Der Bajan ist die russische Bauform des chromatischen Knopfakkordeons. Er teilt das Klangprinzip mit dem Akkordeon: Ein Balg presst Luft durch frei schwingende Metallzungen, und die Knöpfe öffnen dabei nur die Ventile vor diesen Zungen. Der Bajan entstand Anfang des 20. Jahrhunderts in Russland. Seinen Namen trägt er nach Bojan, einem Sänger, den die altrussische Dichtung nennt.
Wie ist ein Bajan aufgebaut?
Der Bajan besteht aus zwei Holzgehäusen und einem Faltenbalg aus Pappe, Leder und Stoff. In beiden Gehäusen sitzen Stimmstöcke mit paarweise montierten Stimmzungen: eine Zunge spricht auf Zugluft an, die andere auf Druckluft. Beide sind auf denselben Ton gestimmt, deshalb klingt jeder Knopf beim Ziehen und beim Drücken gleich.
Die rechte Seite trägt drei Hauptreihen mit Melodieknöpfen, bei größeren Instrumenten dazu zwei Hilfsreihen, die die ersten beiden Reihen wiederholen. Diese Anordnung bringt viele Töne auf kleiner Fläche unter, sodass die Hand große Sprünge ohne Lagenwechsel greift.
Die linke Seite trägt Bassknöpfe. Im Standardbass löst ein Knopf einen einzelnen Basston oder einen fertigen Akkord aus. Konzertinstrumente besitzen zusätzlich einen Konverter: Ein Hebel schaltet die linke Seite auf Freibass um, und dann greift auch die linke Hand einzelne Töne chromatisch. Erst damit spielt ein Bajan mehrstimmige Sätze, etwa Orgelliteratur. Registerschalter kombinieren daneben mehrere Zungensätze in verschiedenen Oktavlagen.
Wie klingt ein Bajan?
Der Bajan klingt voller und dunkler als ein Pianoakkordeon. Seine Zungensätze sind meist ohne Schwebung gestimmt, deshalb fehlt ihm das schwebende Tremolo der französischen Musette-Instrumente. Konzertinstrumente führen die Zungen zusätzlich durch Resonanzkammern, die die hohen Obertöne dämpfen und den Klang der Orgel annähern.
Die Lautstärke steuert allein der Balg. Ein schneller Wechsel zwischen Zug und Druck erzeugt das Balgtremolo, mit dem der Spieler einen liegenden Ton beben lässt.
Wie ein Bajan klingt, zeigt dieses Klangbeispiel:
Wie spielt man Bajan?
Der Spieler sitzt, stellt den Bajan hochkant auf den rechten Oberschenkel und hält ihn mit zwei Schulterriemen. Die rechte Hand greift die Melodieknöpfe, die linke bedient die Bassknöpfe und führt zugleich den Balg; ein Riemen am linken Handrücken überträgt den Zug.
Beide Hände spielen blind, denn keine der beiden Knopfflächen liegt im Blickfeld. Orientierung geben einzelne eingekerbte Knöpfe.
Weil jeder Knopf beim Ziehen und beim Drücken denselben Ton gibt, richtet sich der Balgwechsel allein nach der Phrasierung. Das unterscheidet den Bajan von wechseltönigen Handzuginstrumenten, bei denen die Melodie die Balgrichtung vorgibt.
Wo spielt man Bajan?
Der Bajan gehört fest zu den russischen Volksmusikorchestern, wo er neben Balalaika und Domra sitzt und Lieder wie Tänze begleitet. Daneben ist er ein Konzertinstrument: Russische Konservatorien unterrichten Bajan als eigenes Hauptfach, und Komponistinnen und Komponisten wie Sofia Gubaidulina haben Solowerke dafür geschrieben.
Außerhalb Russlands tritt der Bajan vor allem bei internationalen Akkordeonwettbewerben auf. Viele Spieler greifen dort zu ihm, weil der Konverter Literatur zugänglich macht, die ein Instrument mit reinem Standardbass nicht bewältigt.
Häufige Fragen zum Bajan
Was ist der Unterschied zwischen Bajan und Akkordeon?
Der Bajan ist eine bestimmte Bauform des Akkordeons, nämlich das chromatische Knopfakkordeon russischer Bauart. Er trägt auf der Melodieseite keine Klaviatur, sondern Knopfreihen, klingt durch die schwebungsfreie Stimmung dunkler und hat als Konzertinstrument einen Konverter für den Freibass. Klangerzeugung, Balg und Stimmzungen funktionieren bei beiden gleich.
Hat ein Bajan Tasten?
Nein, ein Bajan hat auf beiden Seiten Knöpfe und keine Klaviatur. Die Melodieseite trägt drei Hauptreihen und bei größeren Instrumenten zwei zusätzliche Hilfsreihen, die Bassseite trägt Bassknöpfe. Wer eine Klaviatur sucht, braucht ein Pianoakkordeon.
Woher kommt der Name Bajan?
Der Name Bajan geht auf Bojan zurück, einen Sänger aus der altrussischen Dichtung. Das Instrument selbst ist deutlich jünger und entstand erst Anfang des 20. Jahrhunderts. Der Name verweist also auf eine Sagengestalt, nicht auf einen Erbauer.
Ist der Bajan mit dem Bandoneon verwandt?
Ja, der Bajan und das Bandoneon gehören beide zu den Handzuginstrumenten und tragen auf beiden Seiten Knöpfe. Sie unterscheiden sich in der Knopfanordnung und in der Bauform: Das Bandoneon ist rechteckig, deutlich kleiner und in seiner klassischen Ausführung wechseltönig. Zur selben Familie zählt auch die Konzertina.




