Elektrische Orgel

6 Min. Lesezeit
Bild: leolintang / Shutterstock.com
Bild: leolintang / Shutterstock.com

Zusammenfassung

Die elektrische Orgel erzeugt ihren Ton elektromechanisch: rotierende Tonräder laufen an magnetischen Tonabnehmern vorbei und liefern eine elektrische Wechselspannung, keine schwingende Luftsäule wie bei der Pfeifenorgel. Das bekannteste Modell ist die 1935 vorgestellte Hammond-Orgel, deren Zugriegel Obertöne einzeln zumischen. Der rotierende Leslie-Lautsprecher moduliert Tonhöhe und Lautstärke und gehört zu ihrem charakteristischen Klang. Spätere Modelle ersetzten die Tonräder durch elektronische Oszillatoren, woraus Keyboard und Synthesizer hervorgingen.

Die elektrische Orgel erzeugt ihren Ton elektromechanisch, nicht durch Luft in Pfeifen wie die Pfeifenorgel. Bei der klassischen Bauform, der 1935 vorgestellten Hammond-Orgel, laufen kleine Metallscheiben mit gewelltem Rand, die Tonräder, an magnetischen Tonabnehmern vorbei und erzeugen dabei eine elektrische Wechselspannung. Neun Zugriegel je Manual mischen Grundton und Obertöne einzeln zu, benannt nach denselben Fußzahlen wie die Register einer Pfeifenorgel. Der rotierende Leslie-Lautsprecher verändert Tonhöhe und Lautstärke durch seine Drehung und gilt als festes Zubehör des Hammond-Klangs. Spätere Bauformen ersetzten die Tonräder durch elektronische Oszillatoren und führten zu Keyboard und Synthesizer.

1935Marktstart der Hammond-Orgel
91Tonräder im Generator einer vollwertigen Hammond-Orgel
9Zugriegel je Manual
2Rotationsstufen am Leslie-Lautsprecher

Was ist eine elektrische Orgel?

Eine elektrische Orgel erzeugt ihren Ton mit elektromechanischen oder elektronischen Bauteilen statt mit einer schwingenden Luftsäule in Pfeifen. Der Begriff bezeichnet im engeren Sinn Instrumente wie die Hammond-Orgel, deren Tonerzeugung über rotierende Tonräder läuft. Der US-amerikanische Erfinder Laurens Hammond meldete das Verfahren 1934 zum Patent an, im April 1935 stellte der Organist Pietro Yon das erste Modell öffentlich in New York vor. Spätere Heimorgeln erzeugten den Ton rein elektronisch über Transistor- oder IC-Oszillatoren, weshalb der Sprachgebrauch für solche Geräte eher von der elektronischen Orgel spricht, auch wenn beide Bezeichnungen im Alltag oft vermischt werden.

Wie erzeugt die elektrische Orgel ihren Ton?

Ein Synchronmotor dreht bei einer vollwertigen Hammond-Orgel wie der B-3 insgesamt 91 Tonräder, dünne Metallscheiben mit gewelltem Rand, an feststehenden magnetischen Tonabnehmern vorbei. Die Welligkeit des Randes verändert den magnetischen Fluss periodisch und induziert eine nahezu sinusförmige Wechselspannung, deren Frequenz die Tonhöhe bestimmt. Tastenkontakte schalten für jede gedrückte Taste mehrere Tonräder gleichzeitig zu, und neun Zugriegel je Manual regeln, wie laut Grundton und Obertöne in der Mischung erklingen. Die Zugriegel tragen dieselben Fußbezeichnungen wie die Register einer Pfeifenorgel, etwa 8 Fuß für den Grundton und 4 Fuß für die Oktave darüber, obwohl kein Pfeifenwind dahintersteckt.

Die neun Zugriegel der Hammond-Orgel Suboktave 16' Quinte 5 1/3' Grundton 8' Oktave 4' Quinte 2 2/3' Doppeloktave 2' Terz 1 3/5' Quinte 1 1/3' Dreifachoktave 1'
Die Fußzahl jedes Zugriegels bezeichnet die Länge der entsprechenden Orgelpfeife: Je kürzer die Fußzahl, desto höher der Ton. Die ersten beiden Riegel bilden eine tiefere Nebengruppe, die übrigen sieben folgen der Obertonreihe über dem Grundton.
MerkmalElektrische Orgel
EinordnungElektrophon, Tasteninstrument mit elektrischer Tonerzeugung
Klassische BauformHammond-Orgel, vorgestellt 1935
TonerzeugungTonräder mit magnetischem Tonabnehmer, spätere Modelle mit elektronischen Oszillatoren
BedienelementeEin oder zwei Manuale, meist ein Bass-Pedal, neun Zugriegel je Manual
Charakteristisches ZubehörRotierender Leslie-Lautsprecher
Abgrenzung zur PfeifenorgelKein Pfeifenwind, keine schwingende Luftsäule

Was unterscheidet die elektrische Orgel von der Pfeifenorgel?

