Leichte Klavierstücke für Anfänger erkennt man nicht am Namen des Komponisten, sondern an vier Merkmalen: Die Hände bleiben in einer Lage, die linke Hand springt wenig, jede Hand spielt eine Stimme, und das Tempo lässt Zeit zum Umsetzen. Dieser Artikel ordnet Stücke nach diesen Merkmalen in vier Stufen. Alle genannten Werke sind gemeinfrei, ihre Noten also frei erhältlich.
Was macht ein Klavierstück leicht?
Leicht ist ein Klavierstück, wenn es wenige Bewegungen verlangt und diese Bewegungen selten wechseln. Vier Größen entscheiden: die Handlage, die Sprungweite, die Zahl gleichzeitiger Stimmen und das Tempo. Die Tonart spielt dabei eine kleinere Rolle als oft angenommen. Eine Melodie in C-Dur mit ständigen Lagenwechseln ist schwerer als eine Melodie in G-Dur, die in einer Lage bleibt.
| Merkmal | Leichtes Klavierstück |
|---|---|
| Handlage | beide Hände bleiben überwiegend in einer Fünftonlage |
| Lagenwechsel | selten und mit Zeit zum Umsetzen |
| Sprünge der linken Hand | unter einer Oktave |
| Stimmen je Hand | eine, in der linken Hand höchstens ein Zweiklang |
| Vorzeichen | keines bis zwei |
| Rhythmus | Viertel, Halbe und Achtel, keine Triolen gegen Achtel |
| Pedal | nicht nötig oder taktweise |
Woran erkennt man, ob ein Klavierstück zum eigenen Stand passt?
Die Probe dauert fünf Minuten: Suche die schwerste Stelle des Stücks und spiele nur diese im halben Tempo. Gelingt sie dort dreimal hintereinander fehlerfrei, ist das ganze Stück erreichbar. Gelingt sie nicht, fehlt eine Voraussetzung, und die findet sich an vier Stellen:
- Handbewegungen: Zähle die Stellen, an denen der Daumen unter die Hand wandert oder die Hand die Lage wechselt. Jeder Wechsel kostet Übezeit.
- Sprünge: Miss den größten Abstand, den die linke Hand ohne Blickkontakt treffen muss. Über eine Oktave hinaus wird es für Anfänger unsicher.
- Tempo: Nicht die Taktangabe zählt, sondern der kleinste Notenwert. Sechzehntel bei mittlerem Tempo verlangen mehr Fingerwechsel je Sekunde als Achtel bei doppeltem.
- Stimmen: Zähle, wie viele Töne eine Hand gleichzeitig halten muss. Zwei Stimmen mit eigenem Rhythmus in einer Hand sind deutlich schwerer als ein Akkord.
Wer noch langsam liest, prüft zusätzlich die Notenlage: Viele Hilfslinien kosten Lesezeit, unabhängig von der Spieltechnik. Die Grundlagen dazu stehen im Artikel über Noten lesen.
Welche leichten Klavierstücke eignen sich für die ersten Monate?
In den ersten Monaten passen Stücke, die beide Hände in einer Fünftonlage lassen und in denen sich die Hände abwechseln statt gleichzeitig zu arbeiten. Wie der Weg dorthin aussieht, beschreibt der Artikel über das Klavier lernen.
- Ode an die Freude: Das Thema aus dem vierten Satz von Beethovens neunter Sinfonie umfasst in der einfachen Fassung fünf Töne und bewegt sich fast nur in Schritten. Es eignet sich als erstes Stück, in dem beide Hände zusammenkommen.
- Musette D-Dur aus dem Notenbüchlein für Anna Magdalena Bach: Die linke Hand hält über weite Strecken denselben Ton, die rechte spielt eine Melodie in einer Lage. Der Urheber des Stücks ist nicht gesichert.
- Beyer, Vorschule im Klavierspiel: Die Sammlung steigert die Anforderungen in kleinen Schritten und führt vom einzelnen Ton bis zum zweistimmigen Satz.
Welche klassischen Klavierstücke sind nach etwa einem Jahr erreichbar?
Nach etwa einem Jahr arbeiten beide Hände unabhängig voneinander, und Lagenwechsel gelingen ohne Stocken.
- Menuett G-Dur BWV Anh. 114 aus dem Notenbüchlein für Anna Magdalena Bach: Das Stück galt lange als Werk von Johann Sebastian Bach, die Forschung schreibt es heute Christian Petzold zu. Die rechte Hand führt die Melodie, die linke spielt eine eigene Linie dagegen.
- Schumann, Album für die Jugend op. 68: Die ersten Nummern der Sammlung, etwa Melodie und Soldatenmarsch, sind ausdrücklich für Anfänger geschrieben und werden innerhalb des Hefts schrittweise schwerer.
