Ceng (auch Çeng, persisch Chang) ist eine historische Bogenharfe, die vor allem in der höfischen Musik des Osmanischen Reichs und in der persischen Musiktradition gespielt wurde. Als Chordophon gehört sie zur großen Familie der Harfen und wird, anders als etwa eine Geige, nicht gestrichen, sondern mit beiden Händen gezupft. Die Ursprünge reichen bis in die vorislamische Zeit Persiens und Mesopotamiens zurück; im Osmanischen Reich war das Ceng bis ins 17./18. Jahrhundert fester Bestandteil höfischer Ensembles, geriet danach jedoch weitgehend außer Gebrauch und wurde durch Kastenzithern wie das Kanun verdrängt. Heute wird das Instrument vor allem im Rahmen historisch informierter Aufführungspraxis der osmanischen und persischen Klassik rekonstruiert und wiederbelebt.
Wie klingt das Ceng?
Das Ceng erzeugt den für Harfen typischen, weichen und resonanzreichen Klang: Jede gezupfte Saite klingt nach dem Anschlag noch lange nach und überlagert sich mit den folgenden Tönen zu einem dichten, schimmernden Klangteppich. Der Tonumfang reicht über mehrere Oktaven, wobei tiefe Saiten einen dunklen, resonanten Ton und hohe Saiten einen hellen, glockenartigen Klang erzeugen. Der Gesamtklang gilt als sehr ausdrucksstark und eignet sich sowohl für getragene, meditative Passagen als auch für virtuose, schnelle Läufe, typisch für die klassische osmanische und persische Kunstmusik, in der das Ceng historisch eingesetzt wurde. Diese lang nachklingende, sich überlagernde Klangwelt teilt das Ceng mit nahezu allen offenen Harfen der vorislamischen und islamischen Welt.
Woraus besteht das Ceng?
Das Ceng ist eine sogenannte offene Winkelharfe ohne vorderen Stützpfeiler, wie ihn europäische Rahmenharfen besitzen: Ein gebogener Hals mit den Stimmwirbeln trifft in einem spitzen Winkel auf einen länglichen Resonanzkörper, zwischen denen mehrere Dutzend Saiten diagonal gespannt sind. Der Resonanzkörper war historisch aus Holz gefertigt und häufig, wie bei vielen frühen Harfen des Vorderen Orients, mit Tierhaut bespannt, um die Resonanz zu verstärken. Der offenen Bauweise ohne Pfeiler sind konstruktionsbedingt Grenzen bei der Saitenspannung gesetzt, weshalb das Ceng in Lautstärke und Stimmstabilität begrenzt blieb, ein Umstand, der neben dem veränderten Musikgeschmack zu seiner allmählichen Verdrängung durch das lautere, stimmstabilere Kanun beitrug. Die Saiten wurden traditionell aus Darm oder Seide gefertigt und einzeln über hölzerne Wirbel gestimmt. Verwandte offene Winkelharfen ohne Stützpfeiler finden sich in der gesamten Alten Welt, von den Harfen des antiken Mesopotamien und Ägypten bis zur chinesischen Konghou, die über die Seidenstraße ebenfalls von zentralasiatischen Chang-Harfen beeinflusst wurde.
Wie spielt man das Ceng?
Das Ceng wird, wie andere Harfen auch, im Sitzen zwischen den Knien oder an der Schulter angelehnt gehalten und mit den Fingerkuppen beider Hände gezupft, ein Plektrum oder ein Bogen kommt nicht zum Einsatz. Die linke Hand übernimmt in der Regel die tieferen, die rechte Hand die höheren Saiten, wobei beide Hände auch gleichzeitig Akkorde und Läufe spielen können.
Da die eng beieinanderliegenden Saiten diatonisch auf die jeweilige Tonart (Makam) gestimmt waren, musste die Stimmung vor einem neuen Stück oft angepasst werden. Dies unterscheidet das Ceng von chromatisch bundierten Saiteninstrumenten wie der Laute. Anders als bei späteren Kastenzithern lässt sich beim Ceng jede Saite dabei nur auf einen einzigen Ton stimmen, sodass eine Modulation in eine andere Tonart eine aufwendige Umstimmung des gesamten Instruments erforderte.
Die Spieltechnik erfordert eine hohe Genauigkeit, da benachbarte Saiten sehr nah beieinanderliegen und die Finger die richtige Saite sicher treffen müssen. In der historischen Praxis begleitete das Ceng häufig Gesang oder wurde gemeinsam mit anderen Instrumenten der höfischen Fasıl-Ensembles eingesetzt.
Typische Musikstile mit dem Ceng
Das Ceng war fester Bestandteil der höfischen Fasıl-Ensembles des Osmanischen Reichs, in denen Instrumentalmusik mit Gesang kombiniert wurde, sowie der persischen Kunstmusik, in der sein Pendant unter dem Namen Chang bereits in vorislamischer Zeit belegt ist. Bildliche Darstellungen des Ceng finden sich in zahlreichen osmanischen und persischen Miniaturmalereien, die Musizierende am Hof zeigen. In osmanischen Festbeschreibungen wie dem Surname-i Hümayun, die höfische Feierlichkeiten in Text und Bild dokumentieren, taucht das Ceng regelmäßig neben anderen höfischen Instrumenten wie Ud, Kanun und Ney auf. Mit dem Aufkommen lauterer und stimmstabilerer Instrumente wie dem Kanun verschwand das Ceng im Laufe des 18. Jahrhunderts weitgehend aus der Praxis. Erst im Rahmen der historisch informierten Aufführungspraxis der vergangenen Jahrzehnte wird es von einzelnen Ensembles wieder gebaut und in die Rekonstruktion osmanischer und persischer Klassik einbezogen.
Bekannte Lieder mit dem Ceng
Da das Ceng bereits im Laufe des 18. Jahrhunderts aus der lebendigen Musizierpraxis verschwand, sind, anders als bei Instrumenten mit ununterbrochener Spieltradition, keine konkreten, bis heute im Repertoire verankerten Musikstücke überliefert, die gezielt für dieses Instrument komponiert wurden. Sein Klang lässt sich heute vor allem über Rekonstruktionsprojekte und Aufnahmen historisch informierter Ensembles erschließen, die osmanische Fasıl-Musik und persische Dastgah-Kompositionen mit nachgebauten Ceng-Harfen aufführen und so versuchen, den historischen Klang wieder hörbar zu machen. Auch in Miniaturmalereien und historischen Reisebeschreibungen, etwa im Seyahatname des osmanischen Gelehrten Evliya Çelebi, wird das Ceng ausführlich als Teil der höfischen Musikkultur seiner Zeit beschrieben, was heutigen Rekonstruktionen als wichtige Quelle dient.



