Die Okarina ist eine Gefäßflöte. Ihr Klangkörper ist kein Rohr, sondern ein geschlossener Hohlraum aus gebranntem Ton, Porzellan, Holz oder Kunststoff. Der Spieler bläst in einen Windkanal, die Luft bricht sich an einer scharfen Kante und versetzt die eingeschlossene Luft im Gefäß in Schwingung. Die Tonhöhe hängt deshalb nicht davon ab, welches Loch offen ist, sondern nur davon, wie viel Lochfläche insgesamt offen ist.
Was ist eine Okarina?
Die Okarina ist eine Gefäßflöte mit Windkanal, also eine Verwandte der Kernspaltflöten mit einem bauchigen statt einem röhrenförmigen Körper. Der Name kommt aus dem Italienischen und heißt so viel wie Gänschen, nach der gedrungenen Form mit dem vorstehenden Mundstück. Gespielt wird sie mit beiden Händen, die Löcher sind unterschiedlich groß und nicht in einer Reihe angeordnet.
| Merkmal | Okarina |
|---|---|
| Familie | Gefäßflöte mit Kernspalt |
| Tonerzeugung | Luftblatt bricht sich am Labium |
| Resonator | geschlossener Hohlraum, keine Luftsäule |
| Tonhöhe folgt | offener Gesamtfläche und Gefäßvolumen |
| Grifflöcher | vier bis zwölf, unterschiedlich groß |
| Umfang | rund anderthalb Oktaven, nicht überblasbar |
| Werkstoff | gebrannter Ton, Porzellan, Holz, Kunststoff |
Wie erzeugt die Okarina ihren Ton?
Die Luft läuft durch einen schmalen Windkanal im Mundstück und trifft als flaches Luftblatt auf die Kante des Aufschnitts, das Labium. Dort kippt der Luftstrom abwechselnd nach innen und nach außen und regt die Luft im Gefäß zum Schwingen an. Bis hierher arbeitet die Okarina wie die Blockflöte, der Unterschied beginnt erst dahinter.
Bei einer Rohrflöte schwingt eine Luftsäule, deren wirksame Länge die Tonhöhe bestimmt. Bei der Okarina schwingt die Luft im ganzen Gefäß gegen die Luft in den offenen Löchern. Physikalisch ist das ein Helmholtz-Resonator, dasselbe Prinzip wie beim Anblasen einer Flaschenöffnung. Die Frequenz steigt mit der Wurzel der offenen Fläche und sinkt mit der Wurzel des eingeschlossenen Volumens.
Warum ist bei der Okarina die Lage der Löcher gleichgültig?
Weil im Gefäß keine Luftsäule steht, deren Länge ein Loch verkürzen könnte. Der Resonator kennt nur zwei Größen: das Volumen im Inneren und die Summe aller offenen Flächen. Ob ein Loch vorne oder hinten, oben oder unten sitzt, ändert daran nichts. Zwei völlig verschiedene Griffe klingen gleich hoch, solange sie gleich viel Fläche freigeben.
Der Gegenfall ist die Panflöte: Dort steht für jeden Ton ein eigenes gedecktes Rohr, und allein dessen Länge legt die Tonhöhe fest. Zwischen diesen beiden Prinzipien liegt keine Abstufung, sondern ein Wechsel des Resonators.
Verdoppelt der Spieler die offene Lochfläche, steigt die Tonhöhe um rund sechs Halbtöne. Die Frequenz wächst mit der Wurzel der Fläche, und die Wurzel aus zwei entspricht etwa einem Tritonus. Deshalb kommen Okarinas mit wenigen, dafür unterschiedlich großen Löchern aus: Jede Kombination ergibt eine eigene Gesamtfläche und damit einen eigenen Ton.
Warum lässt sich die Okarina nicht überblasen?
Ein Gefäß hat nur eine einzige Resonanz, keine Reihe von Obertönen wie eine Luftsäule. Eine Rohrflöte springt beim stärkeren Anblasen in die Oktave, weil die Säule in zwei Teile schwingen kann. Im Gefäß gibt es nichts zu teilen. Stärkeres Anblasen zieht den Ton nur langsam nach oben, bis er kippt und die Okarina überbläst nicht, sondern verstimmt.
