Die Gusle ist ein einsaitiges, seltener zweisaitiges Streichinstrument des westlichen Balkans, verbreitet in Serbien, Montenegro, Bosnien und Herzegowina sowie Teilen Kroatiens. Der Korpus besteht aus einem einzigen Stück geschnitztem Holz, dessen Vorderseite statt einer Holzdecke mit gespanntem Tierfell bespannt ist. Sowohl die Saite als auch die Bogenbespannung bestehen aus Pferdehaar, was dem Instrument seinen rauen, obertonreichen Klang gibt. Gespielt wird die Gusle fast ausschließlich zur Begleitung gesungener Heldenepen, die ein Guslar vorträgt.
Wie ist die Gusle aufgebaut?
Der birnen- bis tropfenförmige Korpus und der lange, bundlose Hals der Gusle entstehen aus einem einzigen Stück Holz, meist Ahorn. Diese Bauweise aus einem durchgehenden Holzblock teilt sich die Gusle mit anderen frühen Streichinstrumenten wie der Rebec des europäischen Mittelalters. Anders als bei Geige oder Laute bildet jedoch keine Holzplatte die Decke: Über die Vorderseite des Korpus spannt der Instrumentenbauer stattdessen ein Tierfell, meist Ziegenfell, das wie das Fell einer Trommel schwingt. Mehrere kleine Schalllöcher durchbrechen die Fellbespannung. Am oberen Ende des Halses sitzt häufig ein geschnitzter Kopf, der den Wirbel für die Saite trägt.
Über den Korpus spannt sich eine einzige Saite aus einem Bündel Pferdehaar. Nur in einer regionalen Bauform, in Bosanska Krajina und Lika, kommen zwei Saiten vor. Bünde besitzt der Hals nicht, und der Bogen ist ebenfalls mit Pferdehaar bespannt; sein Holzstab ist stärker gekrümmt als der eines Geigenbogens.
| Merkmal | Gusle |
|---|---|
| Familie | Gestrichenes Chordophon (Streichlaute) |
| Saiten | 1, regional (Bosanska Krajina, Lika) 2 |
| Saiten- und Bogenmaterial | Pferdehaar |
| Korpus | aus einem Stück Holz geschnitzt, meist Ahorn |
| Decke | gespanntes Tierfell statt Holzdecke |
| Griffbrett | bundlos, Saite wird seitlich berührt statt gedrückt |
| Verbreitung | westlicher Balkan: Serbien, Montenegro, Bosnien und Herzegowina, Teile Kroatiens |
| Repertoire | gesungene Heldenepen, vorgetragen vom Guslar |
| Kulturerbe-Status | 2018 UNESCO-Eintragung der Gusle-Gesangstradition (Serbien) |
Wie erzeugt die Gusle ihren charakteristischen Klang?
Die Fellbespannung, nicht eine Holzdecke, bestimmt den Klang der Gusle: Ähnlich wie ein Trommelfell schwingt sie flächig mit und dämpft klare Obertöne anders als ein Resonanzboden aus Holz. Weil sowohl Saite als auch Bogen aus Pferdehaar bestehen und zwei raue Oberflächen gegeneinander reiben, entsteht ein knarrender, obertonreicher Reibungsklang, der bewusst rau statt rein ausfällt. Die einzelne Saite deckt dabei keinen durchgehenden Tonleiterraum ab: Weil die linke Hand die Saite seitlich berührt, statt sie auf den Hals zu drücken, entstehen keine klar abgegrenzten Tonstufen wie beim Griffbrett einer Geige, sondern gleitende Töne. Der Klang begleitet damit den Sprechrhythmus der gesungenen Verse, statt eine eigenständige Melodie zu tragen.
Nicht die Saite allein, sondern die Fellbespannung des Korpus prägt den Klang der Gusle. Eine Holzdecke wie bei Geige oder Gitarre besitzt sie nicht: Das gespannte Tierfell schwingt wie ein Trommelfell und dämpft die Obertöne anders, als es eine Holzdecke täte.
Wie spielt man die Gusle?
Der Guslar hält die Gusle aufrecht zwischen den Knien oder gegen die Brust gelehnt und führt mit der rechten Hand den Bogen über die Saite. Die Finger der linken Hand berühren die Saite von der Seite, statt sie auf den Hals zu drücken. Das unterscheidet die Grifftechnik der Gusle deutlich von der Geige, bei der die Finger die Saite auf ein Griffbrett niederdrücken. Der Bogen bewegt sich meist in kurzen, gleichmäßigen Strichen im Takt der gesungenen Verse. Ein Plektrum kommt nicht zum Einsatz, denn die Gusle ist als reines Streichinstrument gebaut.
Wodurch unterscheidet sich die Gusle von Geige und Gusli?
Die Geige besitzt vier Saiten, ein Griffbrett mit fest niedergedrückten Fingerpositionen und eine Holzdecke, die den Ton offen und obertonarm abstrahlt. Die Gusle kommt dagegen mit einer, selten zwei Saiten aus, drückt die Saite nie auf den Hals und trägt eine Fellbespannung statt einer Holzdecke. Beide Instrumente werden gestrichen, klingen aber grundverschieden.
