Der Sheng ist eine chinesische Mundorgel und gehört zur Familie der Aerophone mit freischwingenden Metallzungen (Freireed-Prinzip), demselben Klangerzeugungsprinzip, das später auch in europäischen Instrumenten wie Akkordeon, Mundharmonika und Harmonium Verwendung fand, nachdem der Sheng im 18. Jahrhundert nach Europa gelangte und dortige Instrumentenbauer inspirierte. Mit einer Geschichte von über 3000 Jahren zählt der Sheng zu den ältesten noch gespielten Instrumenten Chinas und war bereits fester Bestandteil der höfischen Ritualmusik (Yayue). Er besteht aus einer Windkammer, in die eine Reihe von Bambus- oder Metallpfeifen unterschiedlicher Länge gesteckt ist, von denen jede eine eigene, winzige Metallzunge sowie ein Fingerloch besitzt.
Wie klingt der Sheng?
Der Klang des Sheng ist hell, obertonreich und ungewöhnlich vielseitig, weil das Instrument, anders als die meisten Blasinstrumente, sowohl beim Ausatmen als auch beim Einatmen Töne erzeugt: Jede Pfeife klingt, sobald ihr Fingerloch geschlossen und gleichzeitig Luft durch die zugehörige Metallzunge strömt, unabhängig von der Richtung. Dadurch kann der Spieler ohne Unterbrechung durchgehend spielen und, im Gegensatz zu fast allen anderen traditionellen chinesischen Instrumenten, sogar mehrere Töne gleichzeitig als Akkorde erzeugen. Der Gesamteindruck ist ein schwebender, orgelartiger Klang mit einer warmen, leicht schnarrenden Klangfarbe.
Woraus besteht der Sheng?
Die Windkammer, früher aus einem ausgehöhlten Flaschenkürbis, heute meist aus lackiertem Holz oder Metall, trägt 17 bis 38 Pfeifen aus Bambus oder Metall, die kreisförmig angeordnet sind. Am unteren Ende jeder Pfeife sitzt im Inneren der Windkammer eine hauchdünne Metallzunge, die exakt auf einen Ton gestimmt ist; ein Fingerloch an der Außenseite der jeweiligen Pfeife entscheidet, ob diese Pfeife beim Blasen oder Ziehen mitklingt. Moderne Konzert-Sheng verfügen zusätzlich über Klappenmechaniken, mit denen sich auch chromatische Tonfolgen spielen lassen, und existieren als ganze Instrumentenfamilie von der hohen Sopran- bis zur tiefen Bass-Ausführung für den Einsatz im chinesischen Orchester. Neben dem traditionellen 17-röhrigen Sheng haben sich im 20. Jahrhundert erweiterte Bauformen mit 21, 24, 36 oder sogar 37 Pfeifen durchgesetzt, die einen deutlich größeren Tonumfang und volle Chromatik ermöglichen und vor allem in modernen chinesischen Orchestern zum Einsatz kommen.
Wie spielt man den Sheng?
Der Sheng wird mit beiden Händen gehalten; das Mundstück am unteren Ende der Windkammer wird angeblasen beziehungsweise angesaugt, während die Finger beider Hände die Löcher der gewünschten Pfeifen verschließen. Weil sowohl Blasen als auch Ziehen Töne erzeugt, kann der Spieler durchgehend, ohne Atempausen, phrasieren, eine Eigenschaft, die es im westlichen Blasinstrumentarium so nicht gibt. Traditionell dient der Sheng vor allem als harmonisches Begleitinstrument: Durch gleichzeitiges Öffnen mehrerer Löcher lassen sich Akkorde und Bordunklänge erzeugen, die eine Melodiestimme, etwa einer Bambusflöte (Dizi) oder einer Erhu, unterlegen. In der zeitgenössischen Musik wird der Sheng zunehmend auch solistisch eingesetzt, mit erweiterten Spieltechniken wie Zungenschlag, Glissandi und perkussiven Klappengeräuschen. Weil der Ton unmittelbar mit dem Luftstrom einsetzt und endet, lassen sich zudem sehr präzise Attacken und Phrasierungen erzielen, was den Sheng zu einem der artikulationsfähigsten Blasinstrumente der chinesischen Musiktradition macht.
Typische Musikstile mit dem Sheng
Historisch war der Sheng Teil der konfuzianischen Ritual- und Hofmusik sowie der Kammermusiktradition Jiangnan Sizhu ("Seide und Bambus aus dem Süden des Jangtsekiang") und wird bis heute in nahezu jedem chinesischen Orchester (Guoyue) als harmonisches Rückgrat der Bläsergruppe eingesetzt. Seit den 2000er-Jahren hat der aus Shanghai stammende Virtuose Wu Wei das Repertoire des Instruments radikal erweitert: Er hat über 200 neue Werke für Sheng uraufgeführt, darunter Solokonzerte zeitgenössischer Komponisten wie Unsuk Chins "Su" (2009) für Sheng und Orchester. Auch Wu Tong, Gründungsmitglied von Yo-Yo Mas Silk Road Ensemble, verbindet den traditionellen Sheng-Klang mit Folk- und Rockelementen. Textliche Erwähnungen des Sheng finden sich bereits im Shijing, dem "Buch der Lieder" aus dem 11. bis 7. Jahrhundert vor unserer Zeitrechnung, einer der ältesten erhaltenen chinesischen Textsammlungen überhaupt, ein Beleg für die außergewöhnlich lange, ununterbrochene Geschichte des Instruments in der chinesischen Musikkultur.
Bekannte Lieder mit dem Sheng
1. Unsuk Chin, "Su" (2009): Konzert für Sheng und Orchester, komponiert für und uraufgeführt von Wu Wei, eines der bekanntesten zeitgenössischen Sheng-Werke. 2. Guus Janssen, "Four Songs" (2008): ebenfalls für Wu Wei komponiert und fester Bestandteil seines Konzertrepertoires. 3. Wu Tong mit dem Silk Road Ensemble: verbindet traditionelle Sheng-Klänge mit zeitgenössischer Weltmusik auf zahlreichen Alben des von Yo-Yo Ma gegründeten Ensembles. 4. Jiangnan-Sizhu-Kammermusik: traditionelle Ensemblestücke aus der Region um Shanghai, in denen der Sheng gemeinsam mit Dizi-Flöte, Pipa und Erhu die harmonische Grundlage bildet. 5. Werke der höfischen Yayue-Tradition: die älteste erhaltene rituelle Verwendung des Sheng in der chinesischen Musikgeschichte, bis heute Referenzpunkt für Sheng-Spieler.




