Ein elektrisches Klavier erzeugt seinen Ton mechanisch, aber nicht akustisch: Beim Tastendruck schlägt ein Hammer gegen eine schwingende Metallzunge oder einen Metallstift statt gegen eine Saite, und ein elektrischer Tonabnehmer wandelt diese Schwingung in ein Signal um. Erst ein Verstärker macht daraus einen hörbaren Ton, denn ein Resonanzboden wie beim akustischen Klavier fehlt. Die beiden bekanntesten Bauarten, das Fender Rhodes und das Wurlitzer-E-Piano, entstanden in den 1950er- und 1960er-Jahren in den USA und nutzen dabei zwei unterschiedliche Tonabnehmer-Prinzipien. Von modernen Digitalpianos, die denselben Klang rein elektronisch aus Samples oder einem Klangmodell berechnen, unterscheidet sich das elektrische Klavier durch genau dieses schwingende Metallteil.
Was ist ein elektrisches Klavier?
Ein elektrisches Klavier ist ein Tasteninstrument, dessen Hammermechanik nicht auf Saiten trifft, sondern auf ein freischwingendes Metallteil, dessen Bewegung ein Tonabnehmer in ein elektrisches Signal umsetzt. Das unterscheidet den Begriff im engeren, historischen Sinn von zwei Nachbarn: Ein akustisches Klavier besitzt einen eigenen Resonanzboden und braucht keinen Verstärker, ein Synthesizer dagegen erzeugt seine Wellenform rein elektronisch, ganz ohne mechanisch schwingendes Bauteil. Im heutigen Handel dient E-Piano meist als Sammelbegriff für digitale Pianos ohne Klangerzeuger aus Metall; dieser Artikel beschreibt die elektromechanischen Instrumente, wie sie ab den 1950er-Jahren gebaut wurden.
Wie erzeugt ein elektrisches Klavier seinen Ton?
Ein elektrisches Klavier erzeugt seinen Ton über eine Hammermechanik, die beim Tastendruck ein Hämmerchen gegen ein Metallteil schnellen lässt. Bei den beiden historischen Hauptbauarten unterscheiden sich sowohl das getroffene Bauteil als auch das Abnahmeprinzip grundlegend, auch wenn beide ohne Resonanzboden auskommen und erst über einen Verstärker hörbar werden.
| Merkmal | Fender Rhodes | Wurlitzer-E-Piano |
|---|---|---|
| Klangerzeuger | Tine mit Tonebar (Stimmgabel-Prinzip) | Flache Stahlzunge (Reed) |
| Tonabnehmer-Prinzip | Elektromagnetisch, wie bei einer E-Gitarre | Elektrostatisch, mit Hochspannung |
| Erster Erfinder | Harold Rhodes | Benjamin Miessner |
| Erstes Serienmodell | Fender Rhodes (Vollmodell 1965) | Wurlitzer EP-110 (1954) |
| Resonanzboden | keiner | keiner |
Beide Bauformen bauen flacher als ein akustisches Klavier, weil die Metallteile weit weniger Raum brauchen als gespannte Klaviersaiten samt Resonanzboden.
Was unterscheidet Tine und Reed als Klangerzeuger?
Eine Tine, wie sie im Fender Rhodes verbaut ist, bildet zusammen mit einer darüber angebrachten Tonebar eine asymmetrische Stimmgabel: Der Hammer schlägt den dünnen Metallstift an, die Tonebar stimmt und stützt die Schwingung, und eine elektromagnetische Spule direkt neben der Tine nimmt die Bewegung ab, nach demselben Prinzip wie ein Tonabnehmer an einer E-Gitarre.
Eine Stahlzunge, das Reed im Wurlitzer-E-Piano, schwingt dagegen neben einer feststehenden Metallplatte. Zwischen Zunge und Platte liegt eine Gleichspannung von etwa 180 Volt an; die Schwingung verändert den Abstand und damit die elektrische Kapazität zwischen beiden Teilen, und genau diese Kapazitätsänderung erzeugt das Tonsignal. Der Ingenieur Benjamin Miessner hatte dieses elektrostatische Abnahmeprinzip bereits Anfang der 1930er-Jahre an einem umgebauten akustischen Flügel erprobt, bevor Wurlitzer es 1954 mit dem Modell EP-110 in Serie brachte.
Wie klingt ein elektrisches Klavier?
Das Fender Rhodes klingt vergleichsweise arm an hohen Obertönen und deshalb warm und glockenähnlich, weil die Tonebar die Schwingung der Tine dämpft und glättet; nach dem perkussiven Anschlag klingt der Ton weich aus. Das Wurlitzer-E-Piano liefert bei starkem Anschlag einen obertonreicheren, bissigeren Klang, weil die Stahlzunge dann stärker ausschlägt und die elektrostatische Abnahme früher an ihre Grenze gerät.
Die Vibrato-Schaltung des Rhodes-Suitcase-Verstärkers moduliert nicht die Tonhöhe. Sie verändert periodisch die Lautstärke und ist technisch eine Tremolo-Schaltung; die Bezeichnung Vibrato übernahm Fender aus der Beschriftung der eigenen Gitarrenverstärker.
Wie spielt man ein elektrisches Klavier?