Trotz des ähnlichen Namens ist die Gusle zudem nicht mit der Gusli zu verwechseln. Die Gusli ist ein gezupftes oder geschlagenes Kastenzitherinstrument der ostslawischen, vor allem russischen Tradition mit mehreren parallel gespannten Saiten. Die Gusle dagegen wird mit dem Bogen gestrichen und trägt nur eine, selten zwei Saiten. Beide Namen gehen auf dieselbe slawische Wortwurzel zurück, bezeichnen aber Instrumente mit unterschiedlicher Bauweise und Spieltechnik.
Welche Rolle spielt der Guslar?
Ein Guslar singt oder rezitiert Heldenepen im Zehnsilbenvers und begleitet sich dabei selbst auf der Gusle. Der Sprachforscher Vuk Karadžić ordnete die überlieferten epischen Lieder im 19. Jahrhundert in drei Zyklen: die Zeit des mittelalterlichen serbischen Reichs, die Schlacht auf dem Amselfeld von 1389 und die nachfolgenden Konflikte unter osmanischer Herrschaft. Die Melodie bleibt dabei einfach und sich wiederholend und folgt dem Sprechrhythmus der Verse, nicht umgekehrt. Guslari lernen ihr Repertoire meist von erfahrenen Spielern in Familie oder Gemeinschaft, teils auch an öffentlichen Musikschulen.
Ist die Gusle UNESCO-Kulturerbe?
Die UNESCO nahm den Gusle-Gesang 2018 unter dem Titel "Singing to the accompaniment of the Gusle" auf Antrag Serbiens in die Repräsentative Liste des immateriellen Kulturerbes der Menschheit auf. Ausgezeichnet wurde damit die Vortragspraxis der Guslari als lebendige Form kollektiver Erinnerung, nicht das Instrument als Gegenstand. Das Instrument selbst und die begleitete Erzähltradition sind über die Grenzen Serbiens hinaus im gesamten westlichen Balkan dokumentiert, auch in Montenegro, Bosnien und Herzegowina sowie Teilen Kroatiens.
Welche Verbindung besteht zur homerischen Epentradition?
Die Forscher Milman Parry und Albert Lord untersuchten in den 1930er Jahren guslari in Bosnien, um eine offene Frage der Homer-Forschung zu klären: wie ein Sänger ohne Schrift ein tausende Verse langes Epos im Vortrag zusammenhält. Der Guslar Avdo Međedović diktierte ihnen 1935 über fünf Tage ein Epos von mehr als 12.000 Versen und sang bei anderer Gelegenheit eines mit über 13.000 Versen. Aus diesen Aufnahmen entwickelten Parry und Lord die sogenannte oral-formelhafte Theorie, die feste Wortgruppen und wiederkehrende Versbausteine als Gedächtnisstütze mündlicher Dichtung beschreibt und seither auch auf die homerischen Epen angewendet wird. Die Verbindung bleibt dabei eine methodische Analogie zwischen zwei unabhängigen Traditionen: Nichts deutet auf eine direkte historische Verbindung zwischen der südslawischen Gusle-Tradition und dem antiken Griechenland hin.
Häufige Fragen zur Gusle
Wie viele Saiten hat die Gusle?
Die Gusle hat in der Regel eine einzige Saite aus einem Bündel Pferdehaar. Nur in einer regionalen Bauform aus Bosanska Krajina und Lika kommen zwei Saiten vor. Die Saite wird nicht auf den Hals gedrückt, sondern von der Seite mit den Fingern berührt.
Woraus bestehen Saite und Bogen der Gusle?
Saite und Bogen der Gusle bestehen beide aus Pferdehaar. Die Saite ist ein Bündel aus mehreren Dutzend Einzelhaaren, museale Sammlungen nennen um die 30 Haare. Der Bogen trägt ebenfalls eine Bespannung aus Pferdehaar auf einem gekrümmten Holzstab. Das Reiben von Pferdehaar auf Pferdehaar erzeugt den rauen, obertonreichen Klang des Instruments.
Ist die Gusle seit 2018 UNESCO-Kulturerbe?
Ja, die UNESCO listet den Gusle-Gesang seit 2018 als immaterielles Kulturerbe. Die Eintragung erfolgte auf Antrag Serbiens unter dem Titel "Singing to the accompaniment of the Gusle" in der Repräsentativen Liste des immateriellen Kulturerbes der Menschheit. Das Instrument und die Guslar-Tradition sind darüber hinaus im gesamten westlichen Balkan verbreitet.
Ist die Gusle dasselbe Instrument wie die Gusli?
Nein, die Gusle ist trotz des ähnlichen Namens nicht mit der Gusli identisch. Die Gusle ist ein gestrichenes Instrument mit einer, selten zwei Saiten aus dem westlichen Balkan. Die Gusli ist dagegen eine gezupfte oder geschlagene Kastenzither mit mehreren Saiten aus der ostslawischen, vor allem russischen Tradition.




