Der Lusheng ist ein traditionelles Musikinstrument, das vor allem bei den Miao (Hmong) und den Dong im Südwesten Chinas gespielt wird, insbesondere in den Provinzen Guizhou, Guangxi und Yunnan, sowie in Teilen von Laos und Vietnam. Es ist eine Mundorgel mit freien Schwingzungen und gehört damit zur selben Instrumentenfamilie wie der chinesische Sheng und der laotische Khene. Ein Windkasten aus Holz oder einem ausgehöhlten Kürbis trägt mehrere Bambuspfeifen unterschiedlicher Länge, die in zwei Reihen aus dem Kasten herausragen. Der Lusheng wird senkrecht an den Mund gehalten und durch Blasen und Saugen zum Klingen gebracht. Er wird meist in Gruppen gespielt, oft in Verbindung mit einem traditionellen Tanz, bei dem die Musiker im Kreis tanzen, während sie spielen. Der Lusheng ist ein wichtiger Bestandteil der Kultur der Miao und Dong und wird bei traditionellen Festen und Feierlichkeiten gespielt.
Wie klingt der Lusheng?
Der Klang des Lusheng ist einzigartig und unverwechselbar. Er entsteht durch freie Metallzungen, die in den Bambuspfeifen sitzen und beim Ein- und Ausatmen des Spielers in Schwingung geraten. Dadurch können mehrere Töne gleichzeitig erklingen, sodass Melodie und Begleitakkorde gemeinsam entstehen. Der Klang ist reichhaltig, schwirrend und leicht nasal, mit einem tiefen Grundton aus den längeren Pfeifen und helleren Tönen aus den kürzeren.
Da im Ensemble mehrere Lusheng unterschiedlicher Größe gespielt werden können, reicht die Klangpalette von einem satten, brummenden Bass der großen Instrumente bis zu hohen, durchdringenden Tönen der kleinen Handinstrumente, die sich zu einem vielstimmigen, dichten Klangbild verbinden. Dieses Zusammenspiel unterschiedlicher Register ist ein wesentliches Merkmal der Lusheng-Musik und unterscheidet sie von vielen anderen asiatischen Mundorgeln, die meist nur in einer einzigen Größe gespielt werden.
Woraus besteht der Lusheng?
Der Lusheng besteht aus einem Windkasten aus Holz oder einem ausgehöhlten Kürbis, der als Mundstück und Resonanzkörper zugleich dient. In den Windkasten sind fünf bis acht Bambuspfeifen unterschiedlicher Länge eingesetzt, die in zwei parallelen Reihen nach oben herausragen und dort mit Bienenwachs oder Harz befestigt und abgedichtet werden. In jeder Pfeife sitzt in Höhe des Windkastens eine kleine Metallzunge, meist aus Kupfer oder Silber, die durch den Luftstrom in Schwingung versetzt wird. Jede Pfeife besitzt außerdem ein Griffloch: Erst wenn dieses geschlossen wird, kann die zugehörige Zunge schwingen und ein Ton erklingt.
Größere Lusheng-Ensembles verwenden Instrumente unterschiedlicher Größe, von kleinen, hoch gestimmten Handinstrumenten bis zu mehrere Meter langen Bass-Lusheng mit tiefem, brummendem Klang, die beim Spielen auf dem Boden abgestützt oder von einer zweiten Person gehalten werden müssen. Der Lusheng hat weder Saiten noch einen Bogen noch ein Pedal, seine Tonerzeugung beruht ausschließlich auf den freien Metallzungen in den Pfeifen. In manchen Regionen werden zusätzlich verzierte, geschnitzte Windkästen mit traditionellen Mustern der Miao oder Dong gefertigt, die den Lusheng auch optisch zu einem Ausdruck der jeweiligen Kultur machen.
Wie spielt man den Lusheng?
Der Lusheng wird senkrecht vor dem Körper gehalten, der Windkasten liegt dabei zwischen beiden Händen am Mund. Der Spieler bläst und saugt abwechselnd Luft durch die Öffnung im Windkasten, wodurch die Metallzungen in den Pfeifen zum Klingen gebracht werden.
Mit den Fingern beider Hände werden die kleinen Löcher an den einzelnen Pfeifen geöffnet und geschlossen. Nur bei geschlossenem Loch kann die zugehörige Zunge schwingen. So können sowohl einzelne Melodietöne als auch mehrstimmige Akkorde erzeugt werden.
Der Lusheng wird meist im Stehen und in Bewegung gespielt: Die Musiker tanzen dabei häufig im Kreis oder in choreografierten Formationen, während sie gleichzeitig blasen. Dabei bewegt sich der Windkasten mit dem Körper, während die Finger unabhängig davon die Grifflöcher steuern, eine Technik, die viel Koordination erfordert. Bei größeren Festen treten oft mehrere Lusheng-Spieler mit unterschiedlich großen Instrumenten gemeinsam auf, sodass ein mehrstimmiges Klangbild aus Melodie, Begleitstimmen und Bass entsteht.
Der Lusheng ist ein sehr flexibles Instrument, das eine Vielzahl von Klängen und Melodien erzeugen kann. Er ist ein sehr beliebtes Instrument bei den Miao und Dong und wird häufig bei traditionellen Festen gespielt.
Typische Musikstile mit dem Lusheng
Der Lusheng ist untrennbar mit den Lusheng-Festen der Miao verbunden, die vor allem in der Provinz Guizhou zum chinesischen Neujahr und zu anderen traditionellen Anlässen stattfinden. Bei diesen Festen treten oft mehrere hundert Lusheng-Spielerinnen und -Spieler gemeinsam auf, begleitet von kunstvollen Tänzen in traditioneller Tracht, bei denen sich die Tänzerinnen und Tänzer häufig in großen Kreisen um die spielenden Musiker bewegen.
Der Lusheng dient dabei nicht nur der Unterhaltung, sondern hat auch soziale Funktionen: Er wird traditionell bei der Werbung und Partnersuche junger Menschen ebenso eingesetzt wie bei religiösen Zeremonien und Bestattungsritualen. In manchen Miao-Gemeinden werden regelrechte Lusheng-Wettbewerbe ausgetragen, bei denen Gruppen gegeneinander antreten und sowohl die musikalische Fertigkeit als auch die Ausdauer und Koordination beim Tanzen bewertet werden. Auch bei den Dong, einer weiteren Minderheit im Südwesten Chinas, gehört der Lusheng zu den zentralen Instrumenten der traditionellen Musik und wird dort häufig gemeinsam mit Gesang und Trommeln kombiniert.
Bekannte Lieder mit dem Lusheng
Die Musik des Lusheng ist vor allem mündlich überliefert und eng mit Tanz und Ritual der Miao und Dong verbunden, weshalb sich einzelne Stücke selten festen Titeln oder Komponistinnen und Komponisten zuordnen lassen. Bekannt ist der Lusheng vor allem als Klangbild der großen Lusheng-Feste in Guizhou, die auch von Volksmusikensembles gepflegt und in Aufnahmen und Dokumentationen traditioneller chinesischer Minderheitenmusik festgehalten wurden. Wegen seiner großen Bedeutung für die Kultur der Miao gelten der traditionelle Bau und das Spiel des Lusheng in China als Teil des immateriellen Kulturerbes und werden an einigen Orten in Guizhou noch heute gezielt in eigenen Werkstätten an jüngere Generationen weitergegeben.



