Eine Stadionhymne ist ein Lied, das die Zuschauer eines Sportstadions gemeinsam singen, meist unmittelbar vor dem Anpfiff. Die wenigsten dieser Lieder entstanden für den Sport. Sie kommen aus Musiktheater, Schlager, Karneval und Rockmusik und setzen sich im Stadion durch, weil sie sich ohne Probe und ohne Dirigent singen lassen. Ob ein Lied das aushält, entscheiden Tonumfang, Tempo und der Abstand zwischen den Tribünen.
Was ist eine Stadionhymne?
Eine Stadionhymne ist das feste Lied eines Vereins, das vor jedem Heimspiel an derselben Stelle des Ablaufs erklingt und von der ganzen Tribüne mitgesungen wird. Sie unterscheidet sich von der Nationalhymne, die nur bei Länderspielen und Turnieren erklingt, und vom Sprechgesang der Kurve, der während des Spiels entsteht.
Welche Formen der Stadionmusik gibt es?
Vier Formen teilen sich den Spielablauf, nur zwei davon sind zum Mitsingen gebaut.
| Form | Anlass im Spielverlauf | Funktion | Typische Machart |
|---|---|---|---|
| Vereinshymne | kurz vor dem Anpfiff, während die Mannschaften stehen | gemeinsamer Gesang aller Ränge | langsam, gerader Takt, kleiner Tonumfang, wenige Silben je Ton |
| Einlaufmusik | während die Mannschaften auf das Feld kommen | Signal, nicht zum Mitsingen gedacht | Instrumentalpassage aus Rock oder Filmmusik, laut über die Anlage |
| Torhymne | unmittelbar nach dem Jubel über einen Treffer | Wiedererkennung, Bestätigung des Tores | Ausschnitt von wenigen Sekunden, meist ein instrumentales Motiv |
| Sprechgesang der Kurve | jederzeit im Spiel, vom Vorsänger angestimmt | Antrieb der Mannschaft, Antwort auf das Spielgeschehen | ein bis drei Töne, Rhythmus trägt den Text, ohne Lautsprecheranlage |
Woher stammt die bekannteste Stadionhymne?
You'll Never Walk Alone stammt aus dem Musiktheater. Richard Rodgers schrieb die Musik, Oscar Hammerstein II den Text, für das Musical Carousel von 1945. Im zweiten Akt tröstet die Figur Nettie Fowler damit Julie Jordan nach dem Tod ihres Mannes. Die gedruckte Ausgabe nennt C-Dur als Originaltonart, weist die Vortragsweise als hymnenhaft aus und gibt das Tempo mit 72 Schlägen je Minute an. Die Machart stand fest, bevor das Lied je ein Stadion sah: getragen, in langen Notenwerten, überwiegend in Sekundschritten.
Nach Liverpool kam es über eine Beatband. Gerry and the Pacemakers, eine Gruppe aus derselben Merseybeat-Szene wie die Beatles, veröffentlichten ihre Fassung im Oktober 1963 und standen damit vier Wochen lang auf Platz eins der britischen Singlecharts. Daraus wurde in Anfield ein Ritual vor dem Anpfiff. Celtic Glasgow übernahm es nach einem Europapokalhalbfinale 1966 in Anfield, später Feyenoord Rotterdam, der FC Twente und Borussia Dortmund.
Warum funktionieren manche Lieder im Stadion und andere nicht?
Im Stadion funktioniert ein Lied, wenn Zehntausende ungeübte Stimmen es ohne Probe, ohne Dirigent und ohne Verstärkung gleichzeitig treffen. Daraus folgen fünf Bedingungen: kleiner Tonumfang, langsames Tempo, lange Notenwerte, wenige Silben je Ton und eine Melodie in Sekundschritten statt in Sprüngen. Der Musikwissenschaftler Joachim Thalmann beschreibt stadiontaugliche Gesänge als geradtaktig, in gleichbleibenden Zeitwerten, bei rund 100 Schlägen je Minute, ohne schwierige Tonschritte und ohne Pausen, die den Zug unterbrechen. Die Tonlage liegt bei Männern kurz oberhalb des eingestrichenen C, weil ungeübte Stimmen nur dort laut in der Bruststimme singen.
Dazu kommt die Entfernung, und sie ist der Grund, aus dem ein Stadionlied langsamer sein muss als ein Popsong. Schall läuft in Luft von 20 Grad Celsius mit rund 343 Metern je Sekunde. Von einer Stirnseite eines großen Stadions zur gegenüberliegenden sind es etwa 150 Meter; der Gesang der einen Tribüne braucht 0,44 Sekunden bis zur anderen.
Damit ist das Tempo festgelegt. Bei 140 Schlägen je Minute, dem Tempo vieler Popsongs, dauert ein Schlag 0,43 Sekunden. Die Laufzeit wäre dann ein ganzer Schlag, und beide Tribünen sängen gegeneinander. Bei 72 Schlägen je Minute dauert ein Schlag 0,83 Sekunden, dieselbe Laufzeit ist nur ein halber. Je länger die Notenwerte, desto weniger fällt der Weg des Schalls ins Gewicht. Deshalb singt ein Stadion jedes Lied langsamer als die Aufnahme, aus der es stammt. Die Rechengrundlage steht unter BPM und Tempo.
