Der Çeng ist eine historische Winkelharfe, die vom 15. bis ins 18. Jahrhundert in der Hofmusik des Osmanischen Reichs gespielt wurde und auf die persische Winkelharfe čang zurückgeht. Als offene Winkelharfe besitzt er keinen Stützpfeiler: Ein gebogener Resonanzkörper trifft in einem spitzen Winkel auf einen geraden Saitenträger, dazwischen sind die einzelnen Saiten frei gespannt. Beide Hände zupfen die Saiten, ein Plektrum oder ein Bogen kommen nicht zum Einsatz. Der Name ähnelt dem der chinesischen Guzheng, die beiden Instrumente sind jedoch weder verwandt noch derselben Instrumentenfamilie zugehörig. Aus der lebendigen Musizierpraxis verschwand der Çeng bereits im 18. Jahrhundert, seit den 1980er Jahren rekonstruieren einzelne Instrumentenmacher ihn nach historischen Beschreibungen und Miniaturmalereien.
Wie ist der Çeng aufgebaut?
Nach der Beschreibung des osmanischen Musikers Ahmedoğlu Şükrullah aus dem 15. Jahrhundert besteht der Çeng aus einem langen, sich verjüngenden Resonanzkörper, der sich leicht wie der Hals eines Pferdes nach innen biegt, und einem geraden Saitenträger, die in einem spitzen Winkel aufeinandertreffen. Instrumentenbauer fertigten den Resonanzkörper aus Aprikosen- oder Zypressenholz und bespannten ihn mit Tierhaut als Decke. Die Saiten liefen einzeln vom Resonanzkörper zum Saitenträger und wurden über metallene Stimmstäbe justiert.
Zwei Baugrößen sind belegt. Der kucak çengi war klein, trug rund zwölf Saiten und lag beim sitzenden Spieler mit dem Wirbelkasten auf dem linken Knie. Der açık hava çengi war deutlich größer, wurde im Stehen gespielt und stand auf einem langen Fuß zwischen den Beinen des Spielers, der ihn mit einem Gürtel am Resonanzkörper festband.
| Merkmal | Çeng |
|---|---|
| Familie | offene Winkelharfe, kein Stützpfeiler |
| Saitenzahl | meist 24 bis 25, vereinzelt über 30 |
| Resonanzkörper | Aprikosen- oder Zypressenholz, Decke aus Tierhaut |
| Stimmung | diatonisch, jede Saite auf einen festen Ton |
| Bauformen | kucak çengi (klein, sitzend) und açık hava çengi (groß, stehend) |
| Verbreitung | Hofmusik des Osmanischen Reichs, Miniaturmalerei im safawidischen Persien |
| Praxis | seit dem 18. Jahrhundert nicht mehr lebendig, seit den 1980ern rekonstruiert |
Wie unterscheidet sich der Çeng von der Guzheng?
Der Çeng ist trotz des ähnlich klingenden Namens nicht mit der chinesischen Guzheng verwandt. Der Name Çeng geht auf ein persisch-assyrisches Wort für Harfe zurück, der Name Guzheng auf das chinesische Zeichen für Zither. Die Instrumente unterscheiden sich auch im Bau: Beim Çeng läuft jede Saite einzeln und in einem eigenen Winkel vom Resonanzkörper zum Saitenträger, ohne dass ein gemeinsamer Steg sie berührt. Bei der Guzheng dagegen liegen alle Saiten parallel über ein einziges langes Brett und laufen jeweils über einen eigenen, beweglichen Steg.
Auch die moderne Harfe unterscheidet sich vom Çeng in einem Punkt: Ihr dreieckiger Rahmen aus Korpus, Hals und Säule schließt sich, die Säule stützt die Saitenspannung, die der Çeng als offene Winkelharfe nicht besaß. Die russische Gusli kommt ebenfalls ohne Stützpfeiler aus, führt ihre Saiten aber wie die Guzheng parallel über eine flache Fläche und zählt damit zu den Zithern, nicht zu den Harfen.
Wie wird der Çeng gestimmt und gespielt?
Jede Saite des Çeng ist diatonisch auf einen einzigen Ton gestimmt und behält diese Stimmung während des Spiels bei, anders als bei Saiteninstrumenten mit Griffbrett verändert kein Finger die Tonhöhe. Wollte ein Musiker in eine andere Tonart wechseln, blieb ihm nur, einen Teil der Saiten neu zu stimmen, denn eine Mechanik zum schnellen Umstimmen besaß das historische Instrument nicht. Gespielt wird der Çeng mit den Fingern beider Hände, die die eng beieinanderliegenden Saiten zupfen und dabei eine hohe Treffsicherheit brauchen.
Woher stammt der Çeng?
