche Spieltechniken nutzt der Free Jazz?
Der Free Jazz nutzt Techniken, die den Ton aus seinem gewohnten Klangbild herausführen. Jede lässt sich an ihrer Ursache erklären.
- Überblasen entsteht durch höheren Blasdruck und stärkere Lippenspannung. Das Instrument spricht dann nicht mehr den Grundton der gegriffenen Rohrlänge an, sondern einen Oberton darüber. Der Klang wird schärfer, weil die tiefen Anteile fehlen.
- Multiphonics sind Mehrklänge auf einem einstimmigen Instrument. Gabelgriffe, bei denen unter offenen Klappen wieder geschlossene liegen, teilen die Luftsäule so, dass mehrere Teiltöne zugleich ansprechen.
- Spiel über den üblichen Tonumfang hinaus heißt beim Saxophon Altissimo. Spezialgriffe und eine veränderte Stellung von Zunge und Rachen verstärken den gewünschten Teilton und dämpfen die übrigen.
- Geräuschhafte Klänge entstehen, wenn der Spieler Luft am Rohrblatt vorbeiströmen lässt, in das Instrument hineinsingt oder den Ansatz so weit treibt, dass der Ton kippt. Das Ergebnis hat keine bestimmbare Tonhöhe mehr.
Wie verhält sich Free Jazz zum Bebop?
Der Free Jazz führt den Weg des Bebop zu Ende, indem er ihn abbricht. Der Bebop hatte die Harmonik so weit getrieben, wie sie sich treiben ließ: oft zwei Akkordwechsel je Takt, dazu Substitutionen, die das erwartete Ziel verschieben. Wer diesen Weg weiterging, kam bei Folgen an, in denen die einzelne Harmonie kaum noch Wirkung entfaltete. Der nächste Schritt hieß, sie ganz wegzulassen.
Woher stammt der Free Jazz?
Der Free Jazz entstand Ende der 1950er Jahre in den USA und prägte dort die 1960er Jahre. Unstrittig zugeordnet sind ihm der Altsaxophonist Ornette Coleman, der Pianist Cecil Taylor und Albert Ayler am Tenorsaxophon. Coleman löste die Improvisation von der Akkordfolge und ließ die Melodie die Richtung bestimmen. Taylor behandelte die Tastatur perkussiv, mit dichten Tontrauben statt mit Akkordgriffen. Ayler stellte einfache, liedhafte Themen neben einen stark geräuschhaften Ton.
Die Bewegung fiel zeitlich mit der Bürgerrechtsbewegung zusammen, und für einen Teil der Beteiligten ist belegt, dass sie diesen Zusammenhang selbst herstellten. Sie verstanden die musikalische Freiheit ausdrücklich politisch, sagten das in Interviews und in Stücktiteln und gründeten eigene Musikerorganisationen, die Auftritte und Veröffentlichungen selbst in die Hand nahmen. Für alle gilt das nicht: Andere Musiker desselben Umfelds wiesen eine politische Lesart ihrer Musik zurück.
Warum polarisiert der Free Jazz?
Der Free Jazz polarisiert, seit es ihn gibt, und der Vorwurf lautet von Anfang an gleich: Das sei kein Handwerk mehr. Er stützt sich auf das, was ein Hörer vermisst: Ohne Akkordfolge fehlt der Bezugspunkt, an dem sich ein Ton als falsch erweisen könnte, ohne Grundpuls das Raster für eine Verzögerung.
Dagegen steht die Herkunft der Beteiligten. Sie kamen fast durchweg aus der Bebop-Schule oder aus einer regulären Instrumentalausbildung und beherrschten das Improvisieren über schnelle Akkordwechsel. Der Stil erreichte trotzdem nie ein großes Publikum, und Teile der Jazzkritik lehnten ihn über Jahrzehnte ab. Die erweiterten Spieltechniken gehören heute dagegen zum Handwerkszeug vieler Jazzmusiker.
Häufige Fragen zum Free Jazz
Was ist Free Jazz?
Free Jazz ist ein Jazzstil, der Ende der 1950er Jahre in den USA entstand und die feste Akkordfolge, den durchlaufenden Grundpuls und oft auch die Tonart aufgibt. Gestaltet wird stattdessen mit Klangfarbe, Dichte, Lautstärke und wechselnden Rollen.
Spielt im Free Jazz jeder, was er will?
Nein, im Free Jazz gelten Verabredungen, sie betreffen nur nicht die Harmonie. Eine Gruppe einigt sich auf Motive, auf Signale für den Abschnittswechsel und darauf, dass Führung und Begleitung die Plätze tauschen. Weil das Akkordraster als Treffpunkt fehlt, hören die Musiker stärker aufeinander als bei fester Form.
Was unterscheidet Free Jazz vom Bebop?
Free Jazz und Bebop unterscheiden sich in dem, was vor dem ersten Ton feststeht. Im Bebop liegen Tonart, Akkordfolge, Tempo, Taktzahl und die Rollen der Musiker fest, im Free Jazz nichts davon. Der Bebop hatte die Harmonik so weit ausgereizt, dass ein nächster Schritt darin bestand, sie ganz zu streichen.
Woran erkennt man Free Jazz?
Free Jazz erkennt man an drei Merkmalen. Es gibt keinen Grundschlag, zu dem sich mitzählen ließe. Es kehrt keine Akkordfolge wieder, an der sich ein Durchlauf abzählen ließe. Und die Bläser nutzen Töne außerhalb des üblichen Umfangs, Mehrklänge und geräuschhafte Klänge.