- Burgmüller, 25 leichte Etüden op. 100: Jede Nummer übt eine einzelne Bewegung und bleibt dabei ein spielbares Stück statt einer reinen Übung.
- Clementi, Sonatine op. 36 Nr. 1: der übliche Einstieg in die klassische Form, mit Achtelläufen in der rechten und Zweiklängen in der linken Hand.
Welche leichten Klavierstücke taugen als Ziel?
Zwei Stücke lohnen sich als Ziel für das erste bis zweite Jahr, weil sie langsam sind und trotzdem nach fertiger Musik klingen.
Saties Gymnopédie Nr. 1 von 1888 hat ein sehr langsames Tempo, eine Melodie aus langen Noten und eine Harmonik, die sich wiederholt. Die Schwierigkeit liegt woanders: Die linke Hand springt in jedem Takt vom tiefen Basston zum Akkord in der Mitte der Klaviatur, und das im gleichmäßigen Dreiertakt, ohne dass man hinsehen kann. Wer diesen Sprung getrennt übt, hat das Stück in wenigen Wochen.
Bachs Präludium C-Dur BWV 846 besteht aus gebrochenen Akkorden in einem gleichbleibenden Muster. Die Hände bleiben ruhig, die Finger wechseln kaum. Schwer sind hier der gleichmäßige Anschlag und der Pedalwechsel bei jedem Harmoniewechsel. Welche Bauart des Instruments dabei mitspielt, beschreibt der Artikel über das Klavier.
Ein Stück ist leicht, wenn die Hand wenig wandert. Nicht die Tonart und nicht der Name des Komponisten entscheiden über die Schwierigkeit, sondern die Zahl der Lagenwechsel und die Weite der Sprünge. Deshalb ist ein Menuett aus dem 18. Jahrhundert oft leichter als ein aktuelles Popstück mit weit gegriffener Begleitung in der linken Hand.
Welche bekannten Klavierstücke sind schwerer, als sie klingen?
Drei Stücke stehen auf fast jeder Wunschliste von Anfängern und überfordern sie regelmäßig:
- Für Elise von Beethoven: Der bekannte Anfang liegt in einer Lage und ist nach wenigen Monaten spielbar. Die beiden Mittelteile verlangen dagegen schnelle gebrochene Akkorde in der linken Hand und einen Lauf über mehrere Oktaven.
- Der erste Satz der Mondscheinsonate: Er sieht ruhig aus, verlangt aber, dass eine Hand drei Schichten gleichzeitig verschieden laut spielt, die Triolen leise, die Melodie darüber deutlich und den Bass darunter.
- Der türkische Marsch von Mozart: Die Melodie liegt gut in der Hand, das Tempo und die Oktavakkorde im Schlussteil machen daraus ein Stück für Fortgeschrittene.
Häufige Fragen zu leichten Klavierstücken für Anfänger
Welche Klavierstücke eignen sich für Anfänger?
Für Anfänger eignen sich Stücke, die beide Hände in einer Fünftonlage lassen und wenig springen. Bewährt sind das Thema Ode an die Freude aus Beethovens neunter Sinfonie in einfacher Fassung, die Musette D-Dur aus dem Notenbüchlein für Anna Magdalena Bach und die ersten Nummern aus Schumanns Album für die Jugend. Alle drei sind gemeinfrei, die Noten also frei erhältlich.
Wie lange dauert es, bis man Für Elise spielen kann?
Der bekannte Anfang von Für Elise ist bei regelmäßigem Üben nach einigen Monaten erreichbar, weil er in einer Lage bleibt und keine Sprünge verlangt. Das vollständige Stück dauert deutlich länger: Die beiden Mittelteile enthalten schnelle gebrochene Akkorde in der linken Hand und einen Lauf über mehrere Oktaven und gehören damit in die Mittelstufe.
Ist die Gymnopédie Nr. 1 ein leichtes Klavierstück?
Die Gymnopédie Nr. 1 von Erik Satie ist technisch überschaubar, aber nicht für den ersten Monat geeignet. Tempo und Notenwerte sind leicht, die linke Hand springt jedoch in jedem Takt vom tiefen Bass zum Akkord in der Mittellage, ohne dass man hinsehen kann. Wer diesen Sprung getrennt übt, erreicht das Stück im ersten bis zweiten Jahr.
Sind Noten für leichte Klavierstücke frei verfügbar?
Die in diesem Artikel genannten Werke sind gemeinfrei, weil ihre Urheber länger als siebzig Jahre tot sind. Die Werke selbst darf deshalb jeder kopieren, spielen und veröffentlichen. Einzelne Notenausgaben können dagegen einen eigenen Schutz tragen, etwa wenn ein Herausgeber Fingersätze und Anmerkungen ergänzt hat.




