Die Lirone – auch Lira da gamba oder Lirone perfetto genannt – ist ein gestrichenes Chordophon, das Bass-Mitglied der Lira-da-braccio-Familie. Sie entstand im späten 16. und frühen 17. Jahrhundert in Italien und war vor allem in der Kirchenmusik – insbesondere in jesuitischen Kontexten – sowie im Generalbass früher Opern und Oratorien verbreitet. Anders als eine Laute ist die Lirone kein Zupf-, sondern ein Streichinstrument, das zwischen den Beinen gehalten wird wie eine Gambe oder ein Cello. Man unterscheidet gelegentlich eine kleinere Lira da braccio, die auf der Schulter gespielt wird, von der hier beschriebenen, größeren Bassform, die eigens für den Generalbass konzipiert wurde.
Lirone Klang
Der Klang der Lirone ist voll, orgelartig und leicht schwebend: Weil der flache Steg das gleichzeitige Streichen mehrerer benachbarter Saiten erlaubt, kann das Instrument dichte, drei- bis fünfstimmige Akkorde in einem einzigen Bogenstrich erzeugen. Dieser fortwährende, gehaltene Akkordklang erinnert entfernt an ein kleines Portativ oder eine Drehleier und macht die Lirone zu einem idealen Generalbassinstrument, das Harmonien nicht andeutet, sondern voll ausklingen lässt. Zeitgenossen beschrieben den Klang oft als besonders geeignet, um affektvolle, klagende Textstellen in der frühen Oper harmonisch zu untermalen.
Lirone Bau
Die Lirone besitzt je nach Bauform 9 bis 16 Darmsaiten, die über einen breiten, bundierten Hals und einen auffällig flachen Steg laufen. Dieser flache Steg – anders als der stark gewölbte Steg einer Geige – ist die entscheidende Konstruktionsbesonderheit des Instruments: Er erlaubt es dem Bogen, mehrere Saiten gleichzeitig zum Klingen zu bringen, statt wie bei Melodieinstrumenten nur eine einzelne Saite anzustreichen.
Der Korpus ist birnen- oder gambenförmig mit abfallenden Schultern, der Wirbelkasten oft blattförmig mit frontal angeordneten Wirbeln. Pedale, wie sie moderne Darstellungen gelegentlich unterstellen, besitzt die Lirone nicht – die Tonhöhe wird ausschließlich über Bünde und Fingerposition auf dem Hals bestimmt. Die Bünde selbst bestanden meist aus umgebundenen Darmsaiten, die sich verschieben ließen, um das Instrument feiner an verschiedene Stimmungssysteme anzupassen, wie es in der Musikpraxis um 1600 üblich war.
Lirone Spielweise
Die Lirone wird zwischen den Knien gehalten wie eine Gambe oder ein Cello, nicht auf dem Schoß wie eine Laute. Gespielt wird sie grundsätzlich mit dem Bogen, nicht gezupft: Der flache Steg macht das gleichzeitige Streichen mehrerer Saiten überhaupt erst möglich und ist damit die technische Voraussetzung für die charakteristischen Akkordklänge des Instruments.
In der Praxis diente die Lirone fast ausschließlich als Generalbassinstrument im Continuo-Ensemble: Der Spieler realisiert die vom Komponisten notierte oder bezifferte Bassstimme durch gehaltene, gestrichene Akkorde, während Cembalo, Chitarrone oder Orgel dieselbe Harmonik ergänzen. Als Soloinstrument für virtuose Einzelmelodien wurde die Lirone dagegen kaum eingesetzt. Spieler mussten deshalb weniger die Fingerfertigkeit eines Melodieinstruments beherrschen als vielmehr ein feines Gehör für Harmonik und ein präzises Gefühl für gleichmäßigen Bogendruck über mehrere Saiten hinweg.
Typische Musikstile mit dem Lirone
Die Lirone ist ein Schlüsselinstrument der frühen italienischen Barockmusik, insbesondere des Generalbasses in Opern, Oratorien und geistlicher Musik um 1600. Berühmtestes Beispiel ist die Continuo-Besetzung von Claudio Monteverdis Oper „L'Orfeo“ (1607), in der die Lirone gezielt eingesetzt wird, um besonders feierlichen oder klagenden Passagen zusätzliches harmonisches Gewicht zu verleihen.
Mit dem Ende des Frühbarock geriet die Lirone weitgehend in Vergessenheit; erst die historische Aufführungspraxis des 20. und 21. Jahrhunderts hat das Instrument wiederbelebt. Heute wird die Lirone fast ausschließlich von spezialisierten Ensembles für Alte Musik nachgebaut und gespielt, die sich der historisch informierten Aufführungspraxis verschrieben haben.
Bekannte Lieder mit dem Lirone
- Claudio Monteverdis Oper „L'Orfeo“ (1607), in deren Continuo-Gruppe die Lirone historisch belegt eingesetzt wurde – unter anderem in Jordi Savalls vielbeachteten Einspielungen und Inszenierungen mit Le Concert des Nations.
- Arcangelo Corellis „La Follia“ (Violinsonate op. 5 Nr. 12), in historisch informierten Aufführungen unter anderem von Jordi Savall und Hespèrion XXI mit Lirone im Continuo interpretiert.
- Girolamo Frescobaldis „Partite sopra l'aria di Follia“, ebenfalls Teil des Repertoires, mit dem Savalls Album „La Folia 1490–1701“ (1998) die Geschichte dieses Themas nachzeichnet.
- Antonio Vivaldis „La Follia“ (RV 63), eines der bekanntesten Werke über dasselbe Thema, in historischen Aufführungen mit Lirone-Continuo zu hören.
- Geistliche Vokalwerke aus jesuitischen Kontexten des frühen 17. Jahrhunderts, in denen die Lirone gemeinsam mit Orgel und Chitarrone das harmonische Fundament für Chor und Solostimmen bildete.




