Karnevalslieder

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Redaktion
Eine geschnitzte Holzmaske mit grünem Tuch vor bunten Punkten. Foto: Marisa04 / Pixabay.
Eine geschnitzte Holzmaske mit grünem Tuch vor bunten Punkten. Foto: Marisa04 / Pixabay.

Zusammenfassung

Karnevalslieder sind die Lieder der Karnevalssession, gebaut für eine Aufgabe: Hunderte Menschen sollen sie ohne Probe mitsingen können. Daraus folgen ein kleiner Tonumfang, ein kurzer wiederkehrender Refrain, ein gerader Takt und ein Text in der Wir-Form. Die Regionen unterscheiden sich stark. Köln hat das größte Repertoire, Mainz stellt Sitzung und Narrhallamarsch in den Mittelpunkt, Düsseldorf hat eigene Termine, aber kaum eigene Lieder, und die schwäbisch-alemannische Fastnacht arbeitet mit Narrenmärschen und Guggenmusik statt mit Bandliedern.

Karnevalslieder sind die Lieder der Karnevalssession, gebaut für eine einzige Aufgabe: Hunderte Menschen sollen sie ohne Probe mitsingen können. Daraus folgen ein kleiner Tonumfang, ein kurzer wiederkehrender Refrain, ein gerader Takt und ein Text in der Wir-Form. Die Regionen unterscheiden sich dabei stark: Köln, Düsseldorf und Mainz haben eigene Vereine und ein eigenes Repertoire, die schwäbisch-alemannische Fastnacht arbeitet statt mit Bandliedern mit Märschen und Guggenmusik.

11.11.Beginn der Session
1823erster Rosenmontagszug in Köln
1838Gründung des Mainzer Carneval-Vereins
4/4vorherrschende Taktart

Wie unterscheiden sich Karnevalslieder nach Region?

Vier Fastnachtslandschaften unterscheiden sich in Terminen, Trägern, Besetzung und Sprache.

RegionAnlass und TerminTypische BesetzungSprache
KölnSession vom 11.11. bis Aschermittwoch, Sitzungen, Straßenkarneval, RosenmontagszugMundartband mit Gitarren, Bass, Schlagzeug und BlechbläsersatzKölsch, Refrains teils hochdeutsch
DüsseldorfSession ab dem Hoppeditz-Erwachen am 11.11., Sitzungen und RosenmontagszugSitzungsorchester und Band, überwiegend Kölner RepertoireHochdeutsch und Düsseldorfer Platt
MainzKampagne mit Kappensitzungen, Fernsehsitzung und RosenmontagszugSitzungsorchester, Gesangsgruppen, MarschmusikMeenzerisch, rheinhessisch geprägt
Schwäbisch-alemannischab dem 6. Januar, Höhepunkt vom Schmutzigen Donnerstag bis Fastnachtsdienstag, NarrensprungStadt- und Musikkapelle, Guggenmusik, Fanfarenzugkaum Gesang, dafür Narrenrufe und Sprüche

Köln hat die längste Liedtradition und das größte Repertoire; Willi Ostermann, 1876 bis 1936, prägte die Form und schrieb auf Kölsch. Karl Berbuer und Jupp Schmitz prägten die Zeit um den Zweiten Weltkrieg mit Heidewitzka, Herr Kapitän von 1936 und Am Aschermittwoch ist alles vorbei von 1953. Ab 1970 übernahmen Mundartbands: Die Bläck Fööss veröffentlichten 1971 Drink doch eine met und 1973 Mer losse d'r Dom en Kölle, ein Lied gegen Abrisspläne im Severinsviertel. Die Höhner erreichten mit Viva Colonia 2003 ein Publikum außerhalb des Rheinlands.

Mainz feiert Fastnacht und stellt die Sitzung in den Mittelpunkt. Aus dem Gründerkreis des Mainzer Carneval-Vereins von 1838 stammt der Narrhallamarsch: Carl Zulehner griff Motive aus Adolphe Adams Oper Le brasseur de Preston auf, und die Melodie eröffnet bis heute die Kappensitzungen. Zum Kernbestand zählen Heile, heile Gänsje nach einer Vorlage von Martin Mundo, das Ernst Neger 1952 sang, und Humba Täterä von Toni Hämmerle, das Neger 1964 vortrug. So ein Tag, so wunderschön wie heute schrieben Lotar Olias und Walter Rothenburg 1952 für die Mainzer Hofsänger.

