Kaval

6 Min. Lesezeit
Bild: Photo Pece / Shutterstock.com
Bild: Photo Pece / Shutterstock.com

Zusammenfassung

Das Kaval ist eine randgeblasene Längsflöte aus Holz, die auf dem Balkan und in Anatolien als Hirten- und Volksmusikinstrument verbreitet ist, unter anderem in Bulgarien, Nordmazedonien, der Türkei, Rumänien, Albanien, Kosovo und Serbien. Das Rohr ist an beiden Enden offen und besitzt weder Mundstück noch Kernspalte, der Ton entsteht am schräg angeschnittenen oberen Ende. Acht Grifflöcher, sieben vorne und ein Daumenloch hinten, sowie meist vier zusätzliche, ungegriffene Stimmlöcher bestimmen Tonhöhe und Klangfarbe. Traditionell aus Hartholz gefertigt, überblasen erfahrene Spieler das Kaval auf einen Tonumfang von rund zweieinhalb Oktaven.

Das Kaval ist eine randgeblasene Längsflöte aus Holz, die Hirten und Volksmusiker auf dem Balkan und in Anatolien spielen. Anders als die Blockflöte besitzt es keinen Block und keinen Kernspalt, sondern ist an beiden Enden offen. Der Ton entsteht, wenn der Spieler schräg über die scharf angeschnittene obere Kante bläst, so wie beim Nay des Nahen Ostens. Verbreitet ist das Kaval unter anderem in Bulgarien, Nordmazedonien, der Türkei, Rumänien, Albanien, Kosovo und Serbien, mit jeweils eigenen regionalen Bauformen und Namen.

8Grifflöcher
60-90Zentimeter Länge
2,5Oktaven Tonumfang
0Rohrblatt oder Kernspalt

Wie ist das Kaval aufgebaut?

Das Kaval besteht aus einem langen, zylindrischen Rohr, das an beiden Enden offen ist, meist gefertigt aus Hartholz wie Kornelkirsche, Pflaume, Aprikose oder Buchsbaum. Traditionell entstand es aus einem einzigen Stück Holz, moderne Instrumente bestehen meist aus drei ineinandergesteckten Teilen, deren Übergänge Ringe aus Horn oder Knochen gegen Risse schützen. Auf der Vorderseite liegen sieben Grifflöcher, ein achtes für den Daumen sitzt auf der Rückseite. Nahe dem unteren, vom Mund entfernten Ende befinden sich zusätzlich vier kleine, ungegriffene Löcher, im Bulgarischen dushnitsi oder dyavolski dupki, Teufelslöcher, genannt: Sie bleiben beim Spiel immer offen und beeinflussen Klangfarbe und Intonation der tiefen Töne. Je nach Bauform misst ein Kaval zwischen 60 und 90 Zentimetern.

MerkmalKaval
FamilieRandgeblasene Längsflöte, Aerophon ohne Rohrblatt und ohne Kernspalte
BaumaterialHartholz wie Kornelkirsche, Pflaume, Aprikose oder Buchsbaum, auch Metall
Längeetwa 60 bis 90 Zentimeter, je nach Bauform
Grifflöcher8, 7 vorne und 1 Daumenloch hinten, dazu meist 4 ungegriffene Stimmlöcher
Tonumfangrund zweieinhalb Oktaven, chromatisch spielbar
AnblastechnikRandanblasen am offenen, schräg angeschnittenen oberen Ende, Anblaswinkel etwa 45 Grad
VerbreitungBalkan und Anatolien, unter anderem Bulgarien, Nordmazedonien, Türkei, Rumänien, Albanien, Kosovo, Serbien
Anblaskante 45 Grad, offen 7 Grifflöcher, Vorderseite Daumenloch, Rückseite 4 offene Stimmlöcher offenes Ende
Das Kaval ist an beiden Enden offen: Die Anblaskante am oberen Ende erzeugt den Ton, die sieben Grifflöcher und das Daumenloch bestimmen die Tonhöhe, die vier Stimmlöcher am unteren Ende bleiben immer offen.

Wie erzeugt das Kaval seinen Ton?

Das Kaval erzeugt seinen Ton allein durch die Luft, die der Spieler gegen die scharfe obere Kante des offenen Rohrs bläst. Der Luftstrom teilt sich an dieser Kante und gerät ins Schwingen, dieselbe Anregung wie bei jeder randgeblasenen Flöte. Ein Mundstück oder Rohrblatt besitzt das Kaval nicht. Es unterscheidet sich damit grundlegend von der Blockflöte: Deren Block im Kopfstück lenkt den Luftstrom automatisch auf die Anblaskante, beim Kaval formt der Spieler den Strahl selbst mit Lippen und Kiefer. Diese ungeführte Anblastechnik verlangt deutlich mehr Übung als das Spiel einer Kernspaltflöte, erlaubt dem Spieler dafür aber, Tonhöhe und Klangfarbe direkt über Anblaswinkel und Luftdruck zu steuern.

