Die Quena ist ein Aerophon: eine an beiden Enden offene Kerbflöte aus dem südamerikanischen Andenraum, die randgeblasen, also ohne Anblasröhrchen oder Mundstück, gespielt wird. Ihre Ursprünge reichen bis weit in die präinkaische Zeit zurück, archäologische Funde datieren früheste Vorläufer auf etwa 900 v. Chr.; damit zählt sie zu den ältesten bekannten Blasinstrumenten Südamerikas. Der Name "Quena" stammt aus dem Quechua und bezeichnet ganz allgemein eine Flöte. Sie ist bis heute das zentrale Melodieinstrument der Andenmusik Perus, Boliviens, Ecuadors und Kolumbiens und wird traditionell überwiegend von Männern gespielt, während Frauen in vielen Andengemeinschaften eher andere Instrumente wie die Panflöte übernehmen.
Wie klingt die Quena?
Der Klang der Quena ist warm, weich und charakteristisch "luftig" mit einer leicht rauen, obertonreichen Klangfarbe, die durch das offene Anblasprinzip entsteht, ein Effekt, den geschlossene, mit Mundstück versehene Flöten wie die europäische Blockflöte nicht erzeugen können. Der oft als melancholisch beschriebene Ton macht die Quena zum emotionalen Zentrum vieler Andenmelodien; besonders in der tiefen Lage kann der Ton fast rau und hauchig, in der hohen Lage dagegen durchdringend hell klingen.
Woraus besteht die Quena?
Die Quena besteht aus einem Rohr aus Bambus oder Schilfrohr (Caña), das an beiden Enden offen ist, es gibt weder ein Mundstück noch einen verschließenden Pfropfen an einem der beiden Enden. Am oberen Ende ist eine V- oder U-förmige Kerbe eingeschnitten, über deren Kante die Luft geblasen wird, ganz ähnlich wie beim Blasen über den Rand einer Flasche. Traditionell wird das Rohr aus der Andenbambusart "Chuqui" oder verwandten Schilfrohrarten gefertigt; die genaue Länge, meist zwischen 30 und 40 Zentimetern, bestimmt zusammen mit dem Innendurchmesser die Grundtonlage des Instruments.
Auf der Vorderseite des Rohres befinden sich sechs Grifflöcher, ein siebtes Daumenloch sitzt auf der Rückseite; zusammen erlauben sie eine diatonische Tonleiter über gut zwei Oktaven. Historisch wurden Quenas auch aus Knochen (etwa Kondorknochen) oder Ton gefertigt, heute dominiert Bambus. Neben der Standard-Quena existiert die größere, tiefer klingende Quenacho sowie diverse regionale Bauformen mit leicht abweichender Lochanordnung, etwa in Bolivien und im südlichen Peru.
Wie spielt man die Quena?
Die Quena wird schräg nach unten vom Mund weggehalten. Die Unterlippe lenkt den Luftstrom über die Kerbe am offenen oberen Ende, wo er sich teilt und den namensgebenden Flötenton erzeugt, ein reines Kantenton-Prinzip ganz ohne Mundstück, das anfangs deutlich mehr Übung erfordert als etwa eine Blockflöte.
Die Tonhöhe wird durch das Öffnen und Schließen der sechs Grifflöcher sowie des Daumenlochs bestimmt; durch Überblasen lässt sich zusätzlich die zweite Oktave erreichen. Anblaswinkel, Lippenspannung und Luftdruck beeinflussen Klangfarbe und Intonation fein, weshalb erfahrene Quena-Spielerinnen und -Spieler den Ton sehr expressiv gestalten und Verzierungen wie schnelle Läufe, Triller oder gezielte Überblastöne einsetzen können.
In vielen andinen Ensembles werden Quenas nicht einzeln, sondern in ganzen Sätzen unterschiedlicher Stimmlagen gespielt, sogenannten "Tropas" -, bei denen mehrere gleich gebaute Instrumente in Terzen oder Oktaven parallel geführt werden, was dem Ensembleklang seine charakteristische, leicht raue Fülle verleiht. Wichtig ist zudem eine stabile, gleichmäßige Atemführung, da die Tonqualität, anders als bei gedeckten Flöten, sehr unmittelbar von Luftdruck und Ansatz abhängt.
Typische Musikstile mit der Quena
Die Quena ist das melodieführende Kerninstrument der andinen Volksmusik, insbesondere des Huayno sowie verwandter Genres wie Yaraví und Kachampa. Traditionell spielt sie im Ensemble mit Charango, Panflöten (Siku/Zampoña) und der Basstrommel Bombo Legüero. Neben dem Huayno prägt die Quena auch getragenere, langsamere Formen wie den Yaraví, der oft als musikalischer Ausdruck von Sehnsucht und Verlust beschrieben wird, sowie festliche Tänze wie die Kachampa, die ursprünglich mit kriegerischer Symbolik verbunden war.
Ab den 1960er- und 1970er-Jahren trug die "Nueva Canción"- und Andenfolk-Bewegung, mit Gruppen wie Los Incas, Los Kjarkas und Inti-Illimani, entscheidend dazu bei, die Quena und ihre Musik weit über Südamerika hinaus bekannt zu machen.
Bekannte Lieder mit der Quena
1. "El Cóndor Pasa": Ursprünglich 1913 vom peruanischen Komponisten Daniel Alomía Robles für eine Zarzuela geschrieben, wurde die Melodie durch die Version "El Condor Pasa (If I Could)" von Simon & Garfunkel (1970), die auf einer Aufnahme der Gruppe Los Incas basiert, weltberühmt; die Quena trägt darin die charakteristische Melodiestimme, und das Stück wurde 2004 in Peru offiziell zum nationalen Kulturerbe erklärt. 2. Los Kjarkas: Die bolivianische Folkgruppe, in deren Musik die Quena eine tragende Rolle spielt; ihr Stück "Llorando se fue" wurde später ohne Genehmigung als Grundlage für den internationalen Hit "Lambada" der Band Kaoma verwendet, was einen bekannten Rechtsstreit auslöste. 3. Inti-Illimani: Das chilenische Nueva-Canción-Ensemble, das die Quena in zahlreichen bis heute bekannten Aufnahmen einsetzt und nach dem Militärputsch von 1973 ins europäische Exil gehen musste, von wo aus es wesentlich zur weltweiten Verbreitung der Andenmusik beitrug. 4. Uña Ramos: Argentinischer Quena-Virtuose, der lange in Paris lebte und als einer der ersten Musiker gilt, die das Instrument einem breiten europäischen Konzertpublikum bekannt machten. 5. Huayno: Der wichtigste traditionelle Andentanz- und Musikstil im charakteristischen Zweiertakt mit synkopiertem Rhythmus, in dem die Quena traditionell gemeinsam mit Charango und Zampoña die Melodie führt.