Daraus folgt der begrenzte Umfang von rund anderthalb Oktaven und die Konstruktion mit vielen Löchern: Jeder Ton braucht einen eigenen Griff. Umgekehrt verlangt jeder Ton auch einen eigenen Atemdruck, denn zu schwaches Blasen lässt tiefe Töne, zu starkes hohe Töne verstimmen.
Welche Bauformen der Okarina gibt es?
- Vierlochokarina hängt oft als kleiner Anhänger am Band und spielt mit vier Löchern eine einfache Tonleiter.
- Sechslochokarina ist die klassische italienische Form aus Budrio, wird quer gehalten und deckt eine Oktave sicher ab.
- Zwölflochokarina in der Form einer Süßkartoffel ist heute die verbreitetste Bauart und reicht über rund anderthalb Oktaven.
- Mehrkammerokarina setzt zwei oder drei getrennte Gefäße mit eigenen Windkanälen nebeneinander und erweitert den Umfang auf zwei bis drei Oktaven.
Woher stammt die Okarina?
Gefäßflöten gehören zu den ältesten Blasinstrumenten und entstanden unabhängig voneinander auf mehreren Kontinenten. In China ist die Xun aus Ton seit Jahrtausenden gebräuchlich, sie wird allerdings über die Kante der oberen Öffnung angeblasen und hat keinen Windkanal. In Mittel- und Südamerika bauten vorspanische Kulturen Gefäßflöten in Tier- und Menschengestalt.
Die europäische Okarina mit Windkanal und durchdachter Grifffolge entstand im 19. Jahrhundert im norditalienischen Budrio bei Bologna. Einem breiten Publikum wurde das Instrument gegen Ende des 20. Jahrhunderts durch das Videospiel The Legend of Zelda: Ocarina of Time bekannt, das die Okarina zum Handlungsträger machte.
Häufige Fragen zur Okarina
Wie viele Löcher hat eine Okarina?
Eine Okarina hat je nach Bauform vier bis zwölf Grifflöcher. Verbreitet sind die sechslöchrige italienische Form und die zwölflöchrige Form in Süßkartoffelgestalt. Die Löcher sind bewusst unterschiedlich groß, weil bei der Okarina nicht die Lage, sondern die Größe der offenen Fläche die Tonhöhe bestimmt.
Warum klingt die Okarina höher, wenn man ein Loch öffnet?
Ein offenes Loch vergrößert die Gesamtfläche, durch die die eingeschlossene Luft aus dem Gefäß schwingen kann, und das hebt die Resonanzfrequenz. Die Tonhöhe wächst mit der Wurzel dieser Fläche. Welches Loch geöffnet wird, spielt keine Rolle, weil im Gefäß keine Luftsäule steht, die ein Loch verkürzen könnte.
Was ist der Unterschied zwischen Okarina und Blockflöte?
Beide erzeugen den Ton am Kernspalt, unterscheiden sich aber im Resonator. Die Blockflöte ist ein Rohr, in dem eine Luftsäule schwingt, deren Länge die Grifflöcher festlegen, und sie überbläst in die Oktave. Die Okarina ist ein geschlossenes Gefäß, bei dem die offene Gesamtfläche die Tonhöhe bestimmt, und sie überbläst nicht. Deshalb reicht die Blockflöte über gut zwei Oktaven, die Okarina über rund anderthalb.
Ist die Okarina für Anfänger geeignet?
Ja, der erste Ton gelingt sofort, weil der Windkanal das Luftblatt von allein richtig führt. Anspruchsvoll ist die Intonation: Jeder Ton verlangt seinen eigenen Atemdruck, sonst gerät er zu tief oder zu hoch. Die Grifffolge muss außerdem neu gelernt werden, weil sie anders als bei Rohrflöten nicht von oben nach unten abläuft.



