Musikalische Formen

6 Min. Lesezeit
Redaktion
Eine handgeschriebene Partitur mit mehreren Systemen. Foto: WikimediaImages / Pixabay.
Eine handgeschriebene Partitur mit mehreren Systemen. Foto: WikimediaImages / Pixabay.

Zusammenfassung

Die musikalische Form beschreibt, wie ein Stück in Abschnitte gegliedert ist und welche davon wiederkehren. Die Abschnitte tragen Großbuchstaben: A steht für das erste Material, B für einen neuen Teil. Aus diesen Folgen entstehen die Liedform, das Rondo, die Variation und die Sonatenhauptsatzform, in der Popmusik die Folge aus Strophe und Refrain. Kanon und Fuge ordnen dagegen die Stimmen zueinander statt die Abschnitte nacheinander.

Die musikalische Form beschreibt, wie ein Stück in Abschnitte zerfällt und welche dieser Abschnitte wiederkehren. Die Formenlehre bezeichnet sie mit Großbuchstaben: A steht für das zuerst erklingende Material, B für einen Teil mit neuem Thema, C für einen weiteren. Aus wenigen solcher Folgen bestehen die meisten Stücke der europäischen Musik. Kanon und Fuge fallen aus diesem Schema heraus, weil sie nicht Abschnitte nacheinander ordnen, sondern Stimmen zueinander.

A Bzweiteilige Liedform
A B A C ARondo
3Teile der Sonatenhauptsatzform
BuchstabenBezeichnung der Abschnitte

Was ist eine musikalische Form?

Eine musikalische Form ist das Muster aus Wiederholung und Gegensatz, nach dem ein Stück gebaut ist. Wer eine Form bestimmt, hört ein Stück durch und notiert bei jedem neuen Abschnitt nur eine Frage: schon gehört oder neu? Daraus entsteht eine Buchstabenfolge, die sich zwischen Stücken vergleichen lässt, unabhängig von Tonart, Besetzung und Länge.

MerkmalMusikalische Formen
GebietMusiktheorie, Formenlehre
BezeichnungGroßbuchstaben, A für das erste Material
Zweiteilige LiedformAB
Dreiteilige LiedformABA
RondoABACA, auch längere Folgen
VariationThema mit anschließenden Veränderungen
SonatenhauptsatzformExposition, Durchführung, Reprise
Polyphone FormenKanon und Fuge
PopmusikStrophe, Refrain, Bridge

Welche musikalischen Formen gibt es?

Fünf Grundmuster decken den größten Teil des Repertoires ab. Sie unterscheiden sich darin, wie oft das erste Material zurückkehrt und wie viel neues dazwischen steht.

Zweiteilige Liedform A B Dreiteilige Liedform A B A Rondo A B A C A Variationen Thema Variation 1 Variation 2 Variation 3 Variation 4 Sonatenhauptsatzform Exposition Durchführung Reprise Strophe und Refrain in der Popmusik Strophe Refrain Strophe Refrain Bridge Refrain Zeitlicher Verlauf des Stücks von links nach rechts. Gleiche Farbe bedeutet gleiches Material.
Jede Zeile zeigt eine Form als Folge ihrer Abschnitte. Blau markiert das wiederkehrende Material, hell den ersten Gegensatz, grau einen dritten Teil. Die Variationen behalten das Material des Themas und verändern es.
  • Zweiteilige Liedform stellt zwei Abschnitte nebeneinander, ohne dass der erste wiederkehrt. Viele Volkslieder und Tänze der Barockzeit folgen ihr.
  • Dreiteilige Liedform rahmt einen Mittelteil mit demselben Material ein. Das Menuett mit Trio und anschließender Wiederholung ist ihr bekanntester Fall.
  • Rondo lässt einen Refrainteil immer wieder zurückkehren und schiebt jedes Mal einen neuen Teil dazwischen. Es steht oft als Schlusssatz einer Sonate oder eines Konzerts.
  • Variation stellt ein Thema an den Anfang und verändert es danach mehrfach, etwa in der Melodieführung, der Begleitung, der Harmonik oder im Rhythmus. Der Zusammenhang bleibt hörbar, weil Harmoniefolge und Länge meist erhalten bleiben.
  • Strophe und Refrain bestimmen die Popmusik. Die Strophe erzählt weiter und wechselt den Text, der Refrain bleibt gleich und trägt die Hauptmelodie.