Wie spielt man das Kaval?

Der Spieler hält das Kaval schräg vor dem Körper und setzt die Lippen locker an die obere, offene Kante, die dabei etwa zu drei Vierteln vom Mund bedeckt wird. Der Anblaswinkel liegt bei rund 45 Grad zur Rohrachse, schon kleine Änderungen an Winkel und Luftdruck verschieben die Tonhöhe hörbar. Mit den Fingern beider Hände deckt der Spieler die sieben vorderen Grifflöcher und das Daumenloch ab, verstärkter Luftdruck lässt das Instrument zusätzlich überblasen und erweitert den Tonumfang auf rund zweieinhalb chromatische Oktaven.

Charakteristisch für das Kaval-Spiel sind ausgedehnte Verzierungen wie Vorschläge, Triller und Glissandi, mit denen erfahrene Spieler Melodielinien ausschmücken. Manche Musiker beherrschen zudem die Zirkularatmung: Sie atmen durch die Nase ein, während die Wangen gespeicherte Luft weiter durch das Rohr pressen, und spielen so lange Melodiebögen ohne hörbare Atempause.

Welche Bauformen des Kaval gibt es?

Das Kaval kommt in zahlreichen regionalen Bauformen vor, die sich in Länge, Stimmung und Grifflochzahl unterscheiden.

  • Bulgarisches Kaval: meist in D oder C gestimmt. In den Rhodopen spielen zwei gleich gestimmte Kavale gemeinsam, chifte kavali genannt, eines führt die Melodie, das andere hält einen liegenden Ton.
  • Nordmazedonisches Kaval: fünf Baugrößen von etwa 63 bis 79 Zentimetern Länge, jede in einer eigenen Stimmung.
  • Rumänisches und moldauisches Caval: Bauformen mit sechs oder fünf Grifflöchern, klanglich eigenständig gegenüber dem bulgarischen Kaval.
  • Türkisches Kaval: Sammelbegriff für Hirtenflöten, der sowohl randgeblasene Bauformen ohne Block, dilsiz kaval, als auch Kernspalt-Bauformen mit Block, dilli kaval, umfasst.
  • Albanisches Kavall, auf Albanisch auch Fyell genannt: verbreitet unter anderem in Nordalbanien, im Kosovo und in Nordmazedonien, meist aus Holz, seltener aus Metall gefertigt.

Wie unterscheidet sich das Kaval vom Nay?

Das Kaval und der Nay des Nahen Ostens erzeugen ihren Ton auf die gleiche Weise: Beide sind randgeblasene, an beiden Enden offene Längsflöten ohne Mundstück und ohne Kernspalte. Der Unterschied liegt im Material und in der Bauweise. Der Nay besteht traditionell aus einem einzigen Rohrsegment aus Schilfrohr, das Kaval dagegen meist aus mehrteiligem Hartholz mit sieben vorderen Grifflöchern, einem Daumenloch und zusätzlichen Stimmlöchern am unteren Ende. Beide Instrumente teilen sich die Anblastechnik, gehören aber zu getrennten regionalen Traditionen: der Nay zur arabischen, persischen und türkischen Kunstmusik, das Kaval zur Hirten- und Volksmusik des Balkans.

Welche Musik prägt das Kaval?

Das Kaval diente über Jahrhunderte als Instrument einsamer Hirten in den Bergen des Balkans und Anatoliens, weshalb viele traditionelle Stücke aus freien, unbegleiteten Melodien ohne festen Takt bestehen. In Bulgarien werden solche Weisen na provot genannt und gelten als eine der anspruchsvollsten Ausdrucksformen des Instruments. Daneben begleitet das Kaval seit jeher gesellige Anlässe wie Hochzeiten und Dorffeste, dort meist gemeinsam mit Instrumenten wie der Gaida, der Tambura oder der Gadulka, zur Begleitung von Rundtänzen. Seit dem 20. Jahrhundert hat der bulgarische Musiker Theodosii Spassov das Kaval auch in Jazz- und Fusion-Projekten bekannt gemacht und dabei gezeigt, dass das Instrument über die Volksmusik hinaus einsetzbar ist.

Häufige Fragen zum Kaval

Was unterscheidet das Kaval von der Blockflöte?

