Deutschrap

6 Min. Lesezeit
Redaktion
Eine mit Graffiti besprühte Mauer, mehrere Schriftzüge überlagern sich. Foto: Tho-Ge / Pixabay.
Eine mit Graffiti besprühte Mauer, mehrere Schriftzüge überlagern sich. Foto: Tho-Ge / Pixabay.

Zusammenfassung

Deutschrap ist Rap in deutscher Sprache. Seine Besonderheiten ergeben sich aus der Sprache selbst: Deutsche Wörter sind länger, ihre Betonung liegt fest, und einsilbige Reimwörter sind selten. Daraus folgen Mehrsilbenreime, Reime über Wortgrenzen hinweg und eine Silbenverteilung, die sich stärker gegen das Raster des Beats stemmt. Deutschrap begann in den 1980er Jahren und ist heute die kommerziell stärkste Strömung im deutschsprachigen Musikmarkt.

Deutschrap ist Rap in deutscher Sprache. Was ihn von englischsprachigem Rap unterscheidet, liegt nicht im Beat und nicht im Thema, sondern in der Sprache: Deutsche Wörter sind im Schnitt länger, ihre Betonung liegt fest, und einsilbige Reimwörter sind selten. Daraus folgen andere Reime und ein anderes Verhältnis zum Raster des Beats. Deutschrap begann in den 1980er Jahren und ist heute die kommerziell stärkste Strömung im deutschsprachigen Musikmarkt.

4/4Taktart
16Sechzehntel je Takt
4Reimtechniken
1980erAnfänge

Was ist Deutschrap?

Deutschrap bezeichnet den deutschsprachigen Zweig des Hip-Hop. Der Vortragende spricht seinen Text rhythmisch über einem wiederholten Beat. Dieser Beat unterscheidet sich technisch nicht von dem eines englischsprachigen Stücks, denn Schlagzeug, Bass und Schleife kennen keine Sprache. Das Eigene sitzt im Text.

MerkmalDeutschrap
SpracheDeutsch
Übergeordnete KulturHip-Hop
Vortragsformrhythmisch gesprochener Text über wiederholtem Beat
Taktart4/4
Übliche SilbenunterteilungAchtel und Sechzehntel, im Trap auch Triolen
Prägende ReimformenEndreim, Binnenreim, Mehrsilbenreim, Assonanz
SpielartenConscious Rap, Battle Rap, Straßenrap, Cloud Rap, Trap
Anfänge1980er Jahre
Marktstellungkommerziell stärkste Strömung im deutschsprachigen Markt

Warum klingt Deutschrap anders als englischsprachiger Rap?

Deutschrap klingt anders, weil drei Eigenschaften der deutschen Sprache den Text anders auf den Takt legen.

  • Längere Wörter. Deutsch bildet Zusammensetzungen und hängt Endungen wie -ung, -keit oder -schaft an. Ein Inhaltswort trägt deshalb mehr Silben als sein englisches Gegenstück und belegt mehr Positionen im Raster.
  • Feste Betonung. Der Wortakzent liegt im Deutschen auf einer bestimmten Silbe, meist der Stammsilbe, und lässt sich nicht verschieben. Er kann nicht umbetonen, sondern muss das Wort so einsetzen, dass dessen betonte Silbe an der gewünschten Stelle landet.
  • Wenige einsilbige Reimwörter. Das Englische hat einen großen Vorrat einsilbiger Inhaltswörter. Im Deutschen enden viele Wörter auf unbetonte Silben wie -en, -er oder -e, und ein Reim darauf reimt die Grammatik statt die Aussage.

Daraus folgen drei Techniken. Erstens wandert der Reim von einer Silbe auf mehrere: Weil eine einzelne betonte Endsilbe zu wenig trägt, greift der Reim zwei, drei oder vier Silben auf einmal ab, und eine Wortgruppe reimt auf eine Wortgruppe.

Zweitens läuft der Reim über Wortgrenzen hinweg. Ein einzelnes deutsches Wort liefert die verlangte Silbenfolge selten, also setzt der Vortragende sie aus mehreren zusammen. Die Grenze des Reims fällt dann nicht mit der Grenze des Wortes zusammen.

Drittens stemmt sich die Silbenverteilung stärker gegen das Raster. Deutsche Wörter bringen viele unbetonte Silben mit, die untergebracht werden müssen, ohne die betonte Silbe von ihrer Position zu verdrängen. Der Vortragende drängt sie in Sechzehntel zusammen, zieht sie vor die Zählzeit oder schiebt sie über die Taktgrenze.

Der Mehrsilbenreim ist die Antwort des Deutschrap auf die deutsche Sprache. Ein einsilbiger Endreim trägt im Deutschen wenig, weil die dafür geeigneten Wörter knapp sind und die häufigen Endungen die Grammatik reimen statt die Aussage. Der Reim greift deshalb über mehrere Silben und über Wortgrenzen hinweg, und die Assonanz vergrößert den Vorrat zusätzlich, weil nur die Vokale übereinstimmen müssen.

