Die besten Songs der 70er stehen hier nach ihrer prägenden Wirkung, nicht nach der Verkaufszahl. Ein Titel gehört dazu, wenn er eine Technik in die populäre Musik gebracht, den Bau eines Songs verändert oder eine regionale Musik weltweit hörbar gemacht hat. Das Jahrzehnt lässt Gegensätze gleichzeitig laufen: zwanzigminütige Stücke neben Titeln unter zwei Minuten. Die folgenreichste Neuerung ist kein Instrument, sondern ein Tonträgerformat.
Wonach wählt dieser Artikel die besten Songs der 70er aus?
Der Maßstab ist die prägende Wirkung. Drei Fragen entscheiden: Bringt der Titel ein Gerät oder ein Verfahren in die populäre Musik? Ändert er Länge oder Bau eines Songs? Öffnet er eine Musikrichtung für ein neues Publikum?
| Merkmal | Populäre Musik der 70er |
|---|---|
| Tonträger | Sieben-Zoll-Single, Langspielplatte, Musikkassette, ab 1976 die Zwölf-Zoll-Single im Handel |
| Prägende Geräte | Minimoog, Mellotron, Hohner Clavinet, analoger Sequenzer, ab 1978 der programmierbare Polyphon-Synthesizer |
| Stilrichtungen | Progressive Rock, Funk, Disco, Reggae, Punk, Krautrock, ab 1979 Hip-Hop auf Platte |
| Songlängen | von unter zwei Minuten im Punk bis über zwanzig Minuten im Progressive Rock |
| Verbreitungswege | Radio, Langspielplatte, ab Mitte des Jahrzehnts die Diskothek |
| Neue Rolle | der Diskjockey als Abnehmer eigens für ihn gepresster Plattenausgaben |
Warum veränderte die Zwölf-Zoll-Single die Songs der 70er?
Die Zwölf-Zoll-Single gab dem Song mehr Bass, mehr Lautstärke und mehr Spielzeit, und das aus einem rein mechanischen Grund. Eine Schallplatte speichert den Ton als seitliche Auslenkung der Rille. Je tiefer und je lauter ein Ton ist, desto weiter muss die Rille nach links und rechts ausschlagen. Ein Ton von 40 Hertz zwingt die Nadel alle 25 Millisekunden einmal durch diesen Ausschlag. Liegen die Rillen eng nebeneinander, läuft ein solcher Ausschlag in die Nachbarrille hinein, und die Nadel springt.
Der Schneidetechniker hat deshalb nur eine Stellschraube: den Abstand zwischen den Rillen. Weite Rillen fassen große Ausschläge, kosten aber Fläche und damit Spielzeit. Enge Rillen bringen Spielzeit und nehmen dem Stück den Bass. Auf einer Sieben-Zoll-Single ist die Fläche knapp, und der Techniker senkt den Pegel, um die Musik unterzubringen. Eine Zwölf-Zoll-Platte trägt bei gleich großem Etikett ein sehr viel breiteres Rillenband und erlaubt deshalb beides zugleich: weite Rillen und mehrere Minuten Musik.
Entdeckt haben diesen Zusammenhang der Mischer Tom Moulton und der Schneidetechniker José Rodríguez 1974 an einem zu großen Rohling: Um die Rillen über dessen Fläche zu verteilen, musste Rodríguez den Pegel deutlich anheben, und das Ergebnis klang lauter. Ab Mitte 1975 gingen Zwölf-Zoll-Ausgaben an Diskjockeys. Im Mai 1976 kam Ten Percent von Double Exposure auf Salsoul Records als erste Zwölf-Zoll-Single in den Handel.
Für die Songs hatte das zwei Folgen: Ein Titel musste nicht mehr in die drei Minuten einer Sieben-Zoll-Seite passen, und die Klubfassung wurde zur eigenen Ausgabe neben der Radiofassung. Rapper's Delight erschien 1979 als Zwölf-Zoll-Fassung von 14 Minuten und 37 Sekunden, die Sieben-Zoll-Fassung dauert 5 Minuten und 5 Sekunden.
Lauter Bass kostet Platz auf der Platte. Tiefe Töne verlangen eine weit ausschlagende Rille, und weit ausschlagende Rillen brauchen Abstand voneinander. Wer Bass und Lautstärke will, verliert Spielzeit je Seite. Die Zwölf-Zoll-Single hebt diesen Widerspruch nicht auf, sondern gibt ihm mehr Fläche.
Welche Songs der 70er brachten den Synthesizer in die populäre Musik?
Der Synthesizer wurde in den 70ern tragbar und am Ende des Jahrzehnts speicherbar. Der Minimoog kam 1970 heraus: fest verdrahtet statt mit Kabeln gesteckt, transportabel, ein Ton zur Zeit. Über 12000 Stück entstanden in dreizehn Jahren.
