Schlaflieder sind Wiegenlieder, die ein Kind zur Ruhe bringen sollen. Sie haben einen kleinen Tonumfang, ein langsames Tempo und einen gleichmäßigen Puls, oft im Dreiertakt. Die Wirkung entsteht durch Wiederholung und Vorhersehbarkeit, nicht durch eine bestimmte Melodie: Dasselbe Lied jeden Abend trägt weiter als jeden Abend ein anderes. Der überlieferte Bestand ist gemeinfrei, moderne Schlaflieder sind es nicht.
Was macht ein Schlaflied aus?
Ein Schlaflied hat vier Merkmale, die sich benennen lassen. Der Tonumfang bleibt klein, damit die singende Person ihn ohne Anstrengung und ohne Lautstärke trifft. Das Tempo liegt niedrig und bleibt gleich, ohne Beschleunigung am Zeilenende. Der Puls läuft regelmäßig, meist im Dreiertakt oder in einem ruhigen Vierer, und die Betonung fällt schwach aus. Und die Form wiederholt sich: gleiche Melodie in jeder Strophe, gleiche Zeilenlänge, oft eine wiederkehrende Schlusszeile.
Was ein Schlaflied nicht braucht, ist Schönheit im Sinne eines Konzerts. Die Stimme der vertrauten Person wirkt stärker als jede Aufnahme, und eine unsichere Stimme stört das Kind nicht. Wer die Melodie nicht sicher trifft, summt sie, ohne dass der Effekt verlorengeht.
Nicht die Melodie bringt ein Kind zur Ruhe, sondern die Wiederholung. Ein Schlaflied wirkt als Signal: Es kündigt jeden Abend denselben Ablauf an. Deshalb schlägt ein einziges Lied, täglich am selben Punkt des Abends gesungen, jede noch so große Sammlung.
Welche Schlaflieder gehören zum Grundbestand?
Der deutschsprachige Grundbestand umfasst rund ein halbes Dutzend Lieder, die seit dem 18. und 19. Jahrhundert weitergegeben werden. Die Tabelle trennt Text und Melodie, weil bei mehreren dieser Lieder verschiedene Personen dafür verantwortlich sind.
| Lied | Text | Melodie | Rechtsstand |
|---|---|---|---|
| Guten Abend, gut Nacht | Des Knaben Wunderhorn, zweite Strophe von Georg Scherer | Johannes Brahms, 1868 | gemeinfrei |
| Der Mond ist aufgegangen | Matthias Claudius, 1779 | Johann Abraham Peter Schulz, 1790 | gemeinfrei |
| Schlaf, Kindlein, schlaf | überliefert | Volksweise | gemeinfrei |
| Weißt du, wie viel Sternlein stehen | Wilhelm Hey, 19. Jahrhundert | Volksweise | gemeinfrei |
| Guter Mond, du gehst so stille | überliefert | Volksweise | gemeinfrei |
| Die Blümelein, sie schlafen | überliefert | Volksweise, gesetzt von Johannes Brahms | gemeinfrei |
| La Le Lu | Heino Gaze, 1955 | Heino Gaze | geschützt |
Guten Abend, gut Nacht ist das bekannteste Wiegenlied und stammt trotzdem nicht aus dem Volksmund: Johannes Brahms komponierte die Melodie 1868 als Kunstlied, sein Wiegenlied op. 49 Nr. 4. Der Mond ist aufgegangen zählt streng genommen zu den Abendliedern, nicht zu den Wiegenliedern. Matthias Claudius schrieb den Text 1779, Johann Abraham Peter Schulz die heute gesungene Melodie 1790.
In welchem Takt stehen Schlaflieder?
Schlaflieder stehen meist im Dreiertakt oder in einem ruhigen Vierer. Das Wiegenlied von Brahms notiert einen 3/4-Takt. Der Dreier hat einen praktischen Grund: Er trägt eine Schaukelbewegung, weil auf jeden betonten Schlag zwei unbetonte folgen. Wer ein Kind dabei wiegt oder den eigenen Oberkörper bewegt, findet in dieser Gruppierung von selbst einen gleichmäßigen Rhythmus. Welche Taktarten es sonst gibt und wie sie sich unterscheiden, erklärt der Artikel zu den Taktarten.