Ein neuer Buchstabe steht für neues Material, nicht für einen neuen Takt. Die Formanalyse zählt keine Takte, sondern vergleicht Abschnitte. Ein Teil bekommt denselben Buchstaben wie ein früherer, wenn Thema und Harmoniefolge wiederkehren, auch wenn die Begleitung sich geändert hat. Erst ein anderes Thema rechtfertigt einen neuen Buchstaben.

Wie ist die Sonatenhauptsatzform aufgebaut?

Die Sonatenhauptsatzform besteht aus drei Teilen und regelt neben der Themenfolge auch die Tonarten. Sie steht meist im ersten Satz einer Sonate, einer Sinfonie oder eines Streichquartetts und prägt seit der Wiener Klassik den Aufbau dieser Gattungen.

  • Exposition stellt zwei Themen vor. Das Hauptthema steht in der Grundtonart, das Seitenthema in einer verwandten Tonart, bei Dur meist in der Dominante, bei Moll meist in der Paralleltonart. Eine Überleitung führt von der einen in die andere.
  • Durchführung zerlegt das vorgestellte Material und verarbeitet einzelne Teile davon. Sie wechselt häufig die Tonart und ist der Abschnitt mit der größten harmonischen Spannung.
  • Reprise bringt beide Themen zurück, nun beide in der Grundtonart. Genau darin liegt ihr Sinn: Der tonartliche Gegensatz der Exposition wird aufgelöst.

Vor der Exposition kann eine langsame Einleitung stehen, nach der Reprise eine Coda als Schlussteil. Beide gehören nicht zum Kern der Form und fehlen in vielen Sätzen.

Was unterscheidet Kanon und Fuge als musikalische Formen?

Beide Formen lassen mehrere Stimmen dieselbe Melodie zeitversetzt spielen, aber der Kanon hält daran fest und die Fuge löst sich davon. Im Kanon führt jede Stimme die Melodie von Anfang bis Ende durch, nur um einen festen Abstand versetzt. Wer die erste Stimme kennt, kennt alle.

Die Fuge beginnt ähnlich: Eine Stimme stellt das Thema allein vor, die nächste antwortet damit auf einer anderen Tonstufe, meist auf der Quinte, bis alle Stimmen eingetreten sind. Danach geht die Fuge ihren eigenen Weg. Zwischenspiele ohne vollständiges Thema wechseln mit weiteren Themeneinsätzen in wechselnden Tonarten. Der Komponist legt die Reihenfolge fest, ein starres Muster gibt es nicht.

Für die Fuge ist die Pfeifenorgel das naheliegende Instrument, weil ein Spieler dort mit zwei Manualen und dem Pedal drei bis vier Stimmen gleichzeitig führen und über die Registrierung voneinander abheben kann.

Welche Form hat ein Popsong?

Ein Popsong wechselt zwischen Strophe und Refrain und ergänzt beide um kurze Rahmen- und Übergangsteile. Die Folge ist so verbreitet, dass Abweichungen davon als bewusstes Mittel wahrgenommen werden.

  • Intro stellt Tonart, Tempo und Klangbild her, oft mit dem Material des Refrains.
  • Strophe trägt den fortlaufenden Text auf gleichbleibender Musik.
  • Pre-Chorus steigert über wenige Takte hin zum Refrain und steht nicht in jedem Song.
  • Refrain wiederholt Text und Melodie unverändert und bildet den Zielpunkt.
  • Bridge bringt einmalig neues Material, meist nach dem zweiten Refrain.
  • Outro schließt ab, häufig durch Wiederholung des Refrains bis zum Ausblenden.

Wie hört man die Form eines Stücks heraus?

Die Form erschließt sich über die Grenzen zwischen den Abschnitten, nicht über die Abschnitte selbst. Vier Signale markieren solche Grenzen zuverlässig: ein Wechsel der Tonart, ein Wechsel der Besetzung oder Instrumentierung, ein Sprung in der Dynamik und ein Schluss, auf den eine Pause oder ein neuer Anlauf folgt.

