Die Schlange (französisch Serpent) ist ein historisches Blechblasinstrument, benannt nach seiner charakteristisch gewundenen S-Form, kein Zupf- oder Seilinstrument, wie in älteren Fehlbeschreibungen behauptet. Sie wurde um 1590 von Edme Guillaume, einem Kanoniker aus Auxerre in Frankreich, erfunden und diente ursprünglich dazu, die Bassstimme im Kirchengesang zu verstärken. Mit einem Kesselmundstück und sechs Grifflöchern statt Ventilen nimmt die Schlange eine organologische Zwischenstellung zwischen Blech- und Holzblasinstrument ein und gilt als Vorläufer des Ophikleides und der modernen Tuba.
Wie klingt die Schlange?
Der Klang der Schlange ist tief, dunkel und leicht rau, mit einer unverwechselbar erdigen, fast stimmenhaften Klangfarbe, die sich gut mit menschlichen Bassstimmen mischt, historisch genau der Zweck, für den sie in Kirchenchören eingesetzt wurde. Im Vergleich zu modernen Tuben klingt sie weniger präzise, dafür aber ausdrucksvoller und individueller.
Woraus besteht die Schlange?
Die Schlange besteht aus einem etwa zwei bis zweieinhalb Meter langen, konisch gebohrten Holzrohr, meist Nussbaum -, das in einer schlangenartigen S-Form gebogen ist, um die Baulänge handhabbar zu halten. Das Rohr ist mit Leder umwickelt, das sowohl für Luftdichtigkeit als auch für Schutz sorgt. Sechs Grifflöcher entlang des Rohrs, angeordnet wie bei einem Zink oder einer Blockflöte, dienen der Tonhöhenänderung.
Ein aus Metall gefertigter Krummbogen (Bocal) verbindet ein kesselförmiges Mundstück aus Elfenbein oder Horn mit dem Rohr, die Tonerzeugung erfolgt also nach dem Blechblasprinzip durch Lippenschwingung, obwohl die Grifflöcher eher an ein Holzblasinstrument erinnern.
Wie spielt man die Schlange?
Der Ton entsteht wie bei allen Blechblasinstrumenten durch das Schwingen der Lippen im kesselförmigen Mundstück. Die Tonhöhe wird jedoch nicht über Ventile, sondern durch eine Kombination aus Ansatzspannung und dem Öffnen bzw. Schließen der sechs Grifflöcher verändert. Da die Lage der Löcher primär durch die gewundene Form des Rohrs und nicht durch akustische Idealmaße bestimmt ist, gilt die Schlange als notorisch schwer sauber zu intonieren und erfordert eine spezialisierte, langwierige Ausbildung. Historisch war sie vor allem ein Funktionsinstrument zur Verstärkung von Bassstimmen in Kirche und Militärkapelle, weniger ein Soloinstrument.
Typische Musikstile mit der Schlange
Die Schlange war vom 16. bis ins frühe 19. Jahrhundert vor allem in der französischen und englischen Kirchenmusik verbreitet, wo sie die Bassstimme des Chorgesangs verstärkte, etwa in den englischen "West Gallery"-Kirchenkapellen, die bis weit ins 19. Jahrhundert den Gemeindegesang begleiteten. Daneben fand sie Verwendung in Militär- und Dorfkapellen. Vereinzelt setzten auch Komponisten der Romantik sie klangfarblich in Orchester- und Chorwerken ein, bevor sie durch Ophikleide und Tuba verdrängt wurde und im 19. Jahrhundert in England, im frühen 20. Jahrhundert auch in Frankreich, praktisch aus dem Musikleben verschwand.
Erst der englische Musikinstrumentenbauer und Frühmusik-Spezialist Christopher Monk löste ab den 1950er- und 60er-Jahren eine bis heute anhaltende Wiederbelebung aus: Er baute Schlangen aus Nussbaumholz und Leder neu, gründete 1967 mit dem London Serpent Trio ein eigenes Ensemble und legte damit den Grundstein für die heutige, international aktive Szene historisch informierter Schlangenspieler. Sein Werkstattbetrieb Christopher Monk Instruments, später von seinem Mitarbeiter Keith Rodgers fortgeführt, fertigt bis heute Schlangen und verwandte historische Blasinstrumente nach traditionellen Methoden.
Bekannte Lieder mit der Schlange
- Felix Mendelssohns Ouvertüre "Ein Sommernachtstraum" (1826), die ein schlangenverwandtes Instrument (Corno inglese di basso) einsetzt, um Zettels Eselsschrei musikalisch zu illustrieren.
- Hector Berlioz' "Messe solennelle" (1824), die in Kyrie und Agnus Dei eigene Schlangen-Stimmen vorsieht.
- Berlioz' "Symphonie fantastique" (1830), in deren ursprünglicher Partitur die Schlange im "Dies irae" des fünften Satzes mitspielte, bevor Berlioz sie durch zwei Ophikleiden ersetzte.
- Die Tradition der englischen "West Gallery"-Kirchenkapellen, in denen die Schlange über Jahrhunderte den Gemeindegesang begleitete, ihr wohl breitenwirksamster historischer Einsatzbereich.
- Das London Serpent Trio und die von Christopher Monk ab den 1960er-Jahren initiierte Wiederbelebung, die das historische Schlangenrepertoire in Konzert und Aufnahme neu zugänglich gemacht hat.