Die elektrische Orgel braucht weder Wind noch Pfeifen, die Pfeifenorgel dagegen erzeugt jeden Ton durch Luft, die durch eine abgestimmte Pfeife strömt. Bei der Pfeifenorgel legen Pfeifenlänge und Bauform Tonhöhe und Klangfarbe fest, bei der elektrischen Orgel übernehmen Tonrad und Zugriegel diese Aufgabe elektrisch. Deshalb wiegt eine elektrische Orgel deutlich weniger als eine vergleichbare Pfeifenorgel und passt in einen Transportkasten, während eine Pfeifenorgel fest in ein Gebäude eingebaut wird. Kirchen ohne Platz oder Budget für eine Pfeifenorgel setzen deshalb häufig auf elektrische oder elektronische Alternativen.

Wozu dient der Leslie-Lautsprecher an der elektrischen Orgel?

Der Leslie-Lautsprecher moduliert Tonhöhe und Lautstärke der elektrischen Orgel durch Rotation und gilt deshalb als deren charakteristisches Zubehör. Der Erfinder Don Leslie baute in das Gehäuse ein rotierendes Hochtonhorn und eine rotierende Basstrommel ein, die unabhängig voneinander drehen. Bei der langsamen Stufe, Chorale genannt, entsteht ein chorartiger, schwebender Klang, bei der schnellen Stufe, Tremolo genannt, ein flatterndes Vibrato. Weil die schwerere Basstrommel träger beschleunigt und abbremst als das leichte Horn, bleibt der Wechsel zwischen beiden Stufen deutlich hörbar.

Der Leslie-Lautsprecher gehört technisch nicht zur Orgel, sondern ist ein externes Effektgerät. Er lässt sich an jede elektrische Orgel mit passendem Ausgang anschließen und wurde später auch für E-Gitarre und Keyboard eingesetzt.

Wie hat sich die elektrische Orgel weiterentwickelt?

Ab den 1960er-Jahren ersetzten Hersteller die mechanischen Tonräder zunehmend durch elektronische Oszillatoren, die den Ton direkt aus einer Schaltung erzeugen statt aus einem rotierenden Bauteil. Diese Schaltungen lieferten zunächst rechteck- oder sägezahnförmige statt sinusförmige Wellenformen und klangen dadurch schärfer als die Tonrad-Orgel. Aus ihnen gingen die günstigeren Heimorgeln der siebziger und achtziger Jahre hervor sowie das Keyboard, das zusätzlich Rhythmusbegleitung und wechselnde Klangfarben mitbrachte. Der Synthesizer baute die Oszillatorschaltung weiter aus und formte daraus ein eigenständiges Instrument, das nicht mehr nur Orgelklänge nachbildete, sondern beliebige Klangfarben erzeugen konnte.

Welche Musikrichtungen prägte die elektrische Orgel?

In der Kirchenmusik ersetzte die elektrische Orgel häufig die teurere Pfeifenorgel, im Jazz begründete sie ein eigenes Genre. Der Organist Jimmy Smith etablierte in den 1950er-Jahren das Orgeltrio aus Hammond-Orgel, Gitarre und Schlagzeug und prägte damit den Soul-Jazz. Im Rock trieb Jon Lord von Deep Purple seine Hammond-Orgel über einen übersteuerten Gitarrenverstärker und schuf damit einen verzerrten Orgelklang, der bis dahin unüblich war. Beim Lied A Whiter Shade of Pale von Procol Harum aus dem Jahr 1967 trägt die Hammond-Orgel von Matthew Fisher die Melodie über weite Strecken, ein Beitrag, der später sogar Gegenstand eines Rechtsstreits um die Urheberschaft wurde.

Häufige Fragen zur elektrischen Orgel

Ist eine elektrische Orgel dasselbe wie eine elektronische Orgel?

Eine elektrische Orgel ist im engeren Sinn nicht dasselbe wie eine elektronische Orgel, auch wenn der Sprachgebrauch beide Begriffe oft vermischt. Die elektrische Orgel im klassischen Sinn, allen voran die Hammond-Orgel, erzeugt ihren Ton über rotierende Tonräder und einen magnetischen Tonabnehmer. Die elektronische Orgel erzeugt denselben Ton über eine Schaltung mit Oszillatoren, ohne bewegliche Tonerzeuger. Spätere Heimorgeln und Keyboards zählen deshalb eher zur elektronischen als zur elektrischen Bauform.

Wie funktioniert der Leslie-Lautsprecher bei der elektrischen Orgel?