Beim ersten Durchhören genügt es, die Zeitmarken dieser Grenzen zu notieren. Beim zweiten Durchgang vergleicht man die entstandenen Abschnitte paarweise und vergibt Buchstaben. Bei Aufnahmen mit sichtbarer Wellenform hilft ein Blick auf die Lautstärkeverläufe, weil Abschnittsgrenzen dort oft schon vor dem Hören zu sehen sind.

Häufige Fragen zu musikalischen Formen

Was ist die Liedform in der Musik?

Die Liedform ist die einfachste musikalische Form und besteht aus zwei oder drei Abschnitten. Die zweiteilige Liedform stellt zwei Teile nebeneinander und heißt AB, die dreiteilige rahmt einen Mittelteil ein und heißt ABA. Volkslieder, Tänze und viele Instrumentalsätze folgen einer dieser beiden Folgen.

Wie ist ein Rondo aufgebaut?

Ein Rondo lässt einen wiederkehrenden Hauptteil mit neuen Abschnitten abwechseln, in der Grundform als ABACA. Der Teil A kehrt nach jedem Einschub zurück und bildet damit den Bezugspunkt des Satzes. Längere Rondos setzen die Reihe mit weiteren Buchstaben fort, häufig als Schlusssatz einer Sonate oder eines Solokonzerts.

Was ist der Unterschied zwischen Kanon und Fuge?

Im Kanon führen alle Stimmen dieselbe Melodie vollständig durch, nur zeitversetzt. In der Fuge tritt das Thema zu Beginn ebenfalls nacheinander in allen Stimmen auf, danach wechseln Zwischenspiele ohne Thema mit weiteren Themeneinsätzen in anderen Tonarten. Der Kanon folgt also einer festen Regel, die Fuge einem Bauplan mit Spielraum.

Welche Form hat ein typischer Popsong?

Ein typischer Popsong folgt der Reihe Intro, Strophe, Refrain, Strophe, Refrain, Bridge, Refrain und Outro. Die Strophe wechselt den Text und treibt die Erzählung voran, der Refrain bleibt in Text und Melodie gleich. Die Bridge erscheint meist nur einmal und bringt das einzige neue Material des Songs.

Weitere Artikel in Musiktheorie

Noten lesen

Noten lesen

Noten lesen heißt, aus der Position eines Notenkopfes eine Tonhöhe und aus seiner Form eine Dauer abzulesen. Das Notensystem besteht aus fünf waagerechten Linien und vier Zwischenräumen, gelesen wird von links nach rechts. Je höher ein Notenkopf steht, desto höher klingt der Ton. Welchen Ton eine bestimmte Linie trägt, legt der Notenschlüssel am Zeilenanfang fest.

Notenschlüssel

Notenschlüssel

Der Notenschlüssel steht am Anfang jeder Notenzeile und legt fest, welche Tonhöhe die Linien des Systems tragen. Ohne ihn zeigt das Liniensystem nur ein Auf und Ab, aber keine bestimmten Töne. Gebräuchlich sind drei Familien: der G-Schlüssel als Violinschlüssel, der F-Schlüssel als Bassschlüssel und der C-Schlüssel als Alt- oder Tenorschlüssel. Jede legt das System in den Bereich, in dem eine Stimme überwiegend liegt, und spart damit Hilfslinien.

Notenwerte

Notenwerte

Notenwerte geben an, wie lange ein Ton klingt. Sie nennen keine Sekunden, sondern Verhältnisse: Jeder Wert dauert halb so lang wie der nächstgrößere. Aus einer Ganzen werden zwei Halbe, vier Viertel, acht Achtel und sechzehn Sechzehntel. Wie lang eine Viertel tatsächlich klingt, entscheidet erst das Tempo des Stücks.

Obertöne

Obertöne

Ein klingender Ton besteht nicht aus einer einzigen Frequenz, sondern aus dem Grundton und den Obertönen darüber, deren Frequenzen ganzzahlige Vielfache des Grundtons sind. Welcher dieser Teiltöne wie stark mitklingt, ergibt die Klangfarbe: Geige und Flöte spielen denselben Ton und klingen trotzdem verschieden. Dieselbe Reihe erklärt die Naturtöne der Blechblasinstrumente und die Flageoletttöne der Saiteninstrumente.