Das Kaval unterscheidet sich von der Blockflöte durch das Fehlen eines Blocks: Bei der Blockflöte lenkt ein fest eingebauter Block im Kopfstück den Luftstrom automatisch auf die Anblaskante, beim Kaval formt der Spieler den Luftstrahl selbst mit den Lippen gegen die offene, schräg angeschnittene obere Kante des Rohrs. Diese freie, ungeführte Anblastechnik verlangt deutlich mehr Übung als das Spiel einer Blockflöte.

Wie viele Grifflöcher hat ein Kaval?

Ein Kaval hat acht Grifflöcher, sieben auf der Vorderseite für die Finger und ein achtes auf der Rückseite für den Daumen. Dazu kommen meist vier weitere, kleine Löcher nahe dem unteren Ende, die im Spiel immer offen bleiben und nur die Klangfarbe und Intonation der tiefen Töne beeinflussen, ohne selbst gegriffen zu werden.

Ist das Kaval als UNESCO-Kulturerbe anerkannt?

Nein, das Kaval selbst steht nicht auf der UNESCO-Repräsentativliste des immateriellen Kulturerbes der Menschheit. Diese Liste führt zwar einzelne Elemente der Balkan-Musiktradition, etwa die bulgarische mehrstimmige Volksmusik, ein eigener internationaler UNESCO-Titel für das Kaval-Spiel besteht bislang nicht.

Welchen Tonumfang hat das Kaval?

Das Kaval deckt durch gezieltes Überblasen einen Tonumfang von rund zweieinhalb chromatischen Oktaven ab. Die Tonhöhe hängt dabei nicht nur von den gegriffenen Löchern ab, sondern auch vom Anblaswinkel und vom Luftdruck, weshalb erfahrene Spieler denselben Griff durch feine Änderungen im Ansatz um einen Halbton oder mehr verschieben können.

Weitere Artikel in Blasinstrumente

Khaen

Khaen

Der Khaen, auch Khene oder Khen geschrieben, ist eine Mundorgel aus Laos und der Isan-Region Nordostthailands, bei der Atemluft mehrere Bambuspfeifen mit freischwingenden Metallzungen zum Klingen bringt. Die Pfeifen stecken in zwei Reihen durch einen schmalen Windkasten aus Hartholz, den die spielende Person mit beiden Händen umschließt. Jede Pfeife trägt ein Fingerloch: Erst wenn der Finger dieses Loch schließt, kann die zugehörige Zunge schwingen und ein Ton erklingt. Der Khaen gilt als Nationalinstrument von Laos und begleitet dort wie im benachbarten Isan die gesungene Erzähltradition Mor Lam. 2017 nahm die UNESCO die Khaen-Musik des laotischen Volkes in die Repräsentative Liste des immateriellen Kulturerbes der Menschheit auf.

Klarinette

Klarinette

Die Klarinette ist ein Holzblasinstrument, dessen Ton ein einzelnes Rohrblatt am Mundstück erzeugt. Ihr Rohr verläuft zylindrisch und ist am Mundstück geschlossen, deshalb überbläst sie nicht in die Oktave, sondern in die Duodezime. Daraus folgt der Rest des Instruments: ein Grundregister über 19 Halbtöne, ein dichtes Klappenwerk und ein Tonumfang von gut dreieinhalb Oktaven. Im Sinfonieorchester stehen B- und A-Klarinette nebeneinander, in Blasorchester, Jazz und Klezmer spielt fast immer die B-Klarinette.

Kontrabass-Flöte

Kontrabass-Flöte

Die Kontrabass-Flöte ist ein tiefes Mitglied der Querflötenfamilie. Sie steht in C und klingt zwei Oktaven unter der Konzertflöte, ihr tiefster Ton ist das große C. Ihr Rohr misst ausgerollt rund 2,6 Meter und ist mehrfach gefaltet, damit ein Mensch das Instrument überhaupt halten kann. Zu hören ist sie vor allem im Flötenchor und in der zeitgenössischen Musik.

Kontrabass-Klarinette

Kontrabass-Klarinette

Die Kontrabass-Klarinette ist das tiefste Instrument der Klarinettenfamilie, das noch regelmäßig gebaut wird. Sie steht wie die meisten Klarinetten in B, klingt aber eine Oktave tiefer als die Bassklarinette und zwei Oktaven tiefer als die Standardklarinette. Ihr langes Rohr liegt mehrfach gefaltet im Korpus, meist aus Metall gefertigt, damit das Instrument trotz einer Rohrlänge von rund drei Metern noch zu halten bleibt. Ihr Haupteinsatzort ist der Klarinettenchor, im Sinfonieorchester bleibt sie ein seltener Gast.