Der Lusheng ist eine Mundorgel mit freischwingenden Metallzungen, die die Miao (Hmong) und die Dong im Südwesten Chinas spielen, vor allem in den Provinzen Guizhou, Yunnan und Guangxi. Mehrere Bambuspfeifen mit je einer Zunge und einem Griffloch stecken schräg in einem Windkasten aus Hartholz; erst wenn ein Finger das Griffloch schließt, klingt die zugehörige Pfeife. Dieselbe Bauweise verbindet den Lusheng mit dem chinesischen Sheng und dem laotischen Khaen, mit denen er die Familie der ostasiatischen Freireed-Mundorgeln bildet. In Laos, Vietnam und Thailand spielen Hmong-Gemeinden ein baugleiches Instrument unter dem Namen Qeej. Der Lusheng ist außerdem ein Tanzinstrument: Die spielende Person bewegt sich beim Spielen, oft in einer festgelegten Choreografie.
Wie ist der Lusheng aufgebaut?
Der Lusheng besteht aus einem spindelförmigen Windkasten aus Hartholz, meist Kiefer, Zeder oder Wutong-Holz, den ein Band aus Bambusstreifen oder Rattan zusammenhält, sowie einer seitlich eingesetzten Blasröhre zum Mund der spielenden Person. Durch den Windkasten führen fünf bis sechs Bambuspfeifen unterschiedlicher Länge schräg nach oben; jede Pfeife ist am unteren Ende durch einen natürlichen Bambusknoten verschlossen und trägt dort im Inneren des Windkastens eine hauchdünne, freischwingende Zunge aus einer Bronzelegierung. An jeder Pfeife sitzt außerdem ein Griffloch: Erst wenn ein Finger dieses Loch schließt, kann die zugehörige Zunge schwingen und der Ton erklingt. Ein Bambusrohr größeren Durchmessers über dem oberen Ende jeder Pfeife dient als Resonator und verstärkt den Klang.
| Merkmal | Lusheng |
|---|---|
| Familie | Aerophon, Mundorgel mit freischwingenden Metallzungen |
| Ursprungsregion | Guizhou, Yunnan, Guangxi und Sichuan (Südwestchina) |
| Weitere Verbreitung | Nordvietnam, Laos, Nordthailand (dort als Qeej) |
| Spielende Völker | Miao (Hmong), Dong; Hmong-Gemeinden außerhalb Chinas |
| Pfeifenzahl, Grundform | 5 bis 6, moderne Konzertausführungen bis 20 |
| Material Windkasten | Hartholz, meist Kiefer, Zeder oder Wutong-Holz |
| Material Pfeifen und Zungen | Bambus, Zunge aus einer Bronzelegierung |
| Größenspanne | rund 15 Zentimeter (Sopran) bis 210 Zentimeter (Kontrabass) |
| Kulturerbestatus | seit 20. Mai 2006 nationales immaterielles Kulturerbe Chinas |
Wie erzeugt der Lusheng seinen Ton?
Der Lusheng erzeugt seinen Ton über die freischwingende Zunge in jeder Pfeife, die auf den Luftstrom anspricht, egal ob die spielende Person durch die Blasröhre bläst oder einatmet. Bleibt das Griffloch einer Pfeife offen, entweicht die Luft dort, bevor sie genug Druck vor der Zunge aufbaut, und die Pfeife bleibt stumm; schließt ein Finger das Loch, staut sich die Luft, die Zunge schlägt gegen ihren Rahmen und der Ton setzt ein. Weil mehrere Finger gleichzeitig mehrere Löcher schließen können, klingen mehrere Pfeifen zusammen und ergeben Melodie, Begleitstimme und einen liegenden Grundton zugleich.
Am Lusheng schaltet das Griffloch den Ton ein, nicht das Blasen allein. Erst wenn ein Finger das Loch einer Pfeife schließt, staut sich die Luft vor deren Zunge und der Ton setzt ein; bei offenem Loch bleibt die Pfeife stumm.
Welche Größen und Bauformen hat der Lusheng?
Der Lusheng kommt in mehreren Größenklassen vor, die in China nach Registern benannt sind: Sopran-Lusheng messen etwa 15 bis 30 Zentimeter, Alt-Ausführungen 30 bis 58 Zentimeter, Bass-Lusheng 58 bis 105 Zentimeter, und die größte Klasse, in China als Kontrabass bezeichnet, erreicht 105 bis rund 210 Zentimeter. In einem Ensemble übernehmen die kleinen Instrumente die Melodie, während die langen Bass- und Kontrabass-Lusheng liegende Grundtöne beisteuern. In den 1950er-Jahren erweiterten chinesische Instrumentenbauer die Bauform auf 18 bis 20 Pfeifen mit Metallresonanzrohren; diese Konzert-Lusheng spielen chromatisch über rund zwei Oktaven und ermöglichen so mehrstimmige Orchesterarrangements.
Wie spielt man den Lusheng?