Welche Reimtechniken prägen den Deutschrap?

Vier Reimformen tragen den Deutschrap; sie liegen in derselben Strophe übereinander.

  • Endreim bindet zwei Zeilen, indem deren letzte betonte Silben übereinstimmen, und macht die Gliederung hörbar.
  • Binnenreim setzt ein Reimwort in die Zeile statt an ihr Ende und verknüpft die Zeilenmitte mit dem Ende der nächsten.
  • Mehrsilbenreim lässt mehrere aufeinanderfolgende Silben übereinstimmen, sodass eine ganze Wortgruppe über mehrere Schläge hinweg reimt.
  • Assonanz verlangt nur gleiche Vokale, keine gleichen Konsonanten, und vergrößert den Vorrat an Reimwörtern so weit, dass dichte Mehrsilbenreime im Deutschen baubar werden.

Wie verhält sich der Flow zum Beat im Deutschrap?

Der Flow ist das Verhältnis der Silbenfolge zum Raster des Beats. Jeder Takt gibt vier Schläge vor, unterteilt in acht Achtel und sechzehn Sechzehntel; die Taktart bleibt über das ganze Stück gleich. Jede Silbe belegt eine dieser Positionen, und wer jede betonte Silbe auf eine Zählzeit legt, klingt gleichförmig.

Offbeat-Betonung setzt die betonte Silbe zwischen zwei Zählzeiten, auf ein Achtel oder Sechzehntel, das im Raster unbetont ist. Wortakzent und Metrum widersprechen sich dann, und das Ohr hört den Widerspruch als Zug nach vorn. In der Notenschrift heißt dasselbe Prinzip Synkope.

Dieselbe Zeile klingt in verschiedenen Flows verschieden, weil der Wortlaut nur die Reihenfolge der Silben festlegt, nicht deren Position im Takt. Der Vortragende entscheidet zusätzlich über die Unterteilung, über die Pausen und darüber, ob der Satz an der Taktgrenze endet oder über sie hinwegzieht.

Zählzeit 1 2 3 4 Schläge Betonung Silben de ku ne ta ka di so ri be ma la mi Reimgruppe 1 Reimgruppe 2 Betonung auf der Zählzeit Betonung ein Sechzehntel davor Reimsilben, Vokalfolge a a i Beide Reimgruppen setzen vor der Zählzeit ein, deshalb fällt ihre betonte Silbe neben das Raster.
Beide Reimgruppen tragen dieselbe Vokalfolge und setzen ein Sechzehntel vor der Zählzeit ein. Die Silben sind erfunden.

Woher stammt der Deutschrap?

Deutschrap entwickelte sich in vier Stufen.

  • 1980er Jahre. Rap erreichte Deutschland über Kinofilme, die Radiosender der US-Streitkräfte und den Breakdance. Die ersten Gruppen rappten überwiegend auf Englisch.
  • 1990er Jahre. Der Wechsel ins Deutsche brachte die ersten großen Erfolge und zwang zur Klärung, wie Reim und Flow auf eine Sprache mit längeren Wörtern passen.
  • Ab den 2000er Jahren. Deutschrap fächerte sich auf. Battle Rap und Straßenrap wuchsen zu eigenen Zweigen, während der politisch argumentierende Zweig bestehen blieb.
  • Heute. Deutschrap besetzt regelmäßig die vorderen Plätze der deutschen Albumcharts.

Welche Spielarten hat der Deutschrap?

Fünf Spielarten des Deutschrap lassen sich unterscheiden.

  • Conscious Rap stellt gesellschaftliche und politische Themen in den Mittelpunkt und führt im Text ein Argument.
  • Battle Rap misst zwei Vortragende aneinander; bewertet werden Reimdichte, Schlagfertigkeit und Vortrag, nicht der Wahrheitsgehalt.
  • Straßenrap erzählt aus dem Alltag großstädtischer Viertel und beansprucht, das Geschilderte selbst erlebt zu haben.
  • Cloud Rap setzt auf flächige, stark verhallte Beats, langsames Tempo und einen zurückgenommenen, oft verschliffenen Vortrag.
  • Trap stammt aus dem Süden der USA und ist an schnellen Hi-Hat-Unterteilungen, der tief gestimmten Bassdrum eines Drumcomputers und halbierter Zählweise erkennbar.

Was wird am Deutschrap kritisiert?