Kraftwerk baute 1974 auf Autobahn ein Titelstück von 22 Minuten und 47 Sekunden aus Minimoog und umgebauten Rhythmusgeräten; das Album erreichte 1975 Platz fünf der amerikanischen Albumcharts. I Feel Love von Donna Summer, 1977 von Giorgio Moroder und Pete Bellotte produziert, zeigte, wie weit ein Sequenzer allein trägt: Außer dem Gesang und der Bassdrum stammt jeder Klang aus einem Moog. Der Titel stand 1977 an der Spitze der britischen Singlecharts.
Der Prophet-5 von Sequential Circuits kam 1978 als erster vollständig programmierbarer polyphoner Synthesizer heraus. Er spielt fünf Töne gleichzeitig und speichert 40 Klangeinstellungen, weil ein Mikroprozessor jede Reglerstellung als Zahl ablegt.
Welche Songs der 70er kamen aus Funk und Disco?
Funk und Disco stellten den Rhythmus über die Harmonie. Stevie Wonder spielte die Figur von Superstition 1972 auf einem Hohner Clavinet, dessen angeschlagene Saiten ein Tonabnehmer abgreift; der kurze, harte Ton trägt die ganze Nummer. Die Filmmusik zu Saturday Night Fever erschien im November 1977 mit fünf neuen Stücken der Bee Gees und stand von Januar bis Juli 1978 vierundzwanzig Wochen an der Spitze der amerikanischen Albumcharts.
Welche Songs der 70er machten Reggae weltweit hörbar?
Reggae verließ Jamaika über zwei Veröffentlichungen. Die Filmmusik zu The Harder They Come brachte 1972 Aufnahmen von Jimmy Cliff, Toots and the Maytals und Desmond Dekker erstmals vor ein internationales Publikum. Am 13. April 1973 folgte Catch a Fire von den Wailers bei Island Records: Chris Blackwell mischte die in Jamaika aufgenommenen Bänder in London neu und legte Overdubs darüber, darunter ein Gitarrensolo von Wayne Perkins. Wie der Reggae seinen Rhythmus baut, steht im eigenen Artikel.
Wie weit lagen die Songlängen der 70er auseinander?
Der Punk stellte die Spieldauer auf den Kopf. Das erste Album der Ramones erschien am 23. April 1976 und bringt 14 Titel in 29 Minuten und 4 Sekunden unter, im Schnitt gut zwei Minuten je Stück. Die Sex Pistols veröffentlichten am 26. November 1976 Anarchy in the U.K. bei EMI; die Firma trennte sich am 6. Januar 1977 von der Band.
Zur selben Zeit erreichte das Album seine geschlossenste Form. The Dark Side of the Moon von Pink Floyd erschien im März 1973, dauert 42 Minuten und 49 Sekunden und lässt jede Plattenseite ohne Pause durchlaufen. Es stand zwischen 1973 und 1988 in 736 nicht zusammenhängenden Wochen in den amerikanischen Albumcharts. Diese Form setzt voraus, dass jemand eine Plattenseite am Stück hört; die kurze Punksingle und die Zwölf-Zoll-Single der Diskothek rückten dagegen den einzelnen Titel in den Mittelpunkt. Die langen Formen beschreibt der Artikel über Progressive Rock.
Häufige Fragen zu den besten Songs der 70er
Wonach sind die besten Songs der 70er in diesem Artikel ausgewählt?
Die besten Songs der 70er sind hier nach ihrer prägenden Wirkung ausgewählt, nicht nach der Verkaufszahl. Ein Titel steht im Artikel, wenn er ein Gerät in die populäre Musik gebracht, die übliche Länge eines Songs verändert oder eine regionale Musik weltweit geöffnet hat.
Warum klingt eine Zwölf-Zoll-Single lauter als eine Sieben-Zoll-Single?
Eine Zwölf-Zoll-Single klingt lauter, weil ihre Rillen weiter auseinanderliegen dürfen. Der Ton steht als seitlicher Ausschlag in der Rille, und tiefe, laute Töne verlangen einen großen Ausschlag. Auf der größeren Platte reicht die Fläche für weite Rillen und trotzdem mehrere Minuten Musik. Der Schneidetechniker setzt den Pegel deshalb höher.
Welche Musikrichtungen prägten die 70er?
Die 70er prägten mehrere Richtungen gleichzeitig: Progressive Rock mit mehrteiligen Stücken bis über zwanzig Minuten, Funk und Disco mit durchgehendem Puls, Punk ab 1976 mit Stücken unter zwei Minuten, Reggae als erste karibische Musik mit weltweiter Reichweite und ab 1979 der Hip-Hop auf Platte.
Warum nennt dieser Artikel kaum Chartplatzierungen der 70er-Songs?
Chartlisten der 70er bilden die Wirkung eines Titels nur ungenau ab. Sie entstanden aus Befragungen von Händlern und Sendern, jedes Land zählte anders, und die Zwölf-Zoll-Ausgaben für Diskjockeys kamen gar nicht in den Handel. Ein Titel konnte eine Tanzfläche prägen, ohne in einer Liste aufzutauchen.