Die spielende Person hält den Windkasten mit beiden Händen vor dem Körper, führt die Blasröhre zum Mund und erreicht mit den Fingern die Löcher der einzelnen Pfeifen. Der Lusheng wird meist im Stehen und in Bewegung gespielt, oft im eigens dafür entstandenen Lusheng-Tanz mit zwei Grundformen: In der Reihentanzform dreht sich eine Gruppe von Spielern um die Person mit dem größten Lusheng als Achse, in der Schritttanzform führen zwei gleich große Spieler die übrigen im Kreis an. Die Schrittfolgen reichen von einfachen Drei- und Vierschritt-Mustern bis zu Sechsschritt-Drehungen, bei denen beide Knie federn und Ober- und Unterkörper gegenläufig schwingen. In Teilen von Guizhou, Yunnan und Sichuan spielen manche Tänzer den Lusheng zusätzlich über Kopf, während einer Bodenrolle oder im Sprung über ein Hindernis, ohne den Ton abreißen zu lassen.
Was unterscheidet den Lusheng vom Sheng und vom Khaen?
Der Lusheng teilt sein Klangprinzip mit dem chinesischen Sheng und dem laotischen Khaen: Alle drei sind Mundorgeln mit freischwingenden Metallzungen und Grifflöchern, die den Ton erst durch Schließen freigeben. Er unterscheidet sich durch die Form des Windkastens und die Pfeifenzahl: Der Sheng bündelt 17 bis 38 Pfeifen kreisförmig um eine runde Windkammer, der Khaen führt seine Pfeifen in zwei flachen Reihen, während der traditionelle Lusheng nur fünf bis sechs, dafür deutlich längere Pfeifen trägt. Der einpfeifige Bawu zählt trotz freischwingender Zunge nicht zu den Mundorgeln, weil er wie eine Querflöte über Grifflöcher an nur einer Pfeife gespielt wird.
Welche Feste und Anlässe prägen den Lusheng?
Der Lusheng ist bei den Miao vor allem mit den Lusheng-Festen verbunden, die in Dörfern Guizhous, Yunnans und Sichuans an unterschiedlichen Terminen stattfinden, viele davon im ersten Monat des chinesischen Mondkalenders. Junge Männer spielen dabei im Kreis, während junge Frauen in traditioneller Tracht dazu tanzen; weil die Feste zu den wenigen Gelegenheiten zählen, bei denen junge Leute aus benachbarten Dörfern zusammentreffen, tragen sie bis heute auch einen Zug der Partnersuche. Bei Wettbewerben treten einzelne Spieler oder Fünfergruppen gegeneinander an, und die Sieger schmücken ihren Lusheng mit einem roten Band als Auszeichnung für das Dorf. Am 20. Mai 2006 nahm der chinesische Staatsrat die Herstellungstechnik des Lusheng der Miao in die erste nationale Liste des immateriellen Kulturerbes auf. In Laos, Vietnam und Thailand begleitet dasselbe Instrument unter dem Namen Qeej vor allem Begräbniszeremonien der Hmong und weist dabei der Seele der verstorbenen Person den Weg zu den Ahnen.
Häufige Fragen zum Lusheng
Was ist ein Lusheng?
Ein Lusheng ist eine Mundorgel mit freischwingenden Metallzungen, die vor allem die Miao (Hmong) und die Dong im Südwesten Chinas spielen. Mehrere Bambuspfeifen mit je einer Zunge und einem Griffloch stecken schräg in einem Windkasten aus Hartholz, eine Blasröhre führt die Atemluft der spielenden Person hinein. Er gehört zur selben Instrumentenfamilie wie der Sheng und der Khaen.
Wie viele Pfeifen hat ein Lusheng?
Ein traditioneller Lusheng hat meist fünf bis sechs Pfeifen. Moderne Konzertausführungen, die seit den 1950er-Jahren gebaut werden, tragen 18 bis 20 Pfeifen und zusätzliche Metallresonanzrohre, wodurch sie chromatisch spielbar sind und einen deutlich größeren Tonumfang erreichen.
Warum tanzen Lusheng-Spieler beim Spielen?
Lusheng-Spieler tanzen, weil der Lusheng-Tanz fester Bestandteil des traditionellen Spiels bei den Miao ist. In der Reihentanzform drehen sich mehrere Spieler um die Person mit dem größten Lusheng, in der Schritttanzform führen zwei gleich große Spieler die Choreografie an. In Guizhou, Yunnan und Sichuan zeigen manche Spieler zusätzlich akrobatische Varianten wie das Spiel über Kopf oder während einer Rolle am Boden.
Was ist der Unterschied zwischen Lusheng und Qeej?
Lusheng und Qeej bezeichnen dasselbe Instrument unter zwei Namen: Lusheng ist die chinesische Bezeichnung, Qeej der Name bei Hmong-Gemeinden in Laos, Vietnam und Thailand. Die Bauweise mit Bambuspfeifen, freischwingenden Zungen und Windkasten aus Hartholz ist identisch; unterschiedlich ist vor allem der Anlass: Der Lusheng der Miao in China begleitet Feste und Tänze, der Qeej der Hmong spielt traditionell außerdem bei Begräbniszeremonien eine zentrale Rolle.



