Die Shinobue ist eine japanische Querflöte aus Bambus und gehört damit, wie die europäische Querflöte, zu den Aerophonen mit seitlichem Anblasloch. Sie entwickelte sich aus kontinentalen Vorbildern, die über China und Korea nach Japan gelangten, insbesondere aus der Ryūteki, der Flöte der höfischen Gagaku-Musik -, wurde jedoch zu einem einfacheren, volkstümlicheren Instrument vereinfacht. Gefertigt wird sie aus einem einzigen Stück Bambus (Shinodake), dessen Innenseite häufig mit Lack (Urushi) versiegelt ist; je nach gewünschter Tonlage variiert die Länge zwischen etwa 30 und 60 Zentimetern, weshalb Shinobue in verschiedenen genormten Stimmungen (Chōshi) hergestellt werden.
Wie klingt die Shinobue?
Der Klang der Shinobue ist hell, luftig und leicht rau, mit einem charakteristischen Atemgeräusch im Ton, das westlichen Flöten meist fehlt. Durch Kipptechniken des Kopfes (Meri und Kari) kann der Spieler die Tonhöhe stufenlos nach unten oder oben ziehen, was der Melodieführung eine typisch fließende, vokal anmutende Qualität verleiht. In hoher Lage klingt das Instrument durchdringend und festlich, in tiefer Lage weicher und melancholischer.
Woraus besteht die Shinobue?
Anders als eine einfache Röhre mit nur einem Blas- und einem Tonloch besitzt die Shinobue insgesamt sieben Löcher: ein seitliches Anblasloch (Utaguchi) nahe dem verschlossenen oberen Ende sowie sechs Grifflöcher, die mit den Fingern beider Hände abgedeckt werden. Es gibt zwei Grundtypen: "Uta-Shinobue" mit gleichmäßig verteilten Grifflöchern, die in fester Stimmung mit anderen Instrumenten zusammenspielen können, und "Hayashi-Shinobue" mit traditionell ungleichmäßigen Lochabständen, wie sie in der Festmusik verwendet werden. Ein an der Seite befestigtes Holzstäbchen oder eine ähnliche mechanische Vorrichtung existiert nicht, die Tonerzeugung erfolgt ausschließlich durch den Anblaswinkel und das Abdecken der Grifflöcher mit den Fingern, genau wie bei jeder anderen Querflöte.
Wie spielt man die Shinobue?
Die Shinobue wird seitlich gehalten und quer angeblasen wie eine westliche Querflöte oder Piccoloflöte: Der Luftstrom wird über die Kante des Anblaslochs gerichtet, wobei der Ansatz der Lippen über Tonhöhe und Klangfarbe entscheidet. Die sechs Grifflöcher werden mit den Fingerspitzen beider Hände abgedeckt; durch Halb- oder Teilabdecken einzelner Löcher sowie durch Kippen des Kopfes lassen sich Vierteltöne und gleitende Übergänge zwischen den Tönen erzeugen. In der Festmusik wird die Shinobue oft improvisatorisch und mit kräftigem, durchdringendem Ansatz gespielt, um sich gegen laute Taiko-Trommeln durchzusetzen, während sie in ruhigeren Ensembles wie der Kabuki-Bühnenmusik zurückhaltender und subtiler eingesetzt wird.
Typische Musikstile mit der Shinobue
Die Shinobue ist das zentrale Melodieinstrument der Matsuri-Bayashi, der Festmusik-Ensembles, die traditionelle japanische Sommerfeste wie das Gion Matsuri in Kyoto, das Kanda Matsuri und das Sanja Matsuri in Tokio begleiten, meist zusammen mit Taiko-Trommeln und der kleinen Handglocke Kane. Daneben ist sie fester Bestandteil der Begleitmusik im Kabuki-Theater (Geza-Musik) sowie, in der nahe verwandten Form der Nōkan, im Noh-Theater. In der rituellen Shinto-Tanzmusik Kagura sowie bei Bon-Odori-Tänzen im Sommer begleitet sie ebenfalls Gesang und Tanz.
Bekannte Lieder mit der Shinobue
1. "Kokiriko Bushi": das als ältestes überliefertes Volkslied Japans geltende Stück aus der Region Gokayama in der Präfektur Toyama, traditionell mit Kokiriko-Klanghölzern, Sasara-Rasseln und Shinobue begleitet. 2. Gion-Bayashi (Kyoto): das Festmusik-Repertoire des Gion Matsuri, bei dem die Shinobue gemeinsam mit Trommeln und Gongs von fahrenden Festwagen erklingt. 3. Edo-Bayashi / Kanda- und Sanja-Matsuri (Tokio): traditionelle Festmusik-Stücke, in denen die Shinobue die Hauptmelodie über dem Taiko-Rhythmus führt. 4. "Kagome Kagome": ein traditionelles japanisches Kinder- und Ringelreihen-Lied ohne bekannten Komponisten, das zum festen Repertoire japanischer Volksliedsammlungen gehört und gelegentlich instrumental von der Shinobue begleitet wird. 5. Kabuki-Geza-Musik: die Off-Bühnen-Begleitmusik klassischer Kabuki-Stücke, in der die Shinobue Wetter-, Jahreszeiten- und Stimmungseffekte erzeugt.