Der Leslie-Lautsprecher moduliert den Ton der elektrischen Orgel, indem ein Hochtonhorn und eine Basstrommel im Gehäuse rotieren. Die Drehung verändert Tonhöhe und Lautstärke fortlaufend und erzeugt dadurch einen schwebenden oder flatternden Klang. Zwei Geschwindigkeitsstufen stehen zur Wahl, die langsame Chorale-Stufe und die schnelle Tremolo-Stufe. Der Lautsprecher ist ein externes Gerät, das an die elektrische Orgel angeschlossen wird, kein eingebauter Bestandteil.

Worin unterscheidet sich die elektrische Orgel von der Pfeifenorgel?

Die elektrische Orgel unterscheidet sich von der Pfeifenorgel in der Tonerzeugung: Sie braucht keine Luft und keine Pfeifen, sondern erzeugt den Ton über Tonräder und einen magnetischen Tonabnehmer. Die Pfeifenorgel bläst Luft durch abgestimmte Pfeifen und benötigt dafür ein festes Windsystem sowie viel Bauraum. Die elektrische Orgel ist dagegen deutlich kleiner, leichter und transportabel. Klanglich ahmen manche Zugriegel-Kombinationen Orgelregister nach, erreichen aber nicht die Vielfalt einer großen Pfeifenorgel.

Wer erfand die elektrische Orgel?

Der US-amerikanische Erfinder Laurens Hammond erfand die bekannteste Bauform der elektrischen Orgel, die Hammond-Orgel. Er meldete das Verfahren der Tonraderzeugung 1934 zum Patent an, 1935 stellte der Organist Pietro Yon das erste Modell öffentlich in New York vor. Ergänzt wurde die Erfindung später durch Don Leslie, der mit dem rotierenden Leslie-Lautsprecher das charakteristische Zubehör der elektrischen Orgel entwickelte.

Weitere Artikel in Tasteninstrumente

Elektrisches Klavier

Elektrisches Klavier

Ein elektrisches Klavier erzeugt seinen Ton mechanisch, aber nicht akustisch: Ein Hammer schlägt beim Tastendruck gegen eine schwingende Metallzunge oder einen Metallstift statt gegen eine Saite, und erst ein Tonabnehmer mit Verstärker macht daraus einen hörbaren Klang. Die beiden bekanntesten Bauarten, das Fender Rhodes und das Wurlitzer-E-Piano, entstanden in den 1950er- und 1960er-Jahren in den USA und nutzen dabei zwei unterschiedliche Tonabnehmer-Prinzipien, elektromagnetisch beim Rhodes und elektrostatisch beim Wurlitzer. Von modernen Digitalpianos, die denselben Klang rein elektronisch aus Samples oder einem Klangmodell berechnen, unterscheidet sich das elektrische Klavier durch dieses schwingende Metallteil. Jazz, Soul und Funk der 1960er- und 1970er-Jahre prägte der Klang beider Instrumente maßgeblich mit.

Elektronische Orgel

Elektronische Orgel

Eine elektronische Orgel erzeugt ihren Ton rein elektronisch über Oszillatoren, ohne Luftstrom wie die Pfeifenorgel und ohne rotierende Tonräder wie die Hammond-Orgel. Die US-Firma Allen Organ brachte 1939 das erste seriengefertigte Modell mit Röhren-Tonerzeugung auf den Markt, bis 1959 folgten Transistoren. In den 1970er Jahren eroberten Heimorgeln von Herstellern wie Farfisa, Yamaha und der deutschen Firma Wersi die Wohnzimmer, bis das Keyboard sie ab den 1990er Jahren verdrängte. Heute simulieren digitale Sakralorgeln mit Sampling-Technik den Klang einer Pfeifenorgel in Kirchen.

Flügel

Flügel

Ein Flügel ist ein Klavier in liegender Bauform. Seine rund 230 Stahlsaiten verlaufen waagerecht in einem flügelförmigen Gehäuse auf drei Beinen, und die Hämmer schlagen sie von unten an. Flügel sind etwa 1,40 bis 3,08 Meter lang und wiegen rund 260 bis 700 Kilogramm. Neue Flügel kosten bei Thomann ab 6.790 Euro (Stand: 13. September 2026).

Harmonium

Harmonium

Das Harmonium ist ein Tasteninstrument, dessen Ton von durchschlagenden Metallzungen stammt. Den Wind erzeugt der Spieler selbst: Zwei Fußtritte füllen einen Balg, dessen Luftstrom die Zungen in Schwingung versetzt. Registerzüge schalten ganze Zungensätze zu und ändern damit Lautstärke und Klangfarbe. Neben dem europäischen Möbelharmonium mit Fußantrieb steht das kleine indische Harmonium, dessen Balg die linke Hand bedient.