Wichtiger als der Takt ist das Tempo. Ein Schlaflied verträgt es, deutlich langsamer gesungen zu werden als notiert. Beschleunigen ist der häufigste Fehler, und er fällt auf, sobald das Lied zum zweiten Mal beginnt.
Welchen Tonumfang brauchen Schlaflieder?
Die überlieferten Schlaflieder bleiben in einem engen Tonumfang, meist innerhalb einer Sexte. Das ist der Bereich, den eine ungeübte Stimme leise und ohne Druck trifft, und darauf kommt es an: Ein Schlaflied wird halblaut gesungen, und in der Höhe wird jede Stimme unwillkürlich lauter. Kunstlieder wie das Wiegenlied von Brahms verlangen mehr Umfang und liegen damit außerhalb dessen, was viele Eltern bequem singen. Wer es trotzdem singen will, setzt es tiefer an.
Warum beruhigen Schlaflieder?
Schlaflieder beruhigen über drei Wege, die nichts mit einer bestimmten Melodie zu tun haben. Der erste ist die Vorhersehbarkeit: Ein Kind, das den nächsten Ton und die nächste Zeile kennt, muss nicht mehr aufmerksam zuhören. Der zweite ist der gleichmäßige Puls, den das Kind über Wiegen oder Streichen körperlich mitbekommt. Der dritte ist das Ritual: Das immer gleiche Lied markiert den Übergang zum Schlafen und macht ihn dadurch berechenbar.
Daraus folgt eine praktische Regel. Ein neues Lied jeden Abend erhöht die Aufmerksamkeit, statt sie zu senken. Wer eine Wirkung will, wählt ein Lied und bleibt monatelang dabei.
Welche Schlaflieder darf man aufnehmen?
Aufnehmen und veröffentlichen darf man Schlaflieder, deren Urheber vor mehr als 70 Jahren gestorben sind. Das trifft auf den gesamten überlieferten Bestand zu: Brahms starb 1897, Claudius 1815, Schulz 1800. Guten Abend, gut Nacht und Der Mond ist aufgegangen sind damit frei, in Text wie Melodie.
Wer am Bett singt, braucht ohnehin keine Erlaubnis. Sobald ein Video oder eine Aufnahme öffentlich wird, zählt der Rechtsstand des Liedes. La Le Lu von Heino Gaze aus dem Jahr 1955 ist geschützt, ebenso alles, was in den letzten Jahrzehnten neu entstanden ist. Wer die Frage vermeiden will, greift auf den überlieferten Volksliedbestand zurück.
Häufige Fragen zu Schlafliedern
Welches Schlaflied ist das bekannteste?
Das bekannteste Schlaflied im deutschen Sprachraum ist Guten Abend, gut Nacht. Der Text der ersten Strophe stammt aus der Sammlung Des Knaben Wunderhorn, die zweite Strophe von Georg Scherer, die Melodie komponierte Johannes Brahms 1868 als sein Wiegenlied op. 49 Nr. 4. Das Lied ist in Text und Melodie gemeinfrei.
Ab wann wirken Schlaflieder bei Babys?
Schlaflieder wirken bei Babys von Anfang an, allerdings nicht über die Melodie, sondern über die vertraute Stimme und den gleichmäßigen Puls. Entscheidend ist, dass dasselbe Lied täglich an derselben Stelle des Abendablaufs kommt. Ein wechselndes Repertoire nimmt dem Lied genau die Signalwirkung, auf der die Beruhigung beruht.
In welchem Takt stehen die meisten Schlaflieder?
Die meisten Schlaflieder stehen im Dreiertakt oder in einem ruhigen Vierertakt. Das Wiegenlied von Brahms notiert einen 3/4-Takt. Der Dreier trägt eine Schaukelbewegung, weil auf jeden betonten Schlag zwei unbetonte folgen, und passt damit zum Wiegen.
Muss man für Schlaflieder singen können?
Für Schlaflieder muss niemand singen können. Der Effekt hängt an Wiederholung, Tempo und der vertrauten Stimme, nicht an Treffsicherheit. Wer die Melodie nicht sicher findet, summt sie oder setzt sie tiefer an. Wichtiger ist, dass das Tempo bis zum Schluss gleich bleibt.




