Eine 12-saitige Gitarre bespannt jede ihrer sechs Saiten mit einer zweiten, eng danebenliegenden Saite und verdoppelt den Satz so auf zwölf Saiten in sechs Paaren. Gebaut wird sie überwiegend als Westerngitarre mit Stahlsaiten, daneben gibt es sie als elektrische Bauform und, deutlich seltener, mit Nylonsaiten. Bekannt wurde das Instrument durch einzelne Musiker: Huddie "Lead Belly" Ledbetter im Blues der 1930er-Jahre, Roger McGuinn 1965 elektrisch bei The Byrds und in den 1970er-Jahren Led Zeppelin und die Eagles im Rock. Dieser Artikel erzählt diese Geschichte und die dazugehörige Musik; Aufbau, Saitenpaare und Klang der akustischen Bauform beschreibt der eigene Artikel zur 12-saitigen Westerngitarre im Einzelnen.
Welche Bauformen der 12-saitigen Gitarre gibt es?
Drei Bauformen teilen das Prinzip der sechs Saitenpaare, unterscheiden sich aber deutlich in Material und Tonerzeugung.
- 12-saitige Westerngitarre: die mit Abstand häufigste Bauform, mit Stahlsaiten und flachem Boden wie eine gewöhnliche Westerngitarre, jedoch mit breiterer Kopfplatte sowie breiterem Sattel und Steg für die sechs Saitenpaare. Chorstimmung, Klang und Korpusform beschreibt der Artikel zur 12-saitigen Westerngitarre im Detail.
- Elektrische 12-saitige Gitarre: ein massiver oder halbhohler Korpus mit Tonabnehmern statt Schallloch, gespielt über einen Verstärker. Der Hersteller Rickenbacker prägte diese Bauform ab den frühen 1960er-Jahren mit dem Modell 360/12.
- Klassische 12-saitige Gitarre: eine seltene Sonderanfertigung mit Nylonsaiten. Weil zwölf Nylonsaiten schwerer exakt zu stimmen sind als zwölf Stahlsaiten, bauen nur einzelne Werkstätten diese Variante, und sie bleibt eine Ausnahme gegenüber den beiden anderen Bauformen.
| Merkmal | 12-saitige Gitarre |
|---|---|
| Familie | Zupfinstrument, Chordophon |
| Saitenzahl | 12 Saiten in 6 Paaren (Chören) |
| Häufigste Bauform | Westerngitarre mit Stahlsaiten |
| Weitere Bauformen | elektrisch mit Tonabnehmern, selten mit Nylonsaiten |
| Bekannt gemacht im Blues | Huddie "Lead Belly" Ledbetter, ab den 1930er-Jahren |
| Bekannt gemacht im Folk-Rock | Roger McGuinn (The Byrds) mit der Rickenbacker 360/12, ab 1965 |
| Bekannte Einsätze im Rock | "Stairway to Heaven" (Led Zeppelin), "Hotel California" (Eagles) |
Wer machte die 12-saitige Gitarre im Blues bekannt?
Huddie "Lead Belly" Ledbetter machte die 12-saitige Gitarre im Blues der 1930er- und 1940er-Jahre bekannt und gilt bis heute als einer der einflussreichsten Spieler des Instruments. Er spielte eine Stella-Gitarre des Herstellers Oscar Schmidt, die eigens mit einer verstärkten Verstrebung gebaut war, um die hohe Zugkraft der besonders schweren Saiten zu tragen, die er bevorzugte. Beim Spielen setzte er Fingerpicks und einen Daumenpick ein, mit dem er eine eigenständige, wandernde Basslinie führte, während die übrigen Finger Melodie und Akkorde übernahmen. Dieser Anschlag und die schweren, tief besaiteten Chöre der Stella gaben seinen Aufnahmen einen dichten, fast klavierartigen Klang. Der Folksänger Pete Seeger griff die 12-saitige Gitarre in den 1950er-Jahren auf und trug sie über den Blues hinaus in die Folkmusik der folgenden Jahrzehnte.
Wie prägte Roger McGuinn den elektrischen Klang der 12-saitigen Gitarre?
Roger McGuinn prägte den elektrischen Klang der 12-saitigen Gitarre 1965 mit The Byrds und einer Rickenbacker 360/12. Er hatte das Modell gekauft, nachdem er im Film "A Hard Day's Night" gesehen hatte, wie George Harrison einen frühen Prototyp der elektrischen 12-saitigen Rickenbacker spielte. Auf der ersten Single der Byrds, "Mr. Tambourine Man", eröffnete McGuinns Rickenbacker das Stück mit einer perlenden Einleitung und prägte damit den hellen, glockenartigen "Jangle"-Klang, der zum Markenzeichen des Folk-Rock wurde. Der Effekt entsteht am Instrument selbst: Die vier tiefen Saitenpaare der elektrischen 12-saitigen Gitarre klingen eine Oktave auseinander, wodurch jeder Akkord über dem Grundton hinaus zusätzliche helle Obertöne mitführt, ganz ohne externes Effektgerät.