Der Çeng geht auf die persische Winkelharfe čang zurück, die schon am Hof des Sassanidenreichs vom 3. bis 7. Jahrhundert gespielt wurde. Im safawidischen Persien erschien der čang zwar noch häufig in höfischen Miniaturmalereien, in Aufzählungen tatsächlich gespielter Instrumente taucht er zu dieser Zeit aber kaum noch auf. Im Osmanischen Reich hielt sich die Praxis länger: Nach der Eroberung Konstantinopels 1453 übernahm der Sultanshof den Çeng aus dem iranischen Hochland, und vom 15. bis zum 18. Jahrhundert gehörte die üblicherweise 24-saitige Harfe zur höfischen Musik, vor allem innerhalb des Harems, wo die anwesenden Musikerinnen Gesang begleiteten oder Instrumentalstücke vortrugen. Der Dichter Ahmed-i Dâî widmete dem Instrument im 15. Jahrhundert mit dem Çengname ein eigenes Gedicht, eine Ehre, die kein anderes Instrument seiner Zeit erhielt.
Warum verschwand der Çeng aus der Musikpraxis?
Der osmanische Reiseschriftsteller Evliya Çelebi beschrieb um 1660 in seinem Seyahatnâme die Herkunft der Harfe mit einer Legende:
Der çeng wurde von Pythagoras erfunden, um Salomo zu trösten. Die Harfe ist ein großes Instrument in der Form eines Elefantenrüssels. Sie hat 40 Saiten und bringt einen erstaunlichen Klang hervor. Nur wenige können sie spielen, weil sie ein schwieriges Instrument ist.
Çelebi zählte in Konstantinopel zu dieser Zeit nur noch zehn Harfenspieler, gegenüber mehr als 2000 Lautenspielern in derselben Stadt, und nannte die Schwierigkeit des Spiels ausdrücklich als Grund für die geringe Zahl. Im Verlauf des 18. Jahrhunderts verschwand der Çeng mit anderen Instrumenten der klassischen Makam-Musik, verdrängt von lauteren, westlich beeinflussten Instrumenten. Der Musikwissenschaftler Bo Lawergren nennt zusätzlich ein satirisches Gedicht des Dichters Ahmadi aus dem 15. Jahrhundert als mögliche Erklärung: Darin werfen acht miteinander wetteifernde Saiteninstrumente der Harfe vor, die Tonhöhe nicht halten zu können und ständig neu gestimmt werden zu müssen.
Evliya Çelebi zählte um 1660 nur noch zehn Harfenspieler in Konstantinopel. Mehr als 2000 Lautenspieler standen dieser Zahl seinen Angaben zufolge in derselben Stadt gegenüber, ein Beleg dafür, wie selten das Spiel auf dem Çeng zu dieser Zeit bereits geworden war.
Wird der Çeng heute noch gebaut?
Seit den 1980er Jahren entwickelten der türkische Instrumentenbauer Feridun Özgören und der amerikanische Musikethnologe Robert Labaree eine stabilere Rahmenharfe mit Stimmmechaniken nach dem Vorbild des Kanun. 1995 baute der türkische Kemençe-Spieler Fikret Karakaya einen Çeng anhand der Beschreibungen aus Ahmed-i Dâîs Çengname sowie iranischer und osmanischer Miniaturen aus dem 15. und 16. Jahrhundert und spielt bis heute darauf. Seit 2008 arbeitet die türkische Harfenistin Şirin Pancaroğlu mit Instrumentenbauern an weiteren Nachbauten und stellt den Çeng in Konzerten, Workshops und auf internationalen Harfenfestivals vor.
Häufige Fragen zum Çeng
Ist der Çeng mit der Guzheng verwandt?
Der Çeng ist nicht mit der Guzheng verwandt, obwohl die Namen ähnlich klingen. Der Çeng ist eine Winkelharfe aus dem Osmanischen Reich und Persien, bei der jede Saite einzeln zwischen Resonanzkörper und Saitenträger gespannt ist. Die Guzheng ist dagegen eine chinesische Wölbbrettzither, deren Saiten parallel über ein Brett laufen und jeweils auf einem beweglichen Steg liegen.
Wie viele Saiten hat ein Çeng?
Ein Çeng hat meist 24 oder 25 Saiten, manche historisch beschriebenen Instrumente trugen bis zu 30 oder mehr. Die kleinere Bauform, der kucak çengi, kam mit rund zwölf Saiten aus.
Wurde der Çeng von Männern oder Frauen gespielt?
Der Çeng wurde sowohl von Männern als auch von Frauen gespielt. In der höfischen Musik des Osmanischen Reichs trat er vor allem innerhalb des Harems auf, wo mit Ausnahme des Sultans ausschließlich Frauen anwesend waren und die Musikerinnen Gesang begleiteten oder Instrumentalstücke vortrugen.
Sind historische Çeng-Instrumente erhalten geblieben?
Von den historischen Çeng-Instrumenten ist kein einziges erhalten geblieben. Alles Wissen über ihren Bau stammt aus schriftlichen Beschreibungen wie dem Seyahatnâme des Evliya Çelebi und aus Miniaturmalereien des Osmanischen Reichs und Persiens. Heutige Nachbauten, etwa von Fikret Karakaya oder Şirin Pancaroğlu, rekonstruieren das Instrument auf dieser Grundlage neu.