Der Abstand der Tribünen bestimmt das Tempo der Hymne. Über 150 Meter braucht der Schall 0,44 Sekunden. Ein Lied, dessen Töne kürzer sind als diese Laufzeit, zerfällt im Stadion in zwei Hälften, die sich gegenseitig aus dem Takt bringen. Ein Lied mit langen Notenwerten hält zusammen, auch wenn niemand dirigiert.
Welche Vereinslieder prägen die deutschen Stadien?
Deutsche Vereinslieder stammen überwiegend aus Schlager, Karneval und Rock und sind meist viel jünger als die Vereine, die sie singen.
- Stern des Südens ist die Hymne des FC Bayern München. Willy Astor schrieb 1997 die Melodie und den Text gemeinsam mit dem Stadionsprecher Stephan Lehmann, zur Saisoneröffnung 1998 erklang das Lied erstmals vor Publikum. Die Machart ist Rock, nicht Marsch.
- Mer stonn zo dir FC Kölle schufen die Höhner 1998 für den 1. FC Köln. Sie legten dem kölschen Text die Melodie des schottischen Volksliedes Loch Lomond unter, die um 1841 erstmals im Druck nachgewiesen ist. Daher der kleine Tonumfang und die langen Notenwerte.
- Eisern Union stellte Nina Hagen am 14. November 1998 im Stadion An der Alten Försterei vor. Die Musik stammt von Andreas Cämmerer und Klaus Sperber.
Vor der Lautsprecheranlage machten Blaskapellen die Musik, und in vielen Stadien spielen sie bis heute. Blechblasinstrumente setzen sich gegen eine Menschenmenge durch, weil sie ihre Schallenergie gebündelt nach vorn abstrahlen statt in alle Richtungen; eine Tuba trägt die Bassnote, an der sich der Gesang festhält. Märsche sind zudem geradtaktig und in langen Notenwerten gebaut, also nach denselben Regeln wie die Hymnen.
Der Stadionsprecher übernimmt die Rolle des Vorsängers, wenn er den Vornamen des Torschützen ruft und die Ränge mit dem Nachnamen antworten. Dieselbe Wechselform hält den Sprechgesang der Kurve zusammen. Torhymnen dagegen wechseln oft: Der FC Bayern holte 2019 den Cancan aus Jacques Offenbachs Operette Orpheus in der Unterwelt von 1858 zurück.
Häufige Fragen zu Stadionhymnen
Woher stammt die Stadionhymne You'll Never Walk Alone?
You'll Never Walk Alone stammt aus dem Musical Carousel von Richard Rodgers und Oscar Hammerstein II, das 1945 herauskam, nicht aus dem Sport. Im zweiten Akt tröstet die Figur Nettie Fowler damit Julie Jordan. Die Liverpooler Gruppe Gerry and the Pacemakers veröffentlichte im Oktober 1963 eine Fassung, die vier Wochen lang auf Platz eins der britischen Charts stand; danach entstand in Anfield das Ritual vor dem Anpfiff.
Was ist der Unterschied zwischen einer Stadionhymne und einer Torhymne?
Eine Stadionhymne ist das Lied vor dem Anpfiff, das die Zuschauer mitsingen; eine Torhymne ist ein kurzer Ausschnitt, den die Lautsprecheranlage nach einem Treffer abspielt und der nicht zum Mitsingen gedacht ist. Die Hymne dauert mehrere Minuten und hat einen Text, die Torhymne wenige Sekunden und meist nur ein instrumentales Motiv. Vereine wechseln ihre Torhymne deshalb weit häufiger.
Warum sind Stadionhymnen so langsam?
Stadionhymnen sind langsam, weil der Schall messbar Zeit braucht, um von einer Tribüne zur gegenüberliegenden zu laufen. Bei 343 Metern je Sekunde, der Schallgeschwindigkeit in Luft von 20 Grad Celsius, sind das über 150 Meter rund 0,44 Sekunden. Bei 140 Schlägen je Minute entspricht diese Verzögerung einem ganzen Schlag, bei 72 Schlägen nur einem halben. Lange Notenwerte halten deshalb zusammen, was ein schneller Popsong auseinanderziehen würde.
Welche Vereinslieder singen deutsche Fußballvereine?
Deutsche Vereinslieder kommen überwiegend aus Schlager, Karneval und Rock. Der FC Bayern München singt Stern des Südens von Willy Astor und Stephan Lehmann, der 1. FC Köln das Lied Mer stonn zo dir FC Kölle der Höhner auf der Melodie von Loch Lomond, der 1. FC Union Berlin Eisern Union in der Fassung von Nina Hagen. Alle drei wurden 1998 vorgestellt. Borussia Dortmund singt zusätzlich You'll Never Walk Alone.




