Die Rudra-Veena ist ein ausschließlich gezupftes Chordophon und das zentrale Instrument der nordindischen Dhrupad-Tradition, der ältesten erhaltenen Form klassischer Hindustani-Musik. Sie besitzt sieben Saiten, nicht, wie gelegentlich behauptet, 24 bis 28, und wird nie mit einem Bogen gestrichen. Wegen ihrer enormen technischen Anforderungen und der langen Ausbildungszeit ist die Rudra-Veena heute vom Aussterben bedroht; ihr Fortbestand ist eng mit der Dagar-Musikerfamilie verbunden, die das Instrument im 20. Jahrhundert bewahrt und wiederbelebt hat.
Wie klingt die Rudra-Veena?
Der Klang der Rudra-Veena ist tief, voll und außergewöhnlich lang ausklingend, was ihr einen meditativen, fast kontemplativen Charakter verleiht. Die beiden großen Kürbisresonatoren verstärken vor allem die tiefen und mittleren Frequenzen, während feinste Gleit- und Verzierungstechniken (Meend, Gamak) es erlauben, Töne fließend ineinander übergehen zu lassen, ein Klangideal, das eng mit dem kontemplativen Charakter der Dhrupad-Musik verbunden ist.
Woraus besteht die Rudra-Veena?
Die Rudra-Veena besteht aus einem langen, hohlen Holzrohr (Dandi) von etwa 130 Zentimetern Länge, an dessen beiden Enden je ein großer, aus einem Flaschenkürbis gefertigter Resonator (Tumba) befestigt ist. Der breite Hals trägt fest gebundene, verschiebbare Bünde aus Metall oder Holz, die eine präzise Stimmung erlauben. Insgesamt sind sieben Metallsaiten aufgezogen: vier Hauptsaiten für die Melodie sowie drei zusätzliche Bordun- und Rhythmussaiten (Chikari), die seitlich am Griffbrett vorbeigeführt werden.
Wie spielt man die Rudra-Veena?
Die Rudra-Veena wird im Sitzen gespielt, diagonal vor dem Körper liegend, wobei sich die beiden Kürbisresonatoren auf der Schulter des Spielers beziehungsweise auf dem Boden abstützen. Gezupft werden die Saiten, niemals gestrichen, mit zwei drahtförmigen Plektren (Mizrab), die der Spieler an Zeige- und Mittelfinger der rechten Hand trägt. Die linke Hand gleitet zwischen den Bünden, um die charakteristischen fließenden Tonübergänge (Meend) der Dhrupad-Musik zu erzeugen. Wegen der enormen Reichweite der nötigen Fingertechnik und der jahrzehntelangen Lernzeit gilt die Rudra-Veena als eines der anspruchsvollsten indischen Instrumente überhaupt.
Typische Musikstile mit der Rudra-Veena
Die Rudra-Veena ist praktisch ausschließlich dem Dhrupad vorbehalten, dem ältesten erhaltenen Genre nordindischer klassischer Musik, das für seine langsame, meditative Entfaltung eines Ragas bekannt ist. Ihr Überleben als Konzertinstrument im 20. Jahrhundert ist eng mit der Dagar-Gharana, einer Musikerfamilie und -schule, verknüpft.
Bekannte Lieder mit der Rudra-Veena
Ustad Zia Mohiuddin Dagar (1929-1990) gilt als der Musiker, der die Rudra-Veena im 20. Jahrhundert als Solo-Konzertinstrument wiederbelebte; seine Live-Aufnahmen der Ragas "Yaman" sowie "Abhogi" und "Vardhani" (Seattle, März 1986) zählen zu den bekanntesten Dokumenten des Instruments. Sein Zeitgenosse Asad Ali Khan (1937-2011) entwickelte einen eigenen, kraftvolleren Dhrupad-Stil auf der Rudra-Veena. Bahauddin Dagar, Sohn von Zia Mohiuddin Dagar, führt die Familientradition bis heute als einer der wenigen aktiven Rudra-Veena-Meister fort.




