Die Spieluhr ist ein mechanisches Musikinstrument, das seine Melodie ohne Spieler abspielt. Eine Walze mit eingesetzten Stiften dreht sich und zupft die gestimmten Stahlzungen eines Tonkamms an, die zurückschnellenden Zungen erzeugen den Ton. Ein aufgezogenes Federwerk treibt die Walze, ein Windfang hält ihre Drehzahl konstant. Der Kamm legt den Tonvorrat fest: Was er nicht trägt, spielt die Spieluhr nicht.
Was ist eine Spieluhr?
Die Spieluhr gehört zu den Lamellophonen, denn ihr Ton entsteht in frei schwingenden Zungen wie bei der Kalimba. Dort reißt ein Spieler die Zungen mit den Daumen an, bei der Spieluhr besorgt das die Walze. Streng genommen meint Spieluhr eine Uhr, die zur eingestellten Zeit ein Musikwerk auslöst; das Kästchen ohne Zeitanzeige heißt Spieldose. Im Alltag meint Spieluhr beides.
| Merkmal | Spieluhr |
|---|---|
| Familie | mechanisches Musikinstrument, Lamellophon |
| Tonerzeugung | Stift zupft eine Zunge des Tonkamms aus gehärtetem Stahl |
| Programmträger | Stiftwalze oder auswechselbare Lochplatte |
| Antrieb | Federwerk, Windfang als Drehzahlregler |
| Zahl der Zungen | 18 im Standardwerk, über 100 in Salonwerken |
| Tonart | fest, der Kamm lässt sich nicht umstimmen |
| Herkunft | Genfer Uhrmacherei um 1800 |
Wie erzeugt die Spieluhr ihren Ton?
Den Ton der Spieluhr erzeugen die Zungen des Tonkamms, nicht die Walze. Der Kamm ist ein einziges Stück gehärteter Stahl, aus dem der Hersteller die Zungen längs ausschneidet. Jede Zunge trägt genau einen Ton.
Die Tonhöhe hängt an Länge und Masse der Zunge: Lange, schwere Zungen schwingen langsam und klingen tief, kurze schnell und hoch. Damit der Kamm im Bass nicht unhandlich lang wird, tragen die tiefen Zungen Bleigewichte auf der Unterseite. Der Stimmer arbeitet mit der Feile: Trägt er die Spitze ab, steigt der Ton; feilt er die Wurzel dünner, fällt er.
Die Walze liegt parallel zum Kamm. In ihre Messingoberfläche stecken hunderte Stifte, jeder an der Stelle, an der sein Ton im Stück fällt. Dreht sich die Walze, läuft ein Stift gegen die Spitze einer Zunge, biegt sie aus der Ruhelage und gibt sie frei. Die Zunge schnellt zurück und klingt.
Klingt eine Zunge noch nach, wenn der nächste Stift sie greift, schnarrt der Ton. Deshalb legen sich feine Dämpferfedern kurz vor dem Zupfen an die tiefen Zungen.
Den Tonvorrat bestimmt die Zahl der Zungen:
- 18 Zungen: das Standardwerk aus Schmuckkästchen und Kinderspieluhren.
- 30 bis 50 Zungen: Serienwerke mit Melodie und Begleitstimme.
- Über 100 Zungen: große Salonspieluhren des 19. Jahrhunderts.
Der Tonkamm legt fest, was eine Spieluhr spielen kann. Umstimmen oder nachrüsten lässt sich keine Zunge. Ein Werk mit achtzehn Zungen bleibt deshalb in einer Tonart.
Was treibt das Spielwerk einer Spieluhr an?
Ein Federwerk treibt die Spieluhr an. Die aufgezogene Spiralfeder liegt im Federhaus und gibt ihre Kraft über ein Zahnradgetriebe an die Walze.
Eine Feder zieht frisch aufgezogen stark und gegen Ende kaum noch, die Melodie würde also erst rasen und dann schleppen. Deshalb sitzt am Ende des Getriebes ein Windfang, zwei kleine Flügel auf einer schnell laufenden Welle. Der Luftwiderstand wächst mit der Drehzahl, also bremst der Windfang umso stärker, je schneller das Werk läuft. Das leise Zischen beim Spielen stammt von diesen Flügeln.
Was unterscheidet Walzenspieluhr und Plattenspieluhr?