Ein elektrisches Klavier reagiert wie ein akustisches Klavier auf die Anschlagsgeschwindigkeit: Ein harter Anschlag klingt lauter und heller, ein weicher Anschlag bleibt leiser und wärmer. Die Tastenmechanik fällt dabei leichter aus als bei einem akustischen Konzertflügel, weil kein schwerer Hammerkopf gegen eine gespannte Stahlsaite arbeitet, sondern gegen eine dünne Tine oder Stahlzunge. Ein Sustain-Pedal hebt bei beiden Bauarten die Dämpfung auf und lässt den angeschlagenen Ton länger ausklingen, so wie das rechte Pedal am akustischen Klavier.
Woher stammt das elektrische Klavier?
Harold Rhodes entwickelte sein Instrument ab den 1940er-Jahren zunächst als tragbares Übungsklavier für verwundete Soldaten, die er während des Zweiten Weltkriegs am Klavier unterrichtete. Nach dem Krieg gründete er die Rhodes Piano Corporation. Fender brachte 1959 mit dem Piano Bass eine erste, auf das Bassregister verkürzte Bauform auf den Markt, und erst nach der vollständigen Übernahme durch Fender im Jahr 1965 folgte das komplette, 73-tastige Instrument, das Jazzmusiker wie Chick Corea und Joe Zawinul rasch zu ihrem Markenzeichen machten.
Das Wurlitzer-E-Piano geht auf den Ingenieur Benjamin Miessner zurück, der das elektrostatische Abnahmeprinzip bereits Anfang der 1930er-Jahre an einem umgebauten akustischen Flügel erprobte. Wurlitzer brachte 1954 mit dem Modell EP-110 das erste Serienmodell heraus, dem 1955 die Nachfolgemodelle 111 und 112 folgten.
Welche Musik prägt das elektrische Klavier?
Ray Charles setzte ab 1956 auf Tourneen ein Wurlitzer-E-Piano ein, weil er der Stimmung der vor Ort bereitgestellten akustischen Klaviere nicht traute. Sein Hit "What'd I Say" von 1959 entstand improvisiert auf genau diesem Instrument und machte den Wurlitzer-Klang einem breiten Publikum bekannt. Das Fender Rhodes prägte von den späten 1960er- bis in die 1970er-Jahre den Sound von Jazz, Soul und Funk mit; Billy Preston spielte 1969 ein Rhodes-Suitcase-Piano bei den Aufnahmen zu "Get Back" der Beatles und erhielt dafür als einziger Studiomusiker eine Namensnennung auf der Single-Veröffentlichung.
Häufige Fragen zum elektrischen Klavier
Was ist der Unterschied zwischen einem elektrischen Klavier und einem Digitalpiano?
Ein elektrisches Klavier erzeugt seinen Ton über ein schwingendes Metallteil, eine Tine oder eine Stahlzunge, das ein Tonabnehmer elektrisch abnimmt. Ein Digitalpiano besitzt kein schwingendes Klangbauteil, sondern spielt gespeicherte Samples ab oder berechnet den Klang über ein mathematisches Modell. Die Abgrenzung von Digitalpiano und Keyboard erklärt der Artikel zum Keyboard.
Braucht ein elektrisches Klavier einen Verstärker?
Ja, ein elektrisches Klavier braucht zwingend einen Verstärker, weil ihm der Resonanzboden eines akustischen Klaviers fehlt. Ohne Verstärkung erzeugt die schwingende Tine oder Stahlzunge nur einen sehr leisen, kaum hörbaren Ton. Modelle wie das Fender Rhodes Suitcase bauen Verstärker und Lautsprecher direkt in das Gehäuse ein, andere Modelle brauchen ein externes Gerät.
Was unterscheidet Fender Rhodes und Wurlitzer?
Fender Rhodes und Wurlitzer unterscheiden sich im Klangerzeuger und im Tonabnehmer-Prinzip. Beim Fender Rhodes schlägt der Hammer eine Tine an, die eine elektromagnetische Spule abnimmt, ähnlich wie bei einer E-Gitarre. Beim Wurlitzer-E-Piano trifft der Hammer eine Stahlzunge, deren Schwingung über ein elektrostatisches, mit Hochspannung arbeitendes Prinzip abgenommen wird. Daraus ergeben sich unterschiedliche Klangfarben: das Rhodes warm und glockenähnlich, der Wurlitzer bissiger bei starkem Anschlag.
Ist ein modernes E-Piano dasselbe wie ein elektrisches Klavier im historischen Sinn?
Nein, ein modernes E-Piano ist meist nicht dasselbe Instrument wie ein elektrisches Klavier im historischen Sinn. Der Handel nutzt E-Piano heute überwiegend als Kurzform für ein digitales Piano, das seinen Klang rein elektronisch aus Samples oder einem Modell erzeugt und keine schwingenden Metallteile besitzt. Das elektrische Klavier im engeren, historischen Sinn, wie das Fender Rhodes oder das Wurlitzer-Modell, arbeitet dagegen elektromechanisch mit einem echten Klangerzeuger aus Metall. Kaufkriterien für beide Bauarten nennt der Ratgeber Klavier kaufen.