Düsseldorf hat eigene Termine und Vereine, aber kaum eigene Lieder. Die Session beginnt mit dem Hoppeditz-Erwachen am 11. November, der Narrenruf lautet Helau. Eine eigene Liedhistorie fehlt, in den Sälen läuft überwiegend das Kölner Repertoire.

Die schwäbisch-alemannische Fastnacht kommt ohne Sessionslieder aus. Sie beginnt in vielen Orten am 6. Januar, und ihre Musik stammt aus Kapellen statt aus Bands. Beim Narrensprung spielen Stadt- und Musikkapellen den Narrenmarsch des Ortes, eine Komposition, die nur zur Fastnacht erklingt; der Rottweiler Narrenmarsch entstand 1882 und gilt als der erste seiner Art. Dazu kommt die Guggenmusik, laute Blasmusik aus dem Umfeld der Basler Fasnacht, 1906 erstmals so benannt. Gesungen wird wenig, statt Refrains gibt es Narrenrufe wie Narri-Narro und Fastnachtssprüche.

Warum sind Karnevalslieder so einfach gebaut?

Karnevalslieder sind so gebaut, weil hunderte Menschen sie ohne Probe mitsingen sollen. Im vollen Saal hat niemand Noten, niemand kennt seine Stimmlage. Jedes Merkmal der Gattung folgt daraus.

  • Kleiner Tonumfang. Der Refrain bleibt meist innerhalb einer Sexte bis Oktave. Wer die Melodie nicht kennt, setzt selten in der passenden Lage ein, und ein enger Umfang verzeiht das.
  • Kurzer, unveränderter Refrain. Zwei bis vier Zeilen, bei jeder Wiederholung wortgleich. So kennt ihn der Saal nach einem Durchgang.
  • Gerader Takt im mittleren Tempo. Den Vierviertel-Takt klatscht und schunkelt man, ohne zu zählen. Zu schnell verschluckt die Silben, zu langsam bricht die Bewegung ab.
  • Stufenweise Melodie. Kleine Schritte statt Sprünge, weil ein ungeübter Sänger die Sekunde trifft und die Septime nicht.
  • Text in der Wir-Form. Wer mitsingt, spricht für die Gruppe und sagt etwas über sich selbst.
Tonumfang eines Refrains Popsong-Refrain: oft mehr als eine Oktave Karnevalsrefrain: etwa eine Sexte C D E F G A H c d e f g a Oktave
Je enger der Umfang, desto mehr Stimmen im Saal treffen jeden Ton.

So sind auch die Weihnachtslieder gebaut. Vom Schlager unterscheidet sich das Karnevalslied in einem Punkt: Der Schlager richtet sich an einen Hörer, das Karnevalslied an einen Saal.

Der Zweck bestimmt die Machart. Ein Karnevalslied muss von Menschen getragen werden, die es nie geübt haben, die im Stehen singen und die keine Noten haben. Kleiner Tonumfang, kurzer Refrain und gerader Takt sind deshalb keine Einfallslosigkeit, sondern die Bedingungen, unter denen ein ganzer Saal denselben Ton trifft.

Was ist ein Sessionslied?

Ein Sessionslied ist ein Karnevalslied für genau eine Saison. Die Kölner Bands veröffentlichen zum Sessionsbeginn neue Titel, von denen die meisten nach dem Aschermittwoch verschwinden. Aus mehreren hundert Neuerscheinungen wählt die Veranstaltungsreihe Loss mer singe jährlich rund zwei Dutzend aus und probt deren Refrains mit dem Publikum.

Nur wenige Sessionslieder überleben ihre Saison. Diese Auslese erklärt, warum die Klassiker so gleichförmig gebaut sind: Was schwer mitzusingen war, ist längst ausgesiebt.

Welche Rolle spielt die Mundart in Karnevalsliedern?