Der Unterschied liegt im Programmträger. Die Walzenspieluhr trägt ihre Stücke fest auf dem Zylinder, die Plattenspieluhr liest sie von einer auswechselbaren Blechplatte.
- Walzenspieluhr: Die Stifte sitzen fest im Messingzylinder. Mehrere Stücke bringt sie unter, indem sich die Walze nach jedem Durchlauf zur Seite schiebt und in einer anderen Spur läuft.
- Plattenspieluhr: Die Blechplatte trägt ausgestanzte Häkchen an der Unterseite. Jedes Häkchen dreht ein Sternrad, und erst dessen Zacke zupft die Zunge. Die Platte berührt den Kamm nie selbst.
Die Platte setzte sich im späten 19. Jahrhundert durch, weil sie das Instrument vom Repertoire trennte: Stanzen kostet wenig, eine Walze bestückt ein Handwerker Stift für Stift. Die Leipziger Firmen Symphonion und Polyphon bauten sie in großer Zahl, viele als münzbetriebene Automaten für Gasthäuser. Im frühen 20. Jahrhundert verdrängte die Schallplatte beide Bauarten.
Wie unterscheidet sich die Spieluhr von Drehorgel und Selbstspielklavier?
Alle drei speichern eine Melodie mechanisch, erzeugen den Ton aber verschieden.
- Spieluhr: Ein Stift zupft eine Stahlzunge, die frei ausschwingt. Kein Luftstrom, keine Saite, die Kraft kommt aus der Feder.
- Drehorgel: Pfeifen erzeugen den Ton, ein Blasebalg liefert die Luft, Walze oder Notenband öffnen nur die Ventile. Die Drehorgel läuft zudem nur, solange jemand kurbelt.
- Selbstspielklavier: Hier bedient sich ein vollwertiges Klavier selbst. Hämmer schlagen auf Saiten, eine pneumatische Steuerung liest eine gelochte Papierrolle. Mechanisch ist der Spieler, nicht das Instrument.
Woher stammt die Spieluhr?
Die Spieluhr stammt aus der Uhrmacherei. Genfer Uhrmacher bauten um 1800 winzige Musikwerke mit gestimmten Stahlzungen in Taschenuhren, Dosen und Siegelringe ein. Erst im frühen 19. Jahrhundert setzte sich der Kamm aus einem Stück durch.
Der Bau wanderte in den Schweizer Jura. Sainte-Croix im Waadtland wurde zum Zentrum der Walzenspieluhr; die Firma Reuge baut dort bis heute Walzenspielwerke.
Im Schwarzwald traf das Musikwerk auf ein bestehendes Uhrmacherhandwerk. Die Werkstätten setzten Spielwerke in Wanduhren, die zur vollen Stunde ein Stück spielten. Die dort ebenfalls gebaute Flötenuhr gehört dagegen zur Drehorgel, denn sie spielt auf Pfeifen.
Häufige Fragen zur Spieluhr
Wie funktioniert eine Spieluhr?
Eine Spieluhr arbeitet mit Stiftwalze und Tonkamm. Ein Federwerk dreht die Walze, deren Stifte die Spitzen der gestimmten Stahlzungen ausbiegen und wieder freigeben; die zurückschnellende Zunge klingt. Ein Windfang bremst über den Luftwiderstand und hält das Tempo gleich.
Was ist der Unterschied zwischen Spieluhr und Drehorgel?
Die Spieluhr zupft Metallzungen, die Drehorgel bläst Pfeifen an. Bei der Spieluhr schwingt eine Stahlzunge des Tonkamms, bei der Drehorgel eine Luftsäule aus dem Blasebalg. Die Spieluhr läuft aus einer aufgezogenen Feder, die Drehorgel nur, solange jemand kurbelt.
Wie viele Töne hat eine Spieluhr?
Eine Spieluhr hat so viele Töne, wie ihr Tonkamm Zungen trägt. Das kleine Standardwerk kommt mit achtzehn aus, größere Serienwerke haben dreißig bis fünfzig, die Kämme großer Salonspieluhren über hundert. Umstimmen lässt sich keine Zunge.
Kann man die Melodie einer Spieluhr wechseln?
Bei einer Spieluhr mit Stiftwalze geht das nicht, denn die Stifte sitzen fest im Zylinder; manche Walzen schieben sich seitlich weiter und geben mehrere fest eingebaute Stücke frei. Die Plattenspieluhr nimmt dagegen jede passende Lochplatte an.