An Teilen des Deutschrap werden Gewaltverherrlichung, Frauenfeindlichkeit und Antisemitismus kritisiert. Die Kritik ist dokumentiert und richtet sich auf einzelne Texte, Videos und Auftritte; einzelne Veröffentlichungen wurden als jugendgefährdend eingestuft. Sie trifft nicht das Genre als Ganzes, denn dieselbe Szene bringt Strömungen hervor, die genau diese Haltungen zum Gegenstand ihrer Texte machen. Sie erledigt sich aber auch nicht mit dem Hinweis, Rap arbeite mit Rollen: Ob eine Aussage als Rolle gemeint war, ändert nichts daran, wie sie beim Publikum ankommt.

Häufige Fragen zu Deutschrap

Was macht Deutschrap aus?

Deutschrap ist Rap in deutscher Sprache, und was ihn ausmacht, ergibt sich aus dieser Sprache: längere Wörter, feste Wortbetonung und wenige einsilbige Reimwörter. Daraus folgen Mehrsilbenreime, Reime über Wortgrenzen hinweg und eine Silbenverteilung, die sich stärker gegen das Raster des Beats stemmt als im englischsprachigen Rap.

Welche Reimtechniken nutzt der Deutschrap?

Der Deutschrap nutzt vier Reimtechniken: Endreim, Binnenreim, Mehrsilbenreim und Assonanz. Der Endreim bindet die Zeilenenden, der Binnenreim setzt Reimwörter in die Zeile, der Mehrsilbenreim lässt mehrere Silben in Folge übereinstimmen, und die Assonanz verlangt nur gleiche Vokale. Erst die Assonanz macht dichte Mehrsilbenreime im Deutschen baubar.

Was ist Flow im Deutschrap?

Flow ist das Verhältnis der gesprochenen Silbenfolge zum Raster des Beats. Ein Takt gibt vier Schläge vor, unterteilt in acht Achtel und sechzehn Sechzehntel, und jede Silbe belegt eine dieser Positionen. Fällt eine betonte Silbe zwischen zwei Zählzeiten, entsteht eine Synkope. Derselbe Text klingt deshalb in verschiedenen Flows verschieden.

Welche Spielarten gibt es im Deutschrap?

Im Deutschrap lassen sich Conscious Rap, Battle Rap, Straßenrap, Cloud Rap und Trap unterscheiden. Conscious Rap argumentiert zu gesellschaftlichen Themen, Battle Rap misst zwei Vortragende aneinander, Straßenrap erzählt aus großstädtischen Vierteln, Cloud Rap arbeitet mit verhallten Flächen und langsamem Tempo, Trap mit schnellen Hi-Hat-Unterteilungen und tiefer Bassdrum.

Weitere Artikel in Genres

Die Gregorianik

Die Gregorianik

Die Gregorianik unterteilt man in drei Gesangsformmen: Psalmodie, Jubilus und Sequenz. Die Psalmodie Die Psalmmodie ist ein Gotteslob. Hier steht der Text im Vordergrund, nicht die Musik. Aus diesem Grund ist die Musik nur einstimmig dargestellt.

Drum and Bass

Drum and Bass

Drum and Bass ist elektronische Tanzmusik mit einem gebrochenen, schnellen Schlagzeugmuster statt einer Bassdrum auf jeder Viertel; das Tempo liegt meist zwischen 160 und 180 Schlägen pro Minute. Darunter liegt eine Basslinie im halben Tempo, die den gefühlten Grundschlag trägt: Der Hörer zählt rund 85 statt 170. Das Schlagzeug besteht aus Breakbeats, also gesampelten, zerschnittenen und neu zusammengesetzten Mustern, deren Abweichungen vom Raster den Groove ausmachen. Der Stil entstand Anfang bis Mitte der 1990er Jahre in Großbritannien aus Rave und Jungle.

Dubstep

Dubstep

Dubstep ist elektronische Tanzmusik bei rund 140 Schlägen pro Minute, deren Grundpuls halb so schnell empfunden wird. Die Snare fällt nur auf die dritte Zählzeit jedes Takts, zwischen den Schlägen bleibt das Raster weitgehend leer. Diesen Raum füllt der Bass, der hier die Hauptstimme trägt und seine Klangfarbe im Takt verändert. Der Stil entstand Anfang der 2000er Jahre in Südlondon aus UK Garage und dem jamaikanischen Dub.

Elektronische Musik

Elektronische Musik

Elektronische Musik ist Musik, deren Klang als elektrische Spannung entsteht und erst im Lautsprecher zu einer Luftschwingung wird. Sie entstand ab 1948 in Rundfunkstudios in Paris und Köln und wurde ab den 1980er Jahren zur bestimmenden Clubmusik. Ihre Werkzeuge sind Synthesizer, Drumcomputer, Sampler und Sequencer, die Klanggestaltung gehört zur Komposition. Viele Spielarten ordnen sich um eine Bassdrum auf jeder Viertel, unterscheiden sich aber deutlich im Tempo: House liegt bei rund 125, Drum and Bass bei rund 175 Schlägen pro Minute.