Der "Jangle"-Klang des Folk-Rock entsteht am Instrument, nicht im Studio. Die Oktavsaiten der elektrischen 12-saitigen Gitarre liefern die hellen Obertöne von selbst, ganz ohne Hall, Chorus oder andere Effektgeräte.
Welche Rocksongs der 1970er setzen auf die 12-saitige Gitarre?
Zwei Rocksongs der 1970er-Jahre setzen die 12-saitige Gitarre besonders hörbar ein: Led Zeppelins Stairway to Heaven von 1971 und die Eagles' Hotel California von 1976. Bei "Stairway to Heaven" kommt die 12-saitige Gitarre erst im dritten Abschnitt des Stücks hinzu, wo sie neben dem einsetzenden Bass die Begleitung breiter macht, bevor Schlagzeug und verzerrte E-Gitarre folgen. Live konnte Jimmy Page diesen Wechsel nicht mit zwei getrennten Gitarren nachstellen, weshalb er einen doppelhalsigen Gibson EDS-1275 mit einem sechssaitigen und einem 12-saitigen Hals spielte und zwischen beiden Hälsen wechselte.
Bei "Hotel California" eröffnet die 12-saitige Gitarre das Stück von der ersten Sekunde an: Don Felder nahm die Einleitung im Studio auf einer 12-saitigen Takamine-Akustikgitarre auf. Weil er live sowohl diese Einleitung als auch das abschließende Gitarrensolo auf einer sechssaitigen E-Gitarre spielen musste, griff auch er zu einem doppelhalsigen Gibson EDS-1275 und wechselte darauf zwischen dem 12-saitigen und dem sechssaitigen Hals, ohne das Instrument zu tauschen.
In welchen Musikstilen ist die 12-saitige Gitarre heute zu Hause?
Die 12-saitige Gitarre ist heute vor allem im Folk, im akustischen Blues und im Singer-Songwriter-Bereich zu Hause, meist in Besetzungen mit nur einer Gitarre und Gesang. Dort füllt der volle, schwebende Klang der Saitenpaare den Klangraum, den sonst eine zweite Gitarre einnehmen würde. Wer sich zunächst mit dem gemeinsamen Bauprinzip aller Gitarrentypen vertraut machen will, findet den Überblick im Artikel zur Gitarre.
Häufige Fragen zur 12-saitigen Gitarre
Hat eine 12-saitige Gitarre wirklich zwölf unabhängige Saiten?
Nein, eine 12-saitige Gitarre hat keine zwölf unabhängigen Saiten, sondern sechs Saitenpaare, auch Chöre genannt. Jeder Finger drückt beim Greifen beide Saiten eines Paares gemeinsam auf den Bund, getrennt lassen sie sich wegen des geringen Abstands kaum greifen.
Wer gilt als Pionier der 12-saitigen Gitarre im Blues?
Als Pionier der 12-saitigen Gitarre im Blues gilt Huddie "Lead Belly" Ledbetter, der das Instrument in den 1930er- und 1940er-Jahren bekannt machte. Er spielte eine eigens verstärkte Stella-Gitarre mit schweren Saiten und einem Anschlag aus Fingerpicks und wanderndem Daumen-Bass. Der Folksänger Pete Seeger griff die 12-saitige Gitarre in den 1950er-Jahren auf und trug den Klang in die Folkmusik weiter.
Welche Band prägte den elektrischen Klang der 12-saitigen Gitarre?
The Byrds prägten den elektrischen Klang der 12-saitigen Gitarre 1965 mit Roger McGuinns Rickenbacker 360/12 auf der Single "Mr. Tambourine Man". Die Oktavsaiten der elektrischen 12-saitigen Gitarre erzeugen dabei von selbst einen hellen, glockenartigen Klang, der als "Jangle" bekannt wurde und den Folk-Rock der 1960er-Jahre prägte.
In welchen bekannten Rocksongs spielt eine 12-saitige Gitarre mit?
Eine 12-saitige Gitarre spielt unter anderem in Led Zeppelins "Stairway to Heaven" von 1971 und in den Eagles "Hotel California" von 1976 eine tragende Rolle. Bei "Stairway to Heaven" setzt sie im dritten Abschnitt des Stücks ein, bei "Hotel California" eröffnet sie den Song von der ersten Sekunde an.




