Der Koudi (口笛, wörtlich "Mundpfeife") ist ein Aerophon aus der Familie der chinesischen Querflöten (Dizi). Er wurde nicht in Afrika, sondern 1971 in China vom Dizi-Meister Yu Xunfa (1946-2006) entwickelt, der sich dabei von prähistorischen Knochenpfeifen inspirieren ließ. Der Koudi ist das kleinste Mitglied der Dizi-Familie: ein winziges, meist offenes Rohr aus Bambus, Holz oder heute auch Kunststoff, das mittig, wie eine kleine Trillerpfeife, angeblasen wird. Es existiert in zwei Standardgrößen, dem etwa 5 bis 6 Zentimeter langen Gaoyin-Koudi (hohe Lage) und dem rund 8 bis 9 Zentimeter langen Zhongyin-Koudi (mittlere Lage). Der Name "Koudi" setzt sich aus den chinesischen Schriftzeichen für "Mund" (kǒu) und "Flöte" (dí) zusammen und beschreibt damit unmittelbar die Spielweise: Anders als die große Dizi, die seitlich über eine Anblaskante am Rand angeblasen wird, wird das Koudi wie eine kleine Pfeife mittig zum Klingen gebracht.
Wie klingt der Koudi?
Der Klang des Koudi ist hell, durchdringend und pfeifend, deutlich höher und schärfer als der einer normalen Dizi, mit der er den charakteristischen, leicht nasalen Timbre der chinesischen Bambusflöten teilt. Da das Instrument keinen Membranbelag (Dimo) besitzt wie die große Dizi, klingt sein Ton reiner und pfeifenartiger, dafür aber auch leiser und mit geringerem Tonumfang: Ein Koudi deckt im Wesentlichen eine Oktave ab. Trotz seiner Winzigkeit lässt sich der Ton durch Anblastechnik und Fingerbewegungen erstaunlich variabel gestalten, von zart und flötend bis schrill und vogelartig.
Woraus besteht der Koudi?
Ein Koudi besteht aus einem einzigen kurzen, meist beidseitig offenen Rohrstück. Traditionell wird Bambus verwendet, es gibt aber auch Ausführungen aus Hartholz oder, bei modernen, günstigen Massenprodukten, aus PVC. In der Mitte des Rohres befindet sich eine kleine Anblasöffnung, über die das Instrument wie eine Pfeife angeblasen wird; entlang des restlichen Rohres sind wenige kleine Grifflöcher angebracht, mit denen die Tonhöhe verändert wird.
Weil das gesamte Instrument oft kaum länger ist als ein Finger, muss es mit großer Präzision gefertigt werden: Schon minimale Abweichungen an der Anblaskante oder den Grifflochabständen verändern Intonation und Ansprache erheblich. Yu Xunfa entwickelte den Koudi ausdrücklich als Miniaturform der Dizi, mit der er in Technik und Bauweise eng verwandt ist, jedoch ohne die für die große Schwester typische Membran aus Schilfrohrhaut.
Weil Yu Xunfa das Koudi ursprünglich als experimentelles Zusatzinstrument für seine eigenen Konzerte entwickelte, existieren bis heute keine so einheitlichen Baunormen wie bei der Dizi; Maße, Bohrungsdurchmesser und Lage der Grifflöcher unterscheiden sich von Werkstatt zu Werkstatt, weshalb viele Koudi in Handarbeit individuell auf die Gaoyin- oder Zhongyin-Stimmung abgestimmt werden.
Wie spielt man den Koudi?
Das Koudi wird quer oder leicht schräg vor den Mund gehalten und über die mittige Öffnung angeblasen, ähnlich wie bei einer Trillerpfeife oder einer Okarina, nicht wie bei einer Querflöte über eine seitliche Anblaskante am Rand. Die Finger einer oder beider Hände bedecken die wenigen Grifflöcher, um die Tonhöhe zu verändern; wegen der geringen Größe des Instruments ist dafür eine sehr feine Fingermotorik nötig.
Da der Koudi meist nur eine Oktave umfasst, wird er selten als eigenständiges Melodieinstrument für ganze Stücke eingesetzt, sondern eher als virtuoses Zusatzinstrument: Dizi-Spieler greifen während eines Konzerts kurzzeitig zum Koudi, um besonders hohe, pfeifende Passagen, Vogelimitationen oder überraschende Klangeffekte einzustreuen, bevor sie zur großen Dizi zurückkehren. Die Spieltechnik, Atemführung, Lippenspannung und Fingersatz, ist eng mit der Dizi-Technik verwandt und wird meist von erfahrenen Dizi-Spielern als Zusatzfertigkeit erlernt.
Weil das Instrument so winzig ist, wird es meist zwischen Daumen und Zeigefinger einer Hand fixiert, während die übrigen Finger die Grifflöcher bedecken; geübte Spieler können so binnen Sekundenbruchteilen zwischen Dizi und Koudi wechseln, ohne den musikalischen Fluss eines Stücks zu unterbrechen.
Typische Musikstile mit dem Koudi
Der Koudi ist fest in der chinesischen Volksmusiktradition und im modernen chinesischen Konservatoriums-Repertoire für Dizi verankert. Er taucht vor allem in Bearbeitungen chinesischer Volksweisen und in zeitgenössischen chinesischen Instrumentalkompositionen auf, in denen Komponisten und Interpreten gezielt mit ungewöhnlichen Klangfarben experimentieren.
Weil er erst 1971 erfunden wurde, hat der Koudi keine jahrhundertealte eigenständige Repertoiretradition wie andere chinesische Blasinstrumente. Seine Verbreitung ist eng an das Wirken von Yu Xunfa und seine Schüler an chinesischen Musikhochschulen gebunden, die das Instrument als Ergänzung zur Dizi in Unterricht und Konzertpraxis etabliert haben. In der traditionellen Jiangnan-Sizhu-Ensembletradition Südchinas, in der die Dizi seit Jahrhunderten eine tragende Rolle spielt, ist das Koudi als sehr junge Ergänzung dagegen noch nicht historisch verwurzelt; es wird dort eher in modernen Bearbeitungen und Solokonzerten eingesetzt als im klassischen Ensemblerepertoire.
Bekannte Lieder mit dem Koudi
Da der Koudi ein sehr junges Instrument mit begrenztem eigenem Repertoire ist, gibt es keine "Hits" im klassischen Sinn, wohl aber einige klar dokumentierte Bezugspunkte:
- Yu Xunfa stellte den Koudi 1973 erstmals öffentlich vor, mit einer Bearbeitung der rumänischen Volksweise "Ciocârlia" ("Die Lerche"), bis heute das bekannteste mit dem Instrument verbundene Stück.
- Als Erfinder und wichtigster Botschafter des Koudi gilt Yu Xunfa selbst, einer der einflussreichsten Dizi-Virtuosen des 20. Jahrhunderts, dessen Schüler das Instrument weitertrugen.
- In chinesischen Konservatorien wird der Koudi bis heute vor allem im Rahmen des Dizi-Unterrichts als Ergänzungsinstrument für Vogelimitationen und hohe Verzierungen eingesetzt.
- Zeitgenössische chinesische Komponisten setzen den Koudi gelegentlich in neuen Werken für traditionelle Instrumente als besondere Klangfarbe ein, meist gespielt von Dizi-Solisten im Wechsel mit ihrem Hauptinstrument.