Die Mundart bindet das Lied an seinen Ort. Auf Kölsch, Meenzerisch oder Düsseldorfer Platt gesungen, gehört ein Titel hörbar einer Stadt, und wer ihn mitsingt, erklärt sich zugehörig. Am ausgeprägtesten ist das in Köln, wo die Mundartbands Ostermanns Linie seit 1970 fortsetzen. Viva Colonia belässt die Strophen auf Kölsch und setzt den Refrain hochdeutsch: So bleibt der Titel kölsch und ist trotzdem in Hamburg mitsingbar.

Wann werden Karnevalslieder gespielt und wer spielt sie?

Karnevalslieder erklingen zwischen dem 11. November und dem Aschermittwoch, ihr Schwerpunkt liegt in den sechs Tagen ab Weiberfastnacht.

  • Sitzung. Ein Sitzungsorchester begleitet Redner und Gesangsgruppen mit Tusch und Marsch. Es stützt sich auf Blechbläser, deshalb steht die Trompete in fast jedem Saal.
  • Straßenkarneval. Bands spielen auf Bühnen und in Kneipen, dazwischen übernimmt die Anlage.
  • Umzug. Fußgruppen ziehen mit Spielmannszügen und Kapellen. Gespielt wird, was ohne Verstärkung trägt.
  • Narrensprung. Im Südwesten spielt die Stadtkapelle den Narrenmarsch, die Guggenmusik zieht getrennt.

Die Reihenfolge eines Abends richtet sich nach dem Saal: zwei bis drei bekannte Klassiker am Anfang, damit alle einsteigen, dann jedes neue Sessionslied zwischen zwei bekannte, sonst reißt das Mitsingen ab, zum Schluss ein langsames Lied zum Unterhaken.

Welche Fehler treten bei Karnevalsliedern häufig auf?

  • Zu hoch angestimmt. Ohne Instrument setzt man zu hoch an, und der Saal steigt in Zeile zwei aus.
  • Zu viele neue Titel am Stück. Drei unbekannte Sessionslieder in Folge beenden das Mitsingen.
  • Regionen vermischt. Alaaf gehört nach Köln, Helau nach Düsseldorf und Mainz. Beim Narrensprung im Südwesten gilt der Ruf des Ortes.
  • Rechte nicht geklärt. Fast alle heute gespielten Karnevalslieder stehen unter Urheberrechtsschutz, öffentliche Wiedergabe ist bei der GEMA anzumelden.

Häufige Fragen zu Karnevalsliedern

Was ist ein Karnevalslied?

Ein Karnevalslied ist ein Lied, das überwiegend während Karneval, Fastnacht und Fasching gespielt und gesungen wird. Über die Zugehörigkeit entscheidet der Text: Er handelt vom Feiern, von der Stadt oder vom Ende der Session und steht oft in Mundart. Musikalisch greift die Gattung auf Marsch, Schlager und Rock zurück.

Warum lassen sich Karnevalslieder so leicht mitsingen?

Karnevalslieder lassen sich leicht mitsingen, weil sie dafür gebaut sind. Der Refrain bleibt meist innerhalb einer Sexte bis Oktave, bewegt sich in kleinen Schritten und wiederholt sich wortgleich. Dazu kommen Vierviertel-Takt, mittleres Tempo und die Wir-Form.

Was ist der Unterschied zwischen Karneval, Fastnacht und Fasching?

Karneval, Fastnacht und Fasching bezeichnen dieselbe Zeit vor der Fastenzeit, aber verschiedene Bräuche. Karneval heißt das Fest im Rheinland mit Sitzung und Rosenmontagszug. Fastnacht sagen Mainz und der schwäbisch-alemannische Südwesten mit seinen Narrenzünften, Masken und Narrenmärschen. Fasching sagt man in Bayern und Österreich.

Wann beginnt die Karnevalssession?

Die Karnevalssession beginnt am 11. November um 11:11 Uhr und endet am Aschermittwoch, der Straßenkarneval umfasst nur die letzten sechs Tage. Die schwäbisch-alemannische Fastnacht folgt einem anderen Kalender und startet vielerorts erst am 6. Januar